Literatur : Fremd bin ich eingezogen

Zwölf Leben und ein Haus in Brandenburg: Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“

Jörg Magenau

Ein Häuschen im Grünen, ein Grundstück am See, ein Garten mit Obstbäumen. So sehen Rückzugsträume von Großstädtern aus. Die Natur ist die dem Berufsalltag und der Geschichte abgewandte Seite des Lebens. Jenny Erpenbeck bringt jedoch das Kunststück fertig, einen historischen Roman, der das ganze deutsche 20. Jahrhundert umspannt, in so einer ländlichen Gegend anzusiedeln. Ort des Geschehens ist ein See in der Mark Brandenburg, auf halber Strecke zwischen Berlin und Guben gelegen. Es könnte sich also um den Scharmützelsee handeln. Ein kleiner Prolog beschreibt die Entstehung dieser Landschaft in der letzten Eiszeit, vor ungefähr 24 000 Jahren. Dieser gewaltige Zeitrahmen ist von Bedeutung. Er relativiert all die Menschheitsereignisse, die aus der Perspektive des einzelnen, kleinen Lebens betrachtet, absolut sind. In geologischen Zeiträumen gedacht, ist selbst das blutige 20. Jahrhundert kurz und schmerzlos.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte eines Hauses am See in zwölf knappen Kapiteln über zwölf verschiedene Menschen mit ihren Biografien. Sie lassen sich einzeln lesen, sind aber durch den Ort und viele oft nur beiläufig erwähnte Dinge miteinander verbunden. Alle handeln von der Sehnsucht nach einem Zuhause und von Heimatverlust, vom Ankommen und Sesshaftwerden und von Vertreibung und Flucht. Der Titel „Heimsuchung“ in seiner Doppeldeutigkeit wird schließlich zur Metapher der Existenz einer kommunistischen Schriftstellerin, die aus dem Moskauer Exil in die DDR zurückkehrt und nun mit einem von den Parteioberen protegierten Nachbarn um den Zugang zum See und den Gartenzaunverlauf streitet.

Sie, die einst Deutschland verließ, um „der Verwandlung ins Ungeheure“ zu entgehen, lebt auch nach ihrer Rückkehr im Gefühl, „auf immer ins Unbehauste hinausgestoßen“ worden zu sein. Aus diesen sparsamen Andeutungen wird die Verwandlung des kommunistischen Freiheitstraums in eine kleinbürgerliche Idylle verständlich. Wer die Heimat in so umfassendem Sinne verloren hat, braucht umso dringlicher den sicheren Grund. Wie eine Ergänzung dazu liest sich die Geschichte der Großmutter der Schwiegertochter, die als Gast in der Familie aufgenommen wird. Sie wurde von ihrem Hof in Polen vertrieben, nachdem sie dort noch einige Zeit als Magd gearbeitet hatte. „Besser fremd sein in der Fremde und nicht im eigenen Haus“, ist die Formel, in der sie ihre Erfahrungen zusammenfasst.

In der Figur der Schriftstellerin ist unschwer Jenny Erpenbecks Großmutter Hedda Zinner zu erkennen, die mit dem Schriftsteller Fritz Erpenbeck verheiratet war. Doch die Enkelin, 1967 in Ost-Berlin geboren, schreibt eben keinen Familienroman, wie es derzeit in Mode ist, obwohl diese Schriftstellerdynastie, die zum intellektuellen Adel der DDR gehörte, Stoff genug bieten würde. Da bleibt sie merkwürdig zurückhaltend und, im Vergleich zu den anderen Geschichten, fast ein wenig brav. Stärker ist die erste Hälfte des Buches, in der ein Berliner Architekt im Mittelpunkt steht. Er, der zum Mitarbeiterstab von Albert Speer gehörte, ließ das Haus im Jahr 1936 erbauen und spricht im Jargon der Zeit von seiner „Scholle“. Doch sein Kapitel spielt im Jahr 1951, als er das Haus ein letztes Mal besucht, bevor er nach West-Berlin flieht, weil er in der DDR keine Zukunft mehr für sich sieht.

Eindrucksvoll erzählt Erpenbeck vom Schicksal der jüdischen Nachbarn, deren Grundstück der Architekt 1939 günstig erwirbt, trotz der sechsprozentigen „Entjudungsgewinnabgabe“, die er zu bezahlen hat. Während er sich vormacht, den Nachbarn damit das Geld zur Flucht ins Ausland verschafft zu haben, erzählt Erpenbeck deren Geschichten weiter bis in die Gaskammer hinein oder vors Erschießungskommando, so direkt, so nüchtern und einfühlungsstark, dass es kaum auszuhalten ist. Da bewährt sich ihr präziser, auf alles Überflüssige verzichtender Stil, der nur gelegentlich ins Bedeutungshaft-Kostbare abgleitet.

Distanz gewinnt Jenny Erpenbeck dadurch, dass sie immer wieder hinter die Figur des Gärtners zurücktritt. Dessen Geschichte montiert sie zwischen die einzelnen Kapitel. Er ist der einzige, der immer da ist, aber so schweigsam. Kaum, dass er mal ein Wort spricht. Er konzentriert sich auf das, was im Lauf der Jahreszeiten gemacht werden muss. Er schneidet die Rosen, fällt alte Bäume und setzt neue, wie es ihm von den wechselnden Hausbesitzern aufgetragen wird. Mit ihm kommen die Natur und der natürliche Rhythmus der Zeit als Gegenpol zur schicksalhaften Macht der Historie ins Spiel. Doch am Ende verliert auch er seine Basis.

In der Nachwendezeit melden Alteigentümer ihre Besitzansprüche an. Das Bienenhaus, in dem er sich eingerichtet hat, wird abgerissen - und dann auch das Haus, um einem Neubau Platz zu machen.

Die Zeit ist das eigentliche Thema dieses leisen, eindrücklichen und hochpoetischen Romans. „Die Zeit scheint ihr zur Verfügung zu stehen wie ein Haus, in dem sie mal dieses, mal jenes Zimmer betreten kann“, heißt es über die fröhliche, gastfreundliche Frau des Architekten. „Während sie ihr ganzes Leben gelacht hat, sind ihre blonden Haare unmerklich weiße Haare geworden.“ Die Zeit als begehbarer Raum, der Ort als konkrete Verdichtung in der Zeit: Von hier aus greift die erzählerische Imagination weit aus, bis nach Polen, nach Russland und nach Südafrika, wohin der Sohn des Tuchfabrikanten rechtzeitig ausgewandert ist.

Erpenbeck erzählt folglich nicht streng chronologisch, sondern in Sprüngen, in geschickten Vor- und Rückblenden. Zeit ist eine subjektive Erfahrung. Doch was ist Geschichte? Ist sie etwas, in dem man sich bewegt wie die Fische im Wasser? Oder ist sie ein Werkstoff, der sich bearbeiten lässt, etwas von Menschen Gemachtes? Erpenbeck legt schon durch ihren geologischen Prolog die erste Lesart nahe. Geschichte aus der Gartenperspektive handelt vom Entstehen und Vergehen, von Eiszeiten und Tauwetter. Das Haus als Heimsuchung steht nur für eine kurze Epoche. Es wird eine Zeitlang bewohnt, aber bald wird nichts mehr an die Bewohner erinnern. Da wo es stand, ist nur noch leerer Raum. Doch dieses Haus hat Glück gehabt. Es ist zu Literatur geworden.

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2008. 192 Seiten, 17,95 €.

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