Literatur : Gannibal ante portas

Der afrikanische Russe: Hugh Barnes erforscht das abenteuerliche Leben von Puschkins Urgroßvater

Olga Martynova

Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die bis heute Rätsel aufgibt: ein afrikanischer Sklave, ein Patensohn Peters des Großen, ein russischer General, ein Wissenschaftler – und Alexander Puschkins Urgroßvater. Der englische Journalist Hugh Barnes hat mit „Der Mohr des Zaren“ nun einen bemerkenswerten Versuch unternommen, die 300 Jahre alten Abenteuer von Abram Petrowitsch Gannibal zu rekonstruieren. Wobei Abram für Ibrahim steht, Petrowitsch für den von Peter abgeleiteten Namen, mit dem er quasi zum Adoptivsohn des Zaren wurde, und Gannibal für die Verehrung des karthagischen Heeresführer, von dem er gern abstammen wollte.

Fast ein Drittel des Buchs ist Gannibals Herkunft gewidmet. Barnes folgt aufmerksam den Schlussfolgerungen, die Vladimir Nabokov in seinen Puschkin-Studien anbietet, und verhält sich ziemlich kritisch gegenüber der Legende, Gannibal sei ein von Türken als Geisel genommener Sprössling aus königlich äthiopischem Geschlecht. An diesem Punkt blieb Nabokov mangels handfester Beweise stehen. Doch Ende der 1990er Jahre begann der beninische Russlandforscher Dieudonné Gnammankou, Nabokovs Hypothesen nachzugehen, derzufolge Puschkins 1696 geborener und 1781 gestorbener Urgroßvater von Sklaven abstamme, die muslimische Sklavenhändler am Tschadseeufer gefangen genommen hätten.

Bekanntlich ist mindestens jeder zweite Russe ein Hobby-Puschkinist. Weniger bekannt ist, dass Äthiopier und Eritreer Puschkin als „ihren“ Dichter feiern (2002 wurde in Addis Abeba ein Puschkin-Denkmal errichtet, in Kürze wird eins in Asmara enthüllt). Und fast unbekannt ist, dass die Poeten der Harlem-Renaissance in den zwanziger und dreißiger Jahren Puschkin als Wegbereiter sahen. Jedenfalls hat der Puschkinismus auch den Gannibalismus befördert, und es war der zentralafrikanische Sultan Muhammad Bahar Maruf, der Hugh Barnes, als der in Afrika Spurensuche betrieb, unterrichtete: „Ibrahim Hannibal“, so erklärte er ihm, „war ohne Zweifel ein Prinz von Logone-Birni, der Sohn Mai Djanna I. oder Abdulkarim I.“

Dieudonné Gnammankou meint, russische Forscher zögerten mit dem Abschied von der „äthiopischen Theorie“, weil sie rassistisch seien: Ein Äthiopier sei zumindest weniger negroid als ein anderer Afrikaner. Das ist natürlich Quatsch. Für einen rassistischen Russen gibt es keinen Unterschied, umso weniger für einen nichtrassistischen. Die Beweise von Gnammankou sind geistreich und sympathisch, nur hieb- und stichfest sind sie auch nicht. Barnes erzählt die Geschichte des arabischen Sklavenhandels und Rassismus, die in Afrika bis heute andauert. Am Tschadseeufer sah Barnes die schwarzen Flüchtlinge aus Darfur, was ihn veranlasst zu schreiben, dass „Gannibals Geschichte zeitlos ist“.

Die Geschichte der Flucht Gannibals aus einem türkischen Serail ist märchenhaft; auch an dieser Stelle sind sich die Forscher uneins, ob Gannibal tatsächlich aus der Türkei „importiert“ wurde, ob und wann Peter der Große ihn in Holland bzw. England gekauft habe. Barnes schreibt angenehm solide und umreißt die begleitenden historischen Diskurse. Die Jahre, die Gannibal in Frankreich verbrachte, geben Barnes Anlass, über die französischen Aufklärungsphilosophen zu staunen: Wie konnten Diderot und Voltaire, die Gannibal persönlich kannten und schätzten, in ihren Werken behaupten, die Intelligenz von Schwarzen sei „viel niedriger“ als die von Weißen, sie hätten „wenig mehr Ideen als Tiere“. Eine bittere Mahnung: Viele Denker, die den Ruf genießen, die unabhängigsten und progressivsten Köpfe zu sein, bedienen in Wahrheit (oft unbewusst) politische Anforderungen ihrer Epoche, in diesem Fall die beginnende Kolonialisierung.

Die Höhen und Tiefen der russischen Karriere Gannibals entsprechen der verworrenen Geschichte des russischen Hofs im 18. Jahrhundert mit seinen Palastrevolutionen und Favoritenwechseln, über die das Buch ausführlich berichtet. Gerne verzeiht man diesem spannenden Buch kleine Ungenauigkeiten.

Wenn Barnes über die unglückliche erste Ehe Gannibals erzählt, kann er der Versuchung nicht widerstehen, ihn mit dem Mohr Othello zu vergleichen. Dabei ermordete Othello eine unschuldige Frau, Desdemona. Gannibal hingegen ließ seine untreue Gattin, die ihm ein weißes (und definitiv nicht sein) Kind geboren hatte, immerhin am Leben – und zahlte für die Erziehung des „fremden Mädchens“. Nur sehen wollte er es nie. Genau diese Geschichte griff Alexander Puschkin für einen Roman über Gannibal auf, der allerdings unvollendet blieb. Er bricht nach genau sechseinhalb Kapiteln ab und endet mit der Dialogzeile: „Setz dich hin, braver Taugenichts, reden wir.“

Hugh Barnes: Der Mohr des Zaren. Eine Spurensuche. Aus dem Englischen von Michael Müller. Knaus Verlag, München 2007. 428 S., 19,95 €.

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