Literatur : Geld spielt eine Rolle

Die New Yorker Literaturzeitschrift "n+1“ erscheint halbjährlich. Ihr heimlicher Star ist der Mitbegründer Benjamin Kunkel.

Andreas Schäfer

Der Star ist die Zeitschrift, sagt Agata Lisiak, die Moderatorin, am Anfang des Abends. Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die Stars sind natürlich die beiden smarten amerikanischen Autoren, der unbekannte Keith Gessen und der bekannte Benjamin Kunkel, beide Anfang Dreißig, Ex-Harvard-Studenten und Mitbegründer der Literaturzeitschrift „n+1“ (www.nplusonemag.com), die seit 2004 halbjährlich in New York erscheint und in Berlin unter anderem in den Buchhandlungen St. Georges und Pro QM erhältlich ist.

Kunkel avancierte mit seinem Debütroman „Unentschlossen“, in dem ein junger zynischer Intellektueller zum glühenden Globalisierungsgegner mutiert, vor einigen Jahren zum sogenannten Kultautor. Deutsche lieben amerikanische Kultautoren. Deshalb sitzt Kunkel mit seinem Freund Gessen auf Einladung des Hauses der Kulturen der Welt, dessen "New York“-Programm das Literaturfestival als Special eingemeindete, vor 150 jungen Menschen und wundert sich über die Energieverschwendung: "Eigentlich ist es doch absurd, für vier Tage über den Atlantik zu fliegen.“

Ja, es ist schwierig, ein gefeierter Autor zu sein und trotzdem Distanz zu den damit einhergehenden Ritualen zu wahren. Kunkel versucht es mit sympathisch zerknirschtem Gesicht und dem Hinweis, dass dies keine Autorenlesung sei (auf denen würden die Autoren aussehen wie von ihrer Mutter angezogen), beantwortet Fragen aber gewissenhaft. „Wir machen eine ideologische Zeitschrift ohne Ideologie“, sagt er und erzählt, dass "n+1“ gegründet worden sei, "weil andere Zeitschriften uns zwar druckten, aber nicht das drucken wollten, worüber wir wirklich hätten schreiben wollen. Außerdem haben wir uns geärgert, dass damals selbst linke Intellektuelle den Irakkrieg befürworteten.“

"n+1“ ist das, was man auf alteuropäisch ideologiekritisch nennen würde. Neben Kurzgeschichten und Buchbesprechungen gibt es politische Kommentare und Essays. Die Texte des ersten Teils, "Die intellektuelle Situation“, erscheinen ohne Autorenzeichnung, um den Geist der kollektiven Meinung zu unterstreichen – in der aktuellen Ausgabe finden sich lustige Polemiken gegen das E-Mail- und Blog-Schreiben. Dann liest Kunkel eine pointensichere Geschichte über einen jungen Mann, der für eine Firma arbeitet, die psychisch labilen Menschen Kost und Logis gewährt und im Gegenzug deren Kreativität abschöpft. Das Hauptproblem des Mannes ist sein hohes Gehalt, auf das er zwar stolz ist, von dem er aber nicht erzählen kann, um nicht als Angeber zu gelten. Geld spielt auch in dem kraftvollen Essay von Keith Gessen die Hauptrolle. Wie viel braucht ein New Yorker Autor? Akribisch listet Gessen Einkünfte und Mietaufwendungen auf, offenbart amerikanische Vorschüsse (50.000–250.000 Dollar für ein Romandebüt) und nennt Jonathan Safran Foers Roman "Alles ist erleuchtet“, das sich über 250.000 mal verkauft hat, ein kitschiges Buch. Doch wer, bitte schön, ist Keith Gessen? 1975 geboren, kurzzeitig Autor beim „New Yorker“ (40.000 Dollar im Jahr), bis er die Tätigkeit aufgab, um seinen ersten Erzählungsband zu beenden, der im nächsten Frühjahr in Amerika erscheint. Wir werden ihn also wiedersehen. In ein, zwei Jahren, wenn sein deutscher Verlag ihn als neuesten Kultautor einfliegen lässt.

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