Frankfurter Buchmesse : Wege zur Moderne, Wege in den Abgrund

Der Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität, Heinrich August Winkler, schlägt mit dem überwältigenden Band „Die Geschichte des Westens“ einen Bogen von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg.

Bernhard Schulz
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"Geschichte des Westens" umfasst imposante 1340 Seiten.

Deutschlands „langen Weg nach Westen“ hat Heinrich August Winkler, bis zu seiner Emeritierung 2007 Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität, vor knapp einem Jahrzehnt in zwei gewichtigen Bänden nachgezeichnet. Für Winkler, der 1938 in Königsberg geboren wurde, bildete stets das Jahr 1945 den Flucht- und Wendepunkt der deutschen Geschichte, genauer gesagt: des deutschen „Sonderwegs“, als der die Geschichte bis hin zu ihrem furchtbaren Abweg in den Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit meist bezeichnet worden ist.

Zumindest bis zu den wegweisenden Jahren 1989/90; denn die unerwartete deutsche Wiedervereinigung hat den Blick auf die deutsche Geschichte jedenfalls seit der gescheiterten Revolution von 1848/49 neu fokussiert. Die deutsche Teilung, in der westlichen Bundesrepublik mehr und mehr als Sühne für die Verbrechen des „Dritten Reiches“ akzeptiert, markierte mit einem Mal nicht mehr das Ende der Geschichte, das bundesdeutscherseits längst Konsens zu sein schien, ehe der amerikanische Politologe Francis Fukuyama mit dieser Hypothese Furore machte.

Winkler geht es um das "normative Projekt des Westens"

Aus der Perspektive des Hitlerreiches konnte die deutsche Geschichte nicht anders denn als schlimme Abweichung gelten – vom Westen und seinen Normen. Folgerichtig konnte es Jürgen Habermas im Historikerstreit von 1986 quasi als bundesdeutsche Staatsdoktrin formulieren, die größte Leistung der Nachkriegszeit sei „die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens“. Diese Meinung vertrat damals vehement auch Winkler.

Daran setzt er nun in seinem neuesten Werk an, einer wiederum nicht nur überaus imponierenden, sondern geradezu überwältigenden Arbeit von 1340 Seiten. Nichts Geringeres als die „Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert“ will er darlegen, und damit meint Winkler „das normative Projekt des Westens oder die westliche Wertegemeinschaft“. Denn natürlich weiß Winkler, dass mit dem Wegfall der lähmenden, intellektuell aber durchaus bequemen Ost-West-Blockkonfrontation von „dem“ Westen nicht mehr so einfach und unreflektiert die Rede sein kann. Denn was ist „der“ Westen? Französische Revolution und gewaltsamer Bruch mit dem ancien régime – und ein paar Dutzend Meilen über den Ärmelkanal hinweg das Gegenteil (von Cromwell abgesehen), nämlich Parlamentarisierung und demokratische Teilhabe in aufeinanderfolgenden Schüben?

Nein, „dem“ Westen ist mit einer Parallelerzählung seiner zahlreichen Nationalgeschichten überhaupt nicht beizukommen. Denn allein die drei Protagonisten des Westens, auf die Heinrich August Winkler naturgemäß immer wieder eingeht, England, Frankreich und vor allem die USA, folgten höchst unterschiedlichen Wegen. Und was einmal als schöner Fortschritt sich ereignete, mochte nur kurze Zeit darauf schon wieder zurückgenommen werden. Der lineare Entwicklungsgang hin zum Fortschritt – der als Idee immerhin eine typisch okzidentale ist – war in Wirklichkeit stets ein unruhiger Zickzackweg.

Mit seiner stupenden Faktenkenntnis ist Heinrich August Winkler über jeden Verdacht erhaben, Geschichte schönschreiben zu wollen. Aber er hat, für seinen bis auf den Pharao Echnaton als Begründer des Monotheismus ausholenden Gang durch die Geschichte, ein normatives Konzept. Als ältestes Kernelement benennt Winkler die Gewaltenteilung, die sich historisch in den unterschiedlichsten Formen, ob Investiturstreit, Ständeordnung oder Reformation, geäußert hat. „Zusammen mit den Ideen von den unveräußerlichen Menschenrechten, der Herrschaft des Rechts und der repräsentativen Demokratie gehört die Gewaltenteilung zum Kernbestand“ eben der westlichen Wertegemeinschaft. Ob es dazu Winklers problematischen Begriffs eines „normativen Projekts“ bedurfte, als ob irgendein Demiurg die Moderne angestoßen hätte, bleibe dahingestellt.

Grandioser Kurzabriss über die Geistes- und Ereignisgeschichte

An diesen Leitlinien entfaltet Winkler die Geschichte, und naturgemäß nimmt diejenige ab 1789 den breitesten Raum ein. Zuvor sind sechzig Seiten, im Inhaltsverzeichnis eher beiläufig markiert, der Amerikanischen Revolution gewidmet, die mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 das Gründungsdokument modernen Staatsverständnisses geliefert hat, und mit der elf Jahre später in Kraft gesetzten Verfassung die Grundlage des modernen, eben „westlichen“ Konzepts unveräußerlicher Menschenrechte. Dies sind sechzig Seiten, die in einem grandiosen Kurzabriss sowohl die Geistes- wie auch die Ereignisgeschichte zeichnen, und selbst die Religionssoziologie wird noch abgehandelt.

Nicht aber – erstaunlich genug – Max Weber, von dem Winkler ohnehin nicht allzu viel hält. Das ist insofern bemerkenswert, als gerade Weber eine Kulturgeschichte des Abendlandes ausgebreitet hat, die die Einmaligkeit im spezifisch okzidentalen Rationalismus, insbesondere dem der Lebensführung, erblickt. Winklers „normatives Projekt“ kommt bei Weber nicht oder jedenfalls nicht derart explizit vor, so dass Winkler dem großen Soziologen eine „damals schon nicht mehr zeitgemäße Sichtweise“ bescheinigt. Nun hat Weber nie eine Universalgeschichte geschrieben, wie Winkler es tut, und insofern verbietet sich ein unmittelbarer Vergleich. Aber das Urteil des Berliner Historikers fällt doch ein wenig ungnädig aus.

Dessen Stärken liegen ohnehin im Neuzeitbereich, und da kommt Winkler doch noch auf Weber zu sprechen; in Bezug auf dessen Freiburger Antrittsvorlesung von 1895, wo Weber die deutsche Reichseinigung als „Jugendstreich“ von allzu hohen Kosten abtut, „wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“ Die Scheinparlamentarisierung, die Weber damals schon im Blick hatte, lastet als Fluch auf Preußen-Deutschland, und natürlich fällt es Winkler nicht schwer, die Regentschaft Kaiser Wilhelms II. als durchweg verfehlt zu brandmarken. Aber der Autor ist fair genug, den internationalen – eben „westlichen“ – Imperialismus jener Zeit vor und um 1900 zu geißeln. Und zieht dazu, hübsch genug, des Öfteren Zitate von Marx und Engels heran.

Die westlichen Werte sind universell gültig

Immerhin: „Trotz aller Unterschiede zwischen den Systemen gab es vor 1914 ein normatives Minimum, das die Nationen des Westens untereinander verband: Es war das Bekenntnis zur ,rule of law‘ oder zu dem, was im deutschen Begriff des ,Rechtsstaates‘ zusammengefasst war.“ Und „zu den Hervorbringungen des Westens gehörte freilich auch der moderne Nationalismus: eine Ideologie, die die Nation zur höchsten Sinngebungs- und Rechtfertigungsinstanz erhob“. Diese Ideologiegeschichte gerade in ihren deutschen, romantischen Ausprägungen aus der Zeit der antinapoleonischen Befreiungskriege nachzuverfolgen, gehört ebenso zu den Stärken dieses überaus beeindruckenden Buches.

Eines steht für Winkler außerhalb jeder Diskussion: die universale Gültigkeit der westlichen Werte. Unter dieser Prämisse kritisiert er denn auch immer wieder das orthodoxe Osteuropa, insbesondere das reaktionäre Zarenreich, das sich über politische Zweckbündnisse hinaus nie dem Westen angenähert hat. Kulturellen Relativismus à la Samuel Huntington, der den West-Werten Einzigartigkeit, aber eben nicht Universalität zuschreibt, wird man bei Winkler nicht finden. Konflikte, etwa in den britischen Kolonien, sind für Winkler stets Modernisierungskonflikte, also solche um politische Teilhabe im westlichen Sinne.

Im Sommer 1914 endet jene Geschichte, die bis dahin eine Geschichte Europas plus USA war. Der Erste Weltkrieg machte dem alten Europa ein Ende, „derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt“, wie Friedrich Engels schon im Jahr 1887 vorausgesehen hatte. Heinrich August Winkler nennt diesen Satz eine „Prognose von geradezu bestürzender Klarsicht“. Und doch gab es keinen Staatslenker, nirgends, der den Weg in die Katastrophe aufgehalten hätte.

Erst mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ergebnissen spaltet sich die deutsche Geschichte radikal von der des Westens und dessen Wertegemeinschaft ab, bis hinein in die noch weitaus schlimmere Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Völkermordes. Da ist er dann, der unheilvolle Sonderweg – aber das zu beschreiben erfordert ein neues Buch, eines über das „kurze“ 20. Jahrhundert. Es ist in Arbeit.


- Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert. Verlag C. H. Beck, München 2009. 1343 Seiten, 38 €.

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