Franz Xaver Kroetz : Das Glück, nicht mehr zu schreiben

Gast beim Theatertreffen: Franz Xaver Kroetz spricht mit dem Tagesspiegel über die Einsamkeit, das Trinken und den Kapitalismus.

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Da könnte ich noch mal zum Berserker werden. Franz Xaver Kroetz in Berlin. Foto: Mike Wolff

Herr Kroetz, über dem Theatertreffen leuchtet in diesem Jahr der Satz, den Christoph Schlingensief von Joseph Beuys geborgt hat: „Zeige deine Wunde, und du wirst geheilt.“ Können Sie mit dem Gedanken etwas anfangen?

Schmarrn. Vollkommener Quatsch. Es gibt Milliarden von Menschen, die ihre Wunde zeigen und nicht geheilt werden. Aber wie der Schlingensief in seiner „Kirche der Angst“ das Theater benutzt, fast wie einen Notizblock, das hat mir gefallen. Es ist natürlich ein sehr teurer Notizblock, all die Statisten, das muss man sich leisten können. Trotzdem: Von seinem radikal privaten Zugang, der hingeworfenen Frechheit und der großen Angst, die das Ganze zusammenhält, diesem struggle for life, war ich beeindruckt.

Muss der Künstler so radikal privat werden, um wahrhaftig zu sein?

Bei einem Schriftsteller ist es ja so: Wenn er nicht von sich schreibt, ist es langweilig. Wenn er nur von sich schreibt, wird es genauso langweilig. Die Balance zu finden, hat mit Begabung zu tun, mit Genie. Nehmen Sie eine Sängerin wie die Callas. Ich habe das Gefühl, je schwieriger ihr Leben wurde, desto manierierter hat sie einerseits gesungen, und desto privater andererseits. Da hat diese Mischung zum Kunstergebnis geführt. Bei einer anderen hätte man vielleicht gesagt: Wenn die Alte nicht bald von der Bühne geht, schießen wir sie runter! (lacht)

Hat Ihnen die Kunst in schwarzen Phasen geholfen?

Die Kunst hat mich meistens vernichtet. Aber sie hat mich auch am Leben erhalten, weil ich Geld mit ihr verdient habe. Ich habe 2004 aufgehört zu schreiben, und ich bin so was von glücklich seitdem! Ich musste ja lange arbeiten, aber in dem Wissen: Mit 65 gehe ich in eine sehr gut ausgestattete Rente. Am Ende habe ich Szenen 30, 50 Mal umgeschrieben. Irgendwann habe ich mir in meinem relativ großen Arbeitszimmer, auf meinem Bauernhof, aus der Entfernung den Schreibtisch angeschaut und gedacht: Franz, wenn du ehrlich bist, an diesem Tisch finden die letzten Zuckungen eines Geisteskranken statt.

Zuletzt haben Ihre Theaterstücke auch kaum mehr Anklang gefunden.

Meine letzten fünf, sechs Stücke sind toll, aber sie werden vom Theater nicht geliebt, weil sie radikal sind, frech, weil sie wehtun. Attribute, die man heute nicht mehr haben will. Auf der anderen Seite haben sie mich sehr viel Kraft gekostet. Es gibt eine kleine Tagebuchnotiz von mir, aus dem Jahr ’91 oder ’92: „Das Schreiben ist keine Selbstverwirklichung mehr, sondern eine Selbstvergiftung.“

Waren Sie ausgebrannt?

Wenn man jung ist, bedeutet Schreiben Leben. Sich wehren, Widerstand leisten, die Wirklichkeit ficken. Als Schreiber war man König, man war Cassius Clay! Das hat ein unglaubliches Selbstwertgefühl erzeugt. Aber im Lauf der Jahrzehnte, ich schreibe ja seit über vierzig Jahren, bin ich einfach müde geworden. Es ist mir nicht leichter gefallen, sondern immer noch schwerer.

Liegt das auch daran, dass man Einsamkeit besser aushält, wenn man jung ist?

Ganz genau. Das hat mich fix und fertig gemacht. Beim Schreiben ist man ja wie ein Autist. Du steigst hinab in einen Bergwerkschlund und schürfst zweihundert Meter unter der Erde nach Worten. Das kann man aushalten, wenn man weiß, oben warten breitbeinig zehn, fünfzehn hübsche Mädchen, die sich alle freuen, wenn du wieder raufkommst. Aber wenn du das Gefühl hast: Ich sitze unten, und oben ist gar nichts – dann wird es schwer.

Auch das Trinken wird mit den Jahren nicht leichter, oder?

Was habe ich alles zusammengesoffen! Das hat mir nie etwas ausgemacht. Wobei ich dazusagen muss, ich habe nur Bier getrunken. Schreiben, Leben, Saufen, das war die heilige Dreifaltigkeit, der Sex war ja viel weniger wichtig. Wenn du älter wirst, ist Schreiben und Saufen ein Problem. Da musst du weniger trinken, habe ich auch gemacht, ging ja alles, aber dann hast du diesen einen Freund, dein Tragerl Bier neben dir, eben auch nicht mehr. Nein, um Theaterstücke zu schreiben, das hat der Sartre so schön gesagt, musst du jung und gesund sein.

Wie viele Ihrer über 60 Stücke haben vor Ihnen selbst Bestand?

Ich habe meine Stücke gelebt, ich bin als Schauspieler ja immer alles gewesen, jede Figur darin. Das muss so sein, du musst allen gerecht werden, alle Seiten sehen, Hitler und der Jude gleichzeitig sein. Das hat dazu geführt, dass von den 60 Stücken vielleicht zehn Prozent wirklich gut sind. Aus, fertig.

Was glauben Sie, warum „Wunschkonzert“, dieser auch schon 36 Jahre alte Text, noch immer so viel gespielt wird?

Dieses Stück ist wahrscheinlich das meistgespielte von mir, in vierzig oder fünfzig Ländern aufgeführt, weil es keinen Dialog hat, da ist nichts zu übersetzen, es ist leicht zu machen. Und es ist eine Geschichte, die in jeder Gesellschaft stattfinden kann – dass ein Ritual von Leben plötzlich leer wird, wie es das Fräulein Rasch, die Hauptfigur, erlebt. Dass plötzlich die Kluft zwischen dem gelebten Leben und der Außenbetrachtung dieses Lebens so groß wird, dass man sagt: Jetzt habe ich die größtmögliche Distanz zu mir selber, am besten bringe ich mich um. Das ist fast eine mythische Dimension, die hat das Stück am Leben erhalten, egal, ob in dieser wunderbaren Aufführung mit der Anne Tismer oder jetzt in der grandiosen Inszenierung von Katie Mitchell, die ich zwei Mal gesehen habe. Der Tod ist immer modern, der Selbstmord auch.

Denken Sie manchmal mit Nostalgie an die große Zeit des bayerischen Bühnen-Widerstandes der siebziger Jahre zurück, der mit den Namen Kroetz, Achternbusch, Bierbichler verbunden ist?

Ich versuche immer, diese Zeit nicht zu beschönigen. Ich weiß nicht, ob damals wirklich Impulse aus dem Theater in die Gesellschaft gingen, ob es ein politisches Theater war. Für die Zeit davor galt das sicherlich. Meine Väter waren ja Peter Weiss, auch der heute so gescholtene Rolf Hochhuth, die hatten einen dezidiert politischen Impetus, deren Fokus war auf die Gesellschaft gerichtet.

Und was halten Sie vom gegenwärtigen Theater?

Ich wollte immer wissen, wie Menschen ticken. Heute fragen sich viele Regisseure eher: Wie tickt der Raum, wie tickt dieses Video? Das Theater ist relativ menschenleer geworden, diese Menschenleere ödet mich an. Die ist aber sehr angesagt. Mein Theater ist ja sowieso ein Großvatertheater, das funktioniert noch als Volkstheater, ansonsten nicht mehr.

Haben Sie nicht das Gefühl, das politische Theater braucht Sie?

Ich brauche das Theater nicht mehr. Ich gehe gerne ins Theater, ich bin nicht stumpf geworden. Aber ich habe nicht mehr die Leidenschaft, sondern es ist ein professionelles Interesse. Wie eine Liebe, die erkaltet ist.

Kroetz als glücklicher Rentner: schwer vorstellbar.

In einer Gesellschaft, in der ein Walser jedes Jahr einen neuen Roman schreibt, wirklich gut, und der Grass jedes Jahr zwei, auch nicht schlecht, in der alle schreiben und schreiben – was ich schön finde und bewundernswert –, bin ich natürlich auf einem hoffnungslosen Trip, wenn ich sage: Es fehlt mir nicht, ich bin in diesem Punkt mit meinem Leben zufrieden. Ein Künstler darf ja nicht aufhören, der muss werkeln bis zum Schluss. Dann bin ich eben kein Künstler, dann war ich ein Selbstmörder.

An Feindbildern zumindest herrscht in Zeiten der Wirtschaftskrise doch kein Mangel.

Wir leben in einem kapitalistischen Nihilismus und bewegen uns auf ein Tohuwabohu zu, das heillos ist. Und mit so einem Befund kann man eigentlich gar nicht mehr schreiben. Da kann man höchstens noch in möglichst gutem Deutsch darüber schweigen.

Warum, glauben Sie, bleibt die große Wut aus?

Die Duldungsfähigkeit der Menschheit ist mir nach wie vor ein Rätsel. Auch dass die Leute Hartz IV so problemlos geschluckt haben, zum Beispiel. Wenn ich an die rot-grüne Bagage denke, die uns da regiert hat, könnte ich wirklich noch mal zum Berserker werden.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

Seine ersten großen

Erfolge als Dramatiker hatte er in den frühen siebziger Jahren. „Wildwechsel“, „Heimarbeit“, „Das Nest“ schildern soziales Elend in der Bundesrepublik, das von heute aus betrachtet Hartz-IV-Verhältnisse vorwegnimmt. Aber es ist ruhig geworden um den 1946 in München geborenen Autor, Schauspieler und Regisseur Franz Xaver Kroetz,

der als Baby Schimmerlos in der TV-Serie

„Kir Royal“ Maßstäbe setzte.

Am Berliner Ensemble wurde 2000 „Das Ende der Paarung“ uraufgeführt. Beim aktuellen Theatertreffen ist am Mittwoch im Berliner Festspielhaus sein

Wunschkonzert

vom Schauspiel Köln

zu sehen. Es gibt

noch Karten.

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