Literatur : Für einen Umweg mehr geb ich jede Geschichte her

Meister der Aufschübe: Der Stroemfeld Verlag beginnt eine Kritische Robert-Walser-Ausgabe

Manuel Gogos
285854_0_ffd6647a.jpg

Kaum jemand, der Robert Walser seit seiner Wiederentdeckung in den sechziger Jahren nicht zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählen würde. Jenen Mann, der am 25. Dezember 1956 unweit einer Schweizer Nervenheilanstalt tot aufgefunden wurde, ausgestreckt im Schnee, gestorben bei seinem Weihnachtsspaziergang. Sein Werk liegt bei Suhrkamp unübersehbar vor. Wozu also eine kritische Ausgabe in Faksimile-Form? In den letzten zehn Jahren musste Walsers Bild laufend revidiert werden – was auch damit zusammenhängt, dass sein Werk noch immer wächst: Je länger er tot ist, desto umfangreicher wird es.

Am Anfang dieser Aufholjagd stand eine Schuhschachtel, die ein Konvolut von 526 Blättern in sich barg, verschiedenartigste Formate wie Briefe, Umschläge, Kalenderblätter oder Honorarbelege, allesamt von einer winzigen Bleistiftschrift überzogen. Eine Geheimschrift, wie Walsers Vormund Carl Seelig annehmen musste, deren Decodierung allein dem Dichter vorbehalten schien. Irgendwann hatte Walser begonnen, seine Schreibfeder zu hassen. Er tauscht sie gegen einen Bleistift ein, die Schrift wurde zur millimeterkleinen Kritzelei. Diese sogenannten „Mikrogramme“ sorgten zum Jahrtausendwechsel für Aufsehen – und sprengten den Rahmen der bisherigen Werkausgabe. Seit sechs Jahren von den Spezialisten Werner Morlang und Bernhard Echte entziffert, sollen sie in der kritischen Walser- Edition erstmals vollständig erscheinen.

Das alles zusammen rechtfertigt für den Basler Editionswissenschaftler Wolfram Groddeck und den Stroemfeld-Verlag in Frankfurt das Großprojekt einer kritischen Gesamtausgabe, deren vollständige Faksimile-Fassungen es ermöglichen sollen, die „Werkstatt“ des Autors zu besuchen. Da die Archivmaterialien, auf denen bedeutende Teile von Walsers Werk überliefert wurden, durch Verfall gefährdet sind, erscheint es den Herausgebern angebracht, dieses Werk durch eine kritische Neuausgabe zu sichern.

Die Kritische Robert-Walser-Ausgabe (KWA) ist als Verbindung von Print-Ausgabe und elektronischer Edition angelegt und gliedert sich in 6 Abteilungen mit insgesamt rund 45 Bänden. Als erste Bände sind der kritisch edierte und philologisch kommentierte Erstdruck und die Faksimile-Edition des bisher unpublizierten Manuskripts von „Geschwister Tanner“ erschienen – Walsers Debüt als Romanschriftsteller. In 12 Jahren soll die Edition komplett sein.

Walser liebte die Verknappung. Elias Canetti hat ihn darum den „verdecktesten aller Dichter“ genannt. Im Schutz seiner Sprachspiele konnte er sich so frei bewegen, wie er wollte. Walser ist da in seinem Element, wo er mutwillig mit den Lesererwartungen spielt. Wie im Räuber-Roman, wo der Erzähler seine Versprechungen macht („Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr“), um ihn damit zu ködern und in den Text zu verschleppen. Dann folgen Aufschübe, Finten. „Diese Umschweife, die ich da mache, haben den Zweck, Zeit auszufüllen. Denn ich muss zu einem Buch von einigem Umfang kommen, da ich sonst noch tiefer verachtet werde, als ich bereits bin. Das ganze kommt mir übrigens vor wie eine große, große Glosse, lächerlich und abgründig.“

Walser war ein Dichter, der seine hohe Kunst in Feuilletons versteckte. Er hat Hunderte von kleinen Texten in Zeitungen und Zeitschriften publiziert, und noch immer werden neue entdeckt. In der kritischen Edition werden Walsers kleine Prosastücke gegenüber den bekannteren Romanen deutlich stärker ins Gewicht fallen. Die kleine Form erscheint als Walsers ureigenstes Genre. Die Hochschätzung von Zettelwirtschaften zeichnet Stroemfeld seit jeher aus – schließlich stammt der Verlagsname selbst von einer Milchmädchenrechnung Hölderlins. Das in Frankfurt entwickelte und bereits in der kritischen Kafka-Ausgabe durchexerzierte Editionsverfahren konzentriert sich auf Überlieferung, Schrift, Kontext, Werkintention und Textgenese.

Walsers Werk ist in einem Spannungsfeld zwischen frei schwebender Dichtung und Lohnschreiberei entstanden, er ist mit dieser Spannung ganz bewusst umgegangen. Lange Zeit wurde Walser primär als einsamer Sonderling dargestellt. Doch Walser hatte durchaus seine Netzwerke in Zürich, Berlin und Prag. Heute versucht man vermehrt, Walsers Werk im Kontext des damaligen Literaturbetriebs zu verstehen. Bis in die zwanziger Jahre war er ein bekannter und geachteter Autor. An seinen Selbststilisierungen dürfen wir nicht hängen bleiben.

In den Mikrogrammen findet sich ein Eintrag von Robert Walser über Friedrich Hölderlin, der es in der Mitte seines Lebens für angezeigt gehalten hätte, den gesunden Menschenverstand zu verlieren. Kurz bevor Walser es für angezeigt hielt, seinen gesunden Menschenverstand zu verlieren.

Walser ist ein launiger Spieler, aber darunter lauert immer der Abgrund. Franz Kafka hat sich darum Robert Walser tief verwandt gefühlt. Beide sind sie Experten der Angst, und beide machen sich winzig, fast unsichtbar klein, um sich vor der Macht in Sicherheit zu bringen, Schwindsucht als Methode. Walser sagte, der einzige Schriftsteller, der seinen Nachruhm begründen kann ist der, welcher sich zu Lebzeiten ganz klein gemacht hat. Das hat er nun davon.

Robert Walser:

Geschwister Tanner. Roman. Kritische Edition des Erstdrucks. 340 S., 38 €. Manuskriptedition. 412 S., ca. 290 Faksimiles, CD, 86 €. Stroemfeld, Frankfurt a. M. 2009.

0 Kommentare

Neuester Kommentar