Literatur : Gefühlsverdämmerung

Lust und Verlust: Tankred Dorst und Ursula Ehler folgen auf Bali einer Spur des Glücks

Thomas Wild

Laura! Wo ist sie denn jetzt!“ Ein doppelter Ausruf, der eigentlich eine Frage formuliert, setzt das Buch in Bewegung. Laura ist ein 15-jähriges Mädchen, das sich in den alternden Schauspieler Schallück verliebt. Die Mutter betrachtet diesen Ausbruch von Leidenschaft bei ihrer Tochter als „eine Art Entwicklungsstörung“, die man therapieren muss. Schallück, vom schalen Applaus der Provinzbühnen ermattet, vermag große und kleine Emotionen lebensecht darzustellen. Nur empfinden kann er sie nicht mehr. Verführerisch ist für ihn daher die Vorstellung, Lauras unbedingte Zuneigung könne ihn mit neuem Leben erfüllen, während Laura noch kein Gespür dafür hat, ob und wie sich mit dieser gewaltigen Kraft leben ließe.

Eine abgewandelte Lolita-Geschichte? Weit gefehlt. Tankred Dorsts Erzählung, deren Sprache und Form wie alles in den letzten Jahrzehnten im Duett mit Ursula Ehler entwickelt wurde, bewegt sich fern jeder Reproduktion herkömmlicher Erzählmuster. Sie setzt grundsätzlicher an. Beim Aufeinanderprallen von Vorstellung und Realität zum Beispiel. Ein Thema, das Dorst und Ehler vom fulminanten Mythenstück „Merlin“ (1981) bis zur grandiosen Prosa von „Der schöne Ort“ (2004) immer wieder neu verhandeln. Fantasie kann schöne, auch retttende Welten schaffen, man denke an Roberto Benignis subversiven KZ-Film „La vita è bella“. Und sie kann vernichtend sein, wenn sie beginnt, die Wirklichkeit ihrem Willen unterzuordnen – die totalitären Rassen- und Klassenregime im 20. Jahrhundert zeugen davon. Mit Durchblick auf diese Historiengemälde blendet „Glück ist ein vorübergehener Schwächezustand“ – das Buch fußt auf einer Filmidee – seine Szenen auf und ab.

Die meisten spielen auf Bali. Dorthin reisen die drei Hauptfiguren: Schallück, um dem farblosen Alltag für einige Zeit zu entfliehen. Laura, die einfach beschließt: „Ich komme mit!“ Und Elisabeth, Lauras Mutter, die ihre Tochter aus vielerlei Gründen nicht alleine fahren lassen will. Eine voyage à trois.

Laura liebt die Ausflüge mit Schallück auf dem Motorrad, so dass die Mutter nicht mitkommen kann. Sie fahren durch den Urwald mit seinen vogelgrünen Farben, Laura steht mit ausgebreiteten Armen im stürzenden Fließen eines Wasserfalls. „Leere Bilder“ nennt Schallück dies insgeheim. Denn Lauras Gefühlswallungen verwandeln sich für ihn zunehmend in Posen. Ein Ermüden, das sich auf Laura überträgt. „Ich will nicht weiter“, bricht es bei einer Vulkanwanderung aus ihr hervor: „Ich will überhaupt nicht.“

Der Zoom der Erzählung zeigt die beiden nun von weit oben, wie aus einem Hubschrauber gefilmt, zwei dunkle Punkte auf dem Rücken eines glühenden, fließenden Berges. Am Ende der Passage kehrt sich die Perspektive um und Schallück erzählt: „Ein kleiner Vogel, ein grellbunter Farbfleck nur, schwirrte über uns, taumelte, stürzte mit versengten Flügeln herunter, hüpfte ein paarmal, verschwand. Der malmende, träge Brei hatte ihn spurlos verschlungen.“ Auf wenigen Zeilen verdichten Dorst und Ehler eine fast alltägliche Szene zum Denkbild einer existenziellen Erschöpfung.

Das Unheimliche des Buches speist sich aus einem unbegreiflichen Geschehen. „Als ich zum Strand ging, fand ich sie nicht“, berichtet Schallück: „Nur das Badetuch mit dem roten Mund lag da.“ Laura ist weg.

Schallück wartet auf sie, er sucht nach ihr, vergebens. Lauras Mutter ist nicht erreichbar, sie ist zu einem Freund nach Djakarta gereist. Bei der Polizei rührt keiner einen Finger für das vermisste Mädchen. Wieder nur eine dieser Kindernutten, heißt es da. Verwüstetes Paradies.

Oder hat Laura sich möglicherweise umgebracht? Hat sie bemerkt, dass Schallück und ihre Mutter sich annäherten? Hat sie das Fieberthermometer zerbrochen und das Quecksilber in sein Wasserglas am Bett tropfen lassen, so dass Schallück sich fast vergiftete?

Das wäre ein Motiv für ihn, sich Laura endgültig vom Hals zu schaffen; zusätzlich zu seinem wachsenden Widerwillen ob ihrer unnachgiebigen Hingabe. An der Stelle, wo Lauras Badetuch gefunden wurde, darf man nicht schwimmen, weil es dort eine starke Unterströmung gibt. Was ist ihr Verschwinden nun: ein Unglück oder ein Verbrechen, gottgegeben oder menschengemacht?

Auf den letzten Seiten kommt Lauras Vater nach Bali – Schallück hatte ihn verständigt – und sucht nach Antworten. Er findet sie nicht, so wenig wie seine Tochter. Wir sehen einen täppischen Mann, der einen nutzlosen Regenschirm bei sich trägt, dem die Umhängetasche von der Schulter rutscht, der linkisch seine Brille putzt. Die Vorwürfe an Schallück, er habe seine Tochter auf dem Gewissen, erscheinen ebenso plausibel wie töricht. Er habe die ganze Nacht im Garten des Hotels gesessen „und mit einem Vogel geredet“, sagt Schallück. Hilflos und lächerlich verhalten sich beide. Und zugleich menschlich und würdevoll.

Schallück ist mehr als der Schauspieler, der seine Empfindungsfähigkeit verloren hat. Er ist einer jener aufgeklärten Menschen, von denen das Buch handelt: Einer, der sein Tun, seine Gedanken, seine Empfindungen reflektieren kann, der dem Leben dadurch seine Dämonie nimmt, aber auch seinen Zauber. Die Figur eines unterbrochenen Echos, von dem schon Schallücks Name kündet.

Tankred Dorst und Ursula Ehler führen die Figuren ihrer Erzählung keiner Lösung zu. Sie zeigen Konstellationen, die mit dem Unerklärlichen umgehen: Was geschieht, wenn unserem Leben etwas Lebenswichtiges verloren geht? Wenn Leidenschaft, Liebe, Lebenslust „weggehen“ wie Laura. Zurück bleibt ein großer lachender Mund.

Tankred Dorst: Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand. Erzählung.

Mitarbeit Ursula Ehler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 160 Seiten, 19,80 €.

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