Gedichte : Brom und Brombeeren

Periodensystem der Poesie: Zum Tod der dänischen Dichterin Inger Christensen.

Gregor Dotzauer

Sie stellte sich gerne vor, dass nicht sie es war, die Wort um Wort zu Gedichten arrangierte, sondern dass die Sprache selbst ihr alle Fügungen diktierte und in eine überpersönliche Ordnung brachte. Inger Christensen, 1935 im dänischen Vejle geboren, empfand sich dabei allerdings weder als spiritistisches Medium noch als Gefäß Gottes. Sie versuchte lediglich mit der größtmöglichen Klarheit, einem sprachphilosophischen Urproblem auf den Grund zu gehen. „Ob ich nun schlecht und recht die Welt lese“, schrieb sie in einem poetologischen Essay, „oder sage, dass ich ein Teil der Welt bin, der die Welt liest, und dass sie damit sich selbst liest, so bin und bleibe ich der naive Leser, ein Eingeborener, der seine Welt nie von außen sehen kann. Und mein Gedicht wird dasselbe Verhältnis zum Weltall haben wie das Auge, das seine eigene Netzhaut nicht sehen kann. Jedenfalls aber sieht es. Und es liest weiter.“

Aus dieser Spannung konstruierte sie ihre dichterischen Bewusstseinsgebäude. In jedem ihrer großen Zyklen, so würdigte Durs Grünbein Christensens gedankliche Leistung, beginne sie wieder „am Nullpunkt, wie jemand, der noch nie eine Zeile geschrieben hat, jemand, der nach einem erkenntniskritischen Unfall das Sprechen mühsam erst wieder erlernen muss“. Aber welches Staunen wohnte dieser tastenden, vorsichtig behauptenden, nüchtern jubelnden Wiederentdeckung innerer und äußerer Herrlichkeiten inne. „die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“, lautet der berühmte erste einzeilige Abschnitt ihres 1981 erschienenen „Alphabets“, dessen zweiter schon zwei Zeilen umfasst: „die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren / und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff“. Das nach den Gesetzen der Fibonacci-Reihe aufgebaute Großgedicht, dessen nächstfolgende Verszahl jeweils aus der Summe der beiden vorhergehenden besteht, umfasst im vierten Abschnitt also fünf Zeilen: „die tauben gibt es; die träumer, die puppen / die töter gibt es; die tauben, die tauben; / dunst, dioxin und die tage; die tage / gibt es; die tage den tod; und die gedichte / gibt es; die gedichte, die tage, den tod“.

Serielle Verfahren lagen Inger Christensen, die unter anderem Mathematik und Chemie studiert hatte, im Blut. Doch man darf das nur zur Hälfte als Metapher deuten. Denn gerade ihrer Form nach versuchten ihre Gedichte, etwas von der Ordnung der Natur in sich aufzunehmen. Die Lust an der Permutation, die Christensen für ihr Gedicht „det“ (das, 1969) aus der Bewunderung für Noam Chomskys generative Transformationsgrammatik bezog, sah sich im Bunde mit objektiven Gesetzen. Wobei Subjektives und Objektives auch hier wieder nicht zu trennen waren. „Einer der Gründe dafür, dass ich Systeme benutze“, erklärte sie, „ist, dass ich gerne etwas anderes sagen möchte als das, was mir zuerst einfällt. Da ich als Mensch die ganze Zeit mit Formen von Systemen konfrontiert werde, will ich, dass auch die Gedichte, die ich schreibe, in der Begegnung mit etwas Ähnlichem geschaffen werden.“

Das einzigartige Zusammentreffen von Persönlichem und Überpersönlichem verlieh auch Inger Christensens Lesungen ihre Intensität. Sie, die 2005 ein ganzes Jahr als Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms in der Hauptstadt verbrachte, war zwar alles andere als eine Performancepoetin. Doch wie sie mit der singenden Sanftheit ihrer Stimme die erste Nüchternheit mancher Texte mit einer zauberischen Anmut erfüllte, gehörte zu dieser Dichtung wie ihre trollhafte Erscheinung, die wiederum einer anderen Dimension zu entstammen schien. Ja man kann Inger Christensen eigentlich gar nicht mehr lesen, ohne sie so zu hören, wie zahlreiche CD-Aufnahmen (oder Ausschnitte auf www.lyrik line.org) es festhalten.

Der Nobelpreis, für den sie jahrelang als Favoritin gehandelt wurde, hätte sicher vor allem der Dichterin gegolten. Sie war aber auch eine makellose Prosaistin und schuf insbesondere mit der Erzählung „Das gemalte Zimmer“ aus dem Mantua des 15. Jahrhunderts ein Kabinettstück über Schein und Wirklichkeit, wie er sich in Mantegnas Fresken im Palazzo Duccale spiegelt. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Inger Christensen am Freitag vergangener Woche mit fast 74 Jahren gestorben. Vielleicht hat sie, wie es in ihrem großen Sonettenrequiem „Das Schmetterlingstal“ von 1991 heißt, auch nur eine weitere Verwandlung vollzogen: „Ich spiele Perlspanner, um die Lebensformen / der ganzen Welt in eine einzige zu bringen. // So dass ich dem Tode antworten kann, wenn er kommt: / ich spiele Braunauge, darf ich hoffen, / dass ich das Bild des ewigen Sommers bin?“

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