Freundschaftsgeschichten : Die Rückseite des Mondes

Zwölf unterschiedliche Geschichten aus aller Welt über Freundschaft. Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Buch wurde in Moskau geboren.

Margit Lesemann

Es gibt Ereignisse im Leben, da meint man, keinen Ausweg zu sehen. Nichts lohnt sich mehr, nichts ist mehr möglich. Zoran und Joshua kennen dieses Schweigen, das kommt, wenn alles vorbei ist und keiner mehr weiß, wie es weitergeht. Oder wie Zorans Mutter mal sagte: Niemand rührt einen Kuchenteig, wenn er weiß, dass der Backofen kaputt ist.

Wie auf der Rückseite des Mondes, dort, wo kein Licht hinfällt, so fühlen sich die beiden Jungen. „Joshua muss weiterziehen“, das sagt sich Zoran mindestens zehnmal am Tag, denn irgendwie klingt das nicht so endgültig wie: Sein Vater hat einen neuen Job und deswegen gehen sie nach Hamburg und wohnen in einem Haus 366 Kilometer entfernt. „Joshua muss weiterziehen, kann ich besser verstehen und in meinem Kopf einordnen. Es klingt wie Aufschub. Es klingt auch hoffnungsvoll und abenteuerlich.“

„Die Rückseite des Mondes“ von Zoran Drvenkar ist nur eine der zwölf Freundschaftsgeschichten von Autoren aus aller Welt, die in dem Band „Freundschaften, Geschichten, die verbinden“ gesammelt sind, einem Band, der parallel in sieben verschiedenen Ländern erschienen ist.Die Idee zu der länderübergreifenden Anthologie entstand 2005 im Rahmen des Buchfestivals BiblioBraz in Moskau. Damals hatte Ludmila Putina, die Frau des russischen Präsidenten, First Ladies aus aller Welt zu einer Diskussionsrunde über den Zustand der Jugendliteratur in den einzelnen Ländern in den Kreml eingeladen.

In diesem Sommer war es so weit: Auf der BiblioBraz 2007 wurde der Sammelband vorgestellt, an dem zwölf international bekannte Autoren aus acht Ländern mitgewirkt haben. Paul Maar, Jutta Richter und Zoran Drvenkar aus Deutschland, Renate Welsh aus Österreich, die in diesem Jahr viel zu früh verstorbene Siobhan Dowd aus Großbritannien, Patricia MacLachlan aus den USA, Barma Abduhanidova und Sulaiman Rysbaew aus Kirgisien, Georgi Mischev aus Bulgarien, Edvard Militonyan aus Armenien und aus Russland Lidia Sytschewa und Tamara Krkjukowa. Die Illustrationen von Aljoscha Blau, der in St. Petersburg geboren wurde und heute in Berlin lebt, machen das Buch zu einem Gesamtkunstwerk.

„Dieses Buch kann Menschen einander näher bringen. Denn vor der Freundschaft kommt das Verstehen, das Wissen von und über einander. So helfen Geschichten, Menschen zu verbinden“, schreibt Doris Schröder-Köpf, die 2005 im Kreml als First Lady dabei war, im Vorwort der Geschichten. Sitten, Gebräuche, Lebensformen und Denkweisen anderer Länder kennenzulernen, dazu trägt dieses Buch auf unterhaltsame Weise bei. Wir lesen wie es anderswo in den Familien zugeht oder in der Schule, von den Sehnsüchten und Ängsten junger Menschen.

Jim, beispielsweise, ein Junge der Pavees, dem fahrenden Volk in Irland, wächst dem Leser sofort ans Herz. Mit liebevollem Einfühlungsvermögen erzählt Siobhan Dowd in „Der Fahrende und das Mädchen“ Jims Geschichte. Kaum kommt der Junge in eine neue Schule, teilen die anderen Schüler Gemeinheiten aus, beschimpfen ihn als „dreckigen Kesselflicker“. Kein Wunder, dass Jim jemanden braucht, mit dem er über alles reden kann. Doch als er in seiner Klassenkameradin Kit endlich eine Freundin gefunden hat, die ihm nicht nur Lesen beibringt, sondern ihn auch küsst, zieht die Familie schon weiter.

Ein Fahrender, das sei wie wenn man ein Fuchs ist anstatt ein Hund, sagt Jims Vater. „Ihr Sesshaften seid die Hunde, gut genährt, gut ausgebildet, und wir sind die herumstreunenden Füchse, mager und frei.“ Margit Lesemann

Freundschaften – Geschichten, die verbinden. Illustriert von Aljoscha Blau, mit einem Vorwort von Doris Schröder-Köpf. Edition quinto bei Terzio, München 2007. 216 Seiten, 19,90 Euro. Ab 12 Jahren

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben