Gendarmenmarkt : Die Putzfrau in der Kaiserloge

Tempel und Theater: das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Ein Buch folgt verschütteten Spuren.

Ulrich Amling
Gendarmenmarkt
Aus dem Archiv. Das Schauspielhaus nach Kriegsende. -Foto: Prestel Verlag

Umkämpft war er immer, Schinkels Theaterbau am Gendarmenmarkt. Als über dem Endspiel des „Dritten Reichs“ der Vorhang fällt, soll er nie wieder Kultur bergen. SS-Einheiten setzen das Staatstheater in Brand, doch das Theater zeigt Widerstand. Die Mauern, bis zu vier Meter dick, darin Steine des Vorgängerbaus von Langhans, trotzen dem Todesstoß. 39 Jahre vergehen, bis wieder Publikum den Saal betreten kann: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird zum zentralen Musikhaus der DDR, mit einem Saal, den es so nie gegeben hat und der sich doch am Vorbild des alten Schinkel’ schen Concertsaal orientiert.

Dem Schicksal des Theaters am Gendarmenmarkt vom Königlichen Nationaltheater der Hohenzollern über das Staatliche Schauspielhaus der Republik und des NS-Regimes bis hin zum gegenwärtigen Konzerthaus will die neue Dokumentation „Apollos Tempel in Berlin“ nachspüren. Dabei geht es auch darum, Leerstellen zu füllen, ist das Archiv des Hauses doch vernichtet und verschollen. Und noch eines will der Band: das Resümee ziehen einer Intendanz, die ihrem Ende entgegengeht. Mit Frank Schneider tritt in diesem Jahr der Mann ab, der das Konzerthaus durch die Stürme der Nachwendezeit gelotst und es geschafft hat, dem Haus eine bürgerlich-östliche Identität zu verleihen. Sein Nachfolger ist nicht einmal vierzig Jahre alt und kommt aus dem Westen. Wieder eine Zeitenwende am Gendarmenmarkt.

Es ist spürbar, dass zwei Schneider- Weggefährten „Apollos Tempel in Berlin“ herausgegeben haben. Der Ton wird, je mehr die Dokumentation der Gegenwart zustrebt, befangener. Sätze wie „Heute präsentiert sich das Haus in vielfacher Funktion und Bezweckung“ oder „Jede Saison glänzte mit Uraufführungen“ klingen wie aus dem Logbuch eines Kulturhauses unter Parteiaufsicht. Dafür hätte das Ringen der DDR mit ihrem prominenten Erbe ruhig eingehender und kontroverser dargestellt werden können, wie auch das Wirken des Hauses bis zur Wende blass bleibt.

Am besten mit durchaus anregenden Quellen belegt ist die Zeit von 1918 bis 1945, als die Bühne keine adeligen Intendanten mehr hatte und Stücke nicht länger auf „Allerhöchsten Erlass“ des Kaisers oder „Höchsten Erlass“ des Kronprinzen gespielt wurden. Die Kaiserloge gab es noch: Eine Putzfrau nutzte die Theater gelegenheit und lachte höhnisch von dort ins Parkett, das ihr mit donnerndem Applaus antwortete. Emil Jannings, gerade von den Reinhardt-Bühnen ans Schauspielhaus abgeworben, reagierte entsetzt. „Nee, das nich’! Ich gehe jetzt wieder zu Maxen zurück.“ Als Schauplatz des politischen Theaters der Zwanziger und Dreißiger kann man nur ein unscharfes Bild des Staatlichen Schauspielhauses zeichnen, wenn man die Wechselwirkung mit den Bühnen der Hauptstadt außen vor lässt. So rückt Gründgens dominant an die Rampe, seine letzte Inszenierung am Gendarmenmarkt waren Schillers „Räuber“ am 29. Juni 1944.

All die Hausgeister, von Voltaire bis Brecht, Gluck bis Bernstein, Mendelssohn Bartholdy bis Strauss, sie werden verbucht. Gewogen werden sie nicht. Diese Aufgabe geben die Chronisten an kommende Interpreten weiter, an Theatergeschichtenerzähler.

Apollos Tempel in Berlin, hrsg. v. B. Bergmann, G. Müller. Prestel-Verlag, 39,95 €

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