Geburtstag : Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht

Sie war nicht nur die Lebensgefährtin Jean Paul Sartres, sondern auch eine der bedeutensten Frauenrechtlerinnen. Simone de Beauvoir wäre am 9. Januar 100 Jahre alt geworden. Drei Autoren entwerfen jetzt neue Blickwinkel auf die Französin.

München/HamburgWeibliche Unterlegenheit ist nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlichen Ursprungs. Eine kühne These der französischen Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1908-1986) - jedenfalls zu einer Zeit der Männerdominanz. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch ihr Werk und ist Hauptthema ihrer zweiteiligen Abhandlung "Das andere Geschlecht", die 1949 erschien und einschlug wie eine Bombe - weltweit. Der Aufruf zur Emanzipation, zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Mann, zur Lösung vom üblichen Frauenschicksal Küche und Kinder war nicht nur äußerst provokativ, sondern weitsichtig.

Das Scheitern der Emanzipation als Nachwehe

Das fast 60 Jahre alte Buch der Autorin, die am 9. Januar 100 Jahre alt geworden wäre, könnte auch immer noch die Antwort sein auf neue, traditionalistische Machwerke wie beispielsweise "Das Eva Prinzip" der TV-Journalistin Eva Herman. Für den Münchner Philosophieprofessor Hans-Martin Schönherr-Mann ist es ein Phänomen, dass die fortschreitende Integration der Frau in die Männergesellschaft hochentwickelter Länder zu derlei Anachronismen führt. In seinem Buch "Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht", das zum Jubiläum der berühmten Französin herausgegeben wurde, wirft er sogar die provokatorische Frage auf:  "Scheitert die Emanzipation?", und stellt sie in den Zusammenhang mit einer alternden Gesellschaft, einem andauernden Geburtenrückgang und einem weltweiten "terroristisch aufgeladenen" Konflikt der Kulturen.

Nach Ansicht Schönherr-Manns ist es an der Zeit, sich auf dieses Werk de Beauvoirs zu besinnen, die - um das ganz klar zu sagen - keineswegs gegen Heim und Familie war, auch wenn sie sich selbst dagegen entschied. Genau um diese Entscheidungsfreiheit ging es der Feministin, die oft zu Unrecht nur als Lebensgefährtin des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre erwähnt wird. Während sich der Münchner vornehmlich mit dem Werk "Das andere Geschlecht" auseinandersetzt, versucht die Freiburger Philosophin Ingeborg Gleichauf die Persönlichkeit de Beauvoirs zu ergründen - und zwar in einer Biografie, die vor allem auch jüngere Leser an die außergewöhnliche Frau heranführt.

Ihre Lebensgeschichte - ein Vergnügen

"Sein wie keine andere - Simone de Beauvoir: Schriftstellerin und Philosophin" heißt der Titel, mit dem Gleichauf den Beweis antritt, wie anders de Beauvoir wirklich ist. Es ist ein Vergnügen, der Lebensgeschichte der aus bourgeoisen Verhältnissen stammenden Rebellin zu folgen, ihre Entwicklung von der zunächst politisch desinteressierten, aber geistig ungemein beweglichen jungen Frau zur engagierten Frauenrechtlerin mit sozialistischen Tendenzen zu begleiten. Gleichauf beleuchtet de Beauvoirs tiefgründige Bindung an Sartre mit viel Verständnis, analysiert ihre selbstgewählten sexuellen Freiheiten, die doch auch nicht schmerzfrei sind.

Was dieses Werk so authentisch macht, ist die durchgehende Verflechtung von Beschreibung und Analyse mit Zitaten aus de Beauvoirs Tagebüchern, Briefen und Werken. Und das ist Gleichauf so geschickt gelungen, dass sich der Text stellenweise wie eine Autobiografie liest. Und damit setzt die Autorin genau das um, was de Beauvoir einmal selbst über sich gesagt hat: "Mein Werk ist mein Leben."

Neues auch bei Alice Schwarzer

Um beides zu würdigen, gedenkt auch Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ihrer Freundin zum Geburtstag. "Simone de Beauvoir - ein Lesebuch mit Bildern" heißt der Titel, der aus einem ausführlichen, sehr persönlichen Vorwort Schwarzers und einer Auswahl der wichtigsten Texte de Beauvoirs besteht. "Selbst ich, die ich relativ vertraut bin mit ihrem Werk, entdecke dabei jedes Mal Neues, Überraschendes", gibt Schwarzer dem Leser mit auf den Weg. Eine gute Empfehlung, sich mit Simone de Beauvoir vertraut zu machen, die auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Tod noch topaktuell ist. (liv/dpa)

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