Literatur : Fremdelgefühle

Aleksandar Hemons Roman „Lazarus“ erzählt von den Paradoxien des Lebens im Exil

Wiebke Porombka
268253_0_695d1efb.jpg

Heimat ist da, wo es auffällt, wenn du weg bist. Das ist der Satz, der die beiden Erzählebenen von Aleksandar Hemons Roman „Lazarus“ verbindet. Mehr noch ist es sein unausgesprochener Umkehrschluss: Fremde ist dort, wo es auffällt, wenn du da bist. Hemons Buch, das mit einem Mord kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert beginnt und mit einem Mord knapp hundert Jahre darauf endet, ist eine Erzählung über das entwurzelte Leben im Exil und dessen kaum überwindliche Paradoxien .

Lazarus Averbuch ist keine 20 Jahre alt, als er im März 1908 in den frühen Morgenstunden im Haus des Chicagoer Polizeichefs durch sechs Schüsse getötet wird. In den Zeitungen wird man lesen, dass es sich bei dem osteuropäischen Einwanderer um einen anarchistischen Attentäter gehandelt hat. Dass er außer einem Briefumschlag und verdächtigen Pillen nichts bei sich getragen hat, ändert nichts an dem Urteil, das posthum über ihn gesprochen wird. „Körperpflege ist bei dieser Sorte Ausländer keineswegs selbstverständlich“, geht beispielsweise die perfide Beweisführung. „Anscheinend hat er nicht damit gerechnet, lebendig nach Hause zurückzukehren.“ Fremd ist jemand dort, wo es auffällt, wenn er da ist und wo sich Vorurteile um ihn ranken – mit zuweilen dramatischen Konsequenzen.

Auch Vladimir Brik, der Erzähler von Hemons Roman, der die Geschichte von Lazarus Averbuch rekonstruieren will, ist Immigrant. Anders als Lazarus, der 100 Jahre zuvor vor antisemitischen Pogromen aus der Ukraine nach Amerika floh, hat der aus Sarajevo stammende Brik Trauma und Katastrophe vor der Emigration nicht unmittelbar erfahren. Er hat Sarajevo schon 1992 Richtung Amerika verlassen, bevor der Krieg in Bosnien ausgebrochen ist, trotzdem ist er Teil seiner kulturellen Identität. Vielleicht fasziniert ihn die Geschichte von Lazarus gerade deshalb. An ihr wird konkret, was er selbst allenfalls diffus empfindet: dass dem Exil, so komfortabel die äußeren Umstände anmuten mögen, immer ein Verlorensein eingeschrieben ist.

Äußerlich verkörpert Brik, Kolumnist, angehender Schriftsteller und verheiratet mit der Chirurgin Mary, das, was andere eine perfekte Immigrantenstory nennen. Dass er selbst das anders empfindet, liegt nicht nur an seiner mäßig erfolgreichen Schriftstellerkarriere und auch nicht daran, dass ihn der Schwiegervater immer mal wieder, halb neugierig, halb spitz, auf seine fremden Sitten und Seiten hin abklopft. Der Konflikt ist auch ein innerer. Dass Brik etwa keine Kinder haben möchte, liegt an seiner Angst, sie könnten zu amerikanisch und ihm damit zu fremd werden.

Briks Wissen, diese Differenz weder ganz aufgeben zu können noch zu wollen, gewinnt Kontur, als er sich mit einem Freund, dem Fotografen Rora, auf die Spuren von Lazarus Averbuch und auf die Spuren der eigenen Vergangenheit macht. Über die Ukraine reisen sie nach Sarajevo, wo Rora vor wenigen Jahren als Kriegsberichterstatter unterwegs war und wo sie jetzt diejenigen treffen, die dem Krieg entkommen sind.

So erzählt Hemon nicht allein Averbuchs Geschichte, sondern zugleich eine moderne Variante des biblischen Mythos von der Auferstehung des Lazarus: Was passiert mit denen, fragt er, die auferstanden sind, die Massaker, Pogrome, Krieg überlebt haben? Nicht nur ist Averbuch, nachdem er den Pogromen in Osteuropa entkommen ist, in Amerika sogleich wieder dem Tod geweiht. Auch wird seine Schwester Olga auf demütigende Art und Weise darum kämpfen müssen, dass er zumindest beerdigt wird.

Die Frage, die Hemon stellt, ist aber auch die, wie lebendig ein Mensch nach der Erfahrung von Krieg und Pogromen überhaupt noch sein kann, auch wenn er sich längst wieder in die gesellschaftlichen Zusammenhänge eingegliedert zu haben scheint. Grausam eindrücklich ist eine Szene aus Averbuchs Jugend. „Pogromtschiks“ haben die Familie geschändet und blutüberströmt zurückgelassen, da erhebt sich eine der Schwestern und beginnt, wie in Trance mit den unversehrt gebliebenen Teilen des Geschirrs den Tisch zu decken.

Der Fotograf Rora geht mit seinen Erinnerungen an den Krieg anders um. Er ist ein Hochstapler und Aufschneider. Wenn man keine Vergangenheit hat, von der zu erzählen man sich überwindet, dann erfindet man sie in immer neuen Varianten. Das gilt in gewisser Weise auch für Hemon selbst. Nach „Die Sache mit Bruno“ und „Nowhere Man“ hat der in Bosnien geborene und seit 1992 in den USA lebende Hemon wiederum ein Buch über das Exil geschrieben. „Mary war wie jeder andere, weil es niemanden gab wie sie“, schreibt er über die amerikanische Frau des Erzählers. Was paradox scheint, ist die bittere Realität des Immigrantendaseins, die Hemon umtreibt: stets als Außenseiter stigmatisiert zu sein, ohne dass das Individuelle hinter der Hülle des Fremden wahrgenommen würde.

Aleksandar Hemon: Lazarus. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein.

Mit Fotografien von Velibor Božovic.

Albrecht Knaus Verlag, München 2009. 352 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben