Friedrich Flick : Der Großprofiteur

Industrie und System: Das Institut für Zeitgeschichte erklärt die tragende Rolle Friedrich Flicks im Nationalsozialismus.

Bernhard Schulz

Der Name Flick genügte, um 2003 heftigste Diskussionen über die Vereinbarung Friedrich Christian Flicks mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu entfachen. Mit der langfristigen Leihgabe seiner umfangreichen Sammlung zeitgenössischer Kunst, so der Verdacht, wolle Flick den Namen seines Großvaters vom Makel der Verstrickung in die Praktiken des NS-Regimes reinwaschen. Das war, was die Person des Enkels betrifft, ein unbegründeter Verdacht. Flankierend war seitens der Stiftung vereinbart worden, grundlegende Forschungen zur Rolle des Großvaters Friedrich Flick (1883–1972) in der Nazi-Zeit in Auftrag zu geben, die der Enkel finanzieren wollte.

Das ist geschehen. Das mit dem 500 000 Euro teuren Vorhaben betraute Münchner Institut für Zeitgeschichte, seit Beginn seiner Arbeit im Jahr 1949 ganz überwiegend mit der Hitler-Zeit beschäftigt, hat jetzt das voluminöse Buch „Der Flick-Konzern im Dritten Reich“ vorgelegt. Die fünf Autoren dieser Gemeinschaftsleistung werteten rund 40 Archive „zwischen Moskau und Washington“ aus, wie Institutsleiter Horst Möller bei der Vorstellung am Sitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin vermerkte. 47 Dokumente sind denn auch, über 200 Seiten hinweg, im Anhang des gut 1000 Seiten starken Bandes abgedruckt. Erstmals liegt eine zusammenfassende Darstellung desjenigen Unternehmens und seines Eigners vor, dessen Name wie kein zweiter als Synonym für die Verbindung von Kapitalismus und Nationalsozialismus galt. Dies hat sich durch die Münchner Studie in noch weit größerem Maße bestätigt.

Den Unterschied, den die Untersuchung gegenüber früheren Studien nochmals akzentuiert, ist der zwischen dem Wirtschaftssystem als Ganzem und der Person Friedrich Flicks. Die alte marxistische Deutung, das NS-Regime sei der Handlanger der Großindustrie gewesen, hat in den Siebzigern Furore gemacht; so im Buch von George Hallgarten und Joachim Radkau, „Deutsche Industrie und Politik“ von 1974, in dem Flicks Manöver vor 1933 als „von erheblicher, wenn auch nicht ausschlaggebender Bedeutung“ für die „Rolle der Industrie bei der Machtergreifung Hitlers“ bewertet werden.

Doch „die“ Industrie gab es nicht, sondern zumindest in der Frühphase des NS-Regimes eine Fülle von widerstreitenden Interessen. Dabei sticht die intime Nähe des nie zum inneren Kreis der „Ruhrbarone“ zählenden Flick zu den NS-Machthabern nur umso deutlicher hervor. „Kein anderer Vertreter der Schwerindustrie hat von der nationalsozialistischen Rassepolitik so sehr und so bedenkenlos profitiert wie Friedrich Flick“, heißt es über dessen „Arisierungs“-Raubzüge. Unlängst hat bereits Adam Tooze in seinem vielgerühmten Werk über die Wirtschaft im Nationalsozialismus, „Ökonomie der Zerstörung“ von 2006, die „brutalen Arisierungen“ hervorgehoben, „die von Friedrich Flick orchestriert worden“ seien.

Dasselbe gilt für den Einsatz von Zwangsarbeitern: „Zweifellos markierte der massenhafte Rückgriff auf Zwangsarbeiter das Feld der Unternehmenspolitik, auf dem die Verstrickung des Flick-Konzerns in die grausamen Eroberungspläne des nationalsozialistischen Staates die weitreichendsten Formen annahm“, heißt es im Schlusskapitel der neuen Untersuchung. „In zahlreichen konzerneigenen Betrieben herrschte ein Unterdrückungsregime, das die ohnehin menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen zusätzlich verschärfte. Darüber hinaus war der Konzern in die brutale Rekrutierungspraxis involviert.“ Das sind keine neuen, aber unvergleichlich besser belegte Erkenntnisse. Sie bildeten bereits die Hauptpunkte der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, in dem Flick Ende 1947 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde – ein höchst mildes Strafmaß, zudem wurde Flick bereits 1950 entlassen. Das ist bereits ein anderes, allerdings im Buch ausführlich behandeltes und für die Frühzeit der Bundesrepublik höchst aufschlussreiches Kapitel.

Die neue Untersuchung legt erstmals die Mechanismen innerhalb des verschachtelten Konzerns im Detail dar, die Flick vor Gericht so erfolgreich zu verschleiern wusste. Allein die bloßen Zahlen sind erschreckend genug: Während die Beschäftigtenzahl des Konzerns während des NS-Regimes sich von 13 000 auf über 130 000 verzehnfachte, erreichte der Anteil von Zwangsarbeitern konzernweit über 50 Prozent, in einzelnen der rund 115 Konzern-Firmen bis über 80 Prozent. Flick selbst war, im vollständigen Gegensatz zu dem von ihm in Nürnberg gezeichneten Bild, bis ins Einzelne über die Zustände in seinen Unternehmen informiert. Gleichwohl war Flick, wie Koautor Johannes Bähr von der FU Berlin es bei der Buchvorstellung ausdrückte, „kein überzeugter Nazi, er war eigentlich überhaupt nicht überzeugt in irgendeine Richtung, er trat in die NSDAP aus Opportunismus ein“.

Umso erschreckender ist der allmähliche Verfall aller moralischen Maßstäbe. „Die Ausbeutung von Zwangsarbeitern“ – so das Fazit des Buches – „fügte sich ebenso ungehindert von Zweifeln und Skrupeln in die ,Normalität’ von alltäglichen unternehmerischen Entscheidungen der Konzernführung ein wie die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden durch die ,Arisierung’ ihrer Betriebe.“

Andererseits macht die Untersuchung deutlich, dass Flick stets als Außenseiter agierte – hervorragend vernetzt zwar und geschickt die politischen Wendungen antizipierend, die seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise jedwedes wirtschaftliche Handeln maßgeblich bestimmten. Doch war es nicht Flick oder gar „die“ deutsche Industrie, die Hitler und sein Regime steuerten. In Hermann Görings systembedingt extrem rasch wachsenden „Reichswerken“ fand Flick eine Konkurrenz, mit der er sich zwar frühzeitig zu arrangieren trachtete und damit auch entsprechende Erfolge erzielte, die ihn jedoch später an der weiteren Entfaltung hinderte.

In Österreich, aber auch in den „Ostgebieten“, dem Ziel der barbarischen NS-Eroberungspolitik, kam Flick kaum zum Zuge. Der Primat der Politik und der Partei blieb unangetastet: „Auch ein Großindustrieller wie Flick musste sich damit abfinden, dass seine Beziehungen zu den Mächtigen des ,Dritten Reiches’ eben asymmetrisch waren. Göring konnte mit jedem Unternehmer nach Gutdünken verfahren und ließ dies auch Flick spüren, als es um die Verteilung der Pfründe in den annektierten und besetzten mittel- und osteuropäischen Ländern ging.“

Das Buch macht deutlich, wie sehr beide Seiten, das Regime und willfährige Unternehmer wie Flick, im Laufe der Verfestigung der Nazi-Diktatur aufeinander angewiesen waren. Das „Dritte Reich“ hätte seine mörderische Eroberungs- und Vernichtungspolitik nicht betreiben können, hätte ihm nicht eine hervorragend funktionierende Wirtschaft zur Verfügung gestanden. Friedrich Flick war bei weitem nicht ihr einziger, wohl aber ihr größter Profiteur.

Und der Enkel, Friedrich Christian Flick? Er hat einer Forschungsarbeit auf den Weg geholfen, die ein düsteres Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte endlich angemessen ausleuchtet. Dass ihn das Vorwort des Buches nicht ein Mal erwähnt, sondern Auftrag und Finanzierung allein der Preußen-Stiftung gutschreibt, zählt wohl zu den Besonderheiten dieses außerordentlichen Projekts.

Johannes Bähr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Kim Priemel, Harald Wixfoth: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Herausgegeben durch das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Oldenbourg Verlag, München 2008, 1018 S., 64,80 €.

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