Frühe Begegnung : Herta Müller: Hunger und Angst

Temesvar 1981: Eine frühe Begegnung mit Herta Müller - einer singulären Erscheinung, laut, zorning, scheinbar ohne Angst.

Nicole Henneberg

1983 besuchten wir Herta Müller und ihren Lebensgefährten Richard Wagner in Temesvar. Die Stimmung in der Stadt war gedrückt und beklemmend, als läge ein Schleier aus Hunger und Angst über den Straßen. In ihrem Essay „Hunger und Seide. Männer und Frauen im Alltag“ erzählt Herta Müller von einem der seltenen Tage, an denen es Fleisch zu kaufen gab: „Die Spitzhacke funkelte. Der Verkäufer hackte den rotblauen, gefrorenen Stein auseinander. Vor der Waage stand eine Schlange. Menschen mit starren Augen. Sie redeten wenig, als mache der Schlag der Spitzhacke die Zunge schwer. Die Schneide der Spitzhacke hackte immer am Rand des Steins einen Brocken ab. Der war mal größer, mal kleiner.“ Die Brocken aus Hühnerhälsen, -flügeln, -füßen, -köpfen tragen die Menschen mit bloßen Händen nach Hause. Dieses Bild der Armut ist schwer erträglich, weil sich in ihm jener Riss auftut, der hier durch alles Leben ging: das Elend, die erzwungene Würdelosigkeit, die Unfreiheit.

Herta Müller war schon damals eine singuläre Erscheinung, denn sie sprach laut, zornig und scheinbar ohne Angst über das, was sie täglich sah und erlebte. Wir saßen in einem frostigen Restaurant, und sie beschrieb detailliert und drastisch ihre Situation in der Fabrik, die Dauerbespitzelung durch die Securitate, die tägliche Not, den Diebstahl des eigenen Lebens. Alle Leute ringsum zogen die Köpfe ein und rückten unauffällig von uns ab. Als wäre sie von einem anderen Stern, so wirkte Herta Müller mit ihrer Punkfrisur. Nicole Henneberg

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