Georg-Büchner-Preis : Pracht und Verwesung

Der Tod ist ein Meister aus Kärnten: Der Autor Josef Winkler erhält den Georg-Büchner-Preis.

Gregor Dotzauer
Josef Winkler
Josef Winkler, Träger des Büchner-Preises 2008. -Foto: dpa

Als er nach Neapel reiste, entdeckte er: Kärnten. Das Gesetz des Vaters begegnete ihm in Gestalt eines Bauern, der seinen Sohn erschlagen hatte, weil der sich, statt Kühe zu hüten, ein Fußballspiel ansah. Und die „nekrophile Neugier“, die er sich selbst bescheinigt, spiegelte sich in einem Friedhof, dessen Armengräber von nackten Leichen überquollen.

Auch als Josef Winkler nach Rom reiste, entdeckte er: Kärnten. Auf dem Markt an der Piazza Vittorio Emanuele überfiel ihn ein Sinnestaumel, in dem Pracht und Verwesung ein und dasselbe sind. Er starrte auf aufgeschnittenes Fruchtfleisch und übrig gebliebene Rinderherzen, und er watete durch Fischblut und Eingeweidereste. Als er nach Indien reiste, entdeckte er wieder nur: Kärnten. Die Leichenverbrennungen am Ganges ließen ihn spüren, wie nah Leben und Tod hier einander sind – und wie gleichgültig sie sich gegenüber stehen. Und als er zuletzt nach Mexiko reiste, um die dortigen Bestattungsriten zu erforschen, musste er zwangsläufig wieder auf das stoßen, was er schon sein Leben lang mit sich herumträgt: Kärnten.

Josef Winklers Kärnten ist ein Kärnten der Seele – und das zwischen Spittal und Villach gelegene Dorf Kamering, in dem er 1953 zur Welt kam, sein reales Zentrum. Soweit er sich in „Friedhof der bitteren Orangen“ (Neapel), „Natura morta“ (Rom) oder „Domra“ (Indien) davon auch wegbewegt hat, man bekommt den Eindruck, dass er in einer Art Angstlust an diesem Kamering festhält und es in allen Verpuppungen, die er seit seinem fulminanten Debüt „Menschenkind“ (1979) im Lauf einer bald dreißigjährigen Schreibwut erfahren hat, gar nicht mehr loswerden will.

Auf die beiden wesentlichen Antriebsmotive dieses egomanischen Werks und seiner „Todespoetologie“ ist Winkler selbst immer wieder zurückgekommen. Es ist der verhasste Vater, der so genannte „Ackermann aus Kärnten“ (1980), der ihn als einziges von sechs Geschwistern niemals auf den Schoß nehmen wollte. In „Roppongi – Requiem für einen Vater“, Winklers jüngstem Buch, nimmt er Abschied von dem erst mit 99 Jahren gestorbenen bäuerlichen Autokraten, ja er exorziert ihn regelrecht, ohne dass man sicher sein dürfte, ihm nicht doch noch einmal zu begegnen.

Das zweite Motiv ist der drei Meter lange Kalbsstrick, an dem sich in Winklers Kamerenzer Jugend die 17-jährigen Jungen Robert und Jakob erhängten, nachdem man sie ihrer Homosexualität bezichtigt hatte. Ein ums andere Mal hat er diesen Doppelselbstmord variiert und imaginiert, wie die beiden sich, am Dachstuhl aufgeknüpft, an den Händen fassten, umeinander wirbelten und erst mit gebrochenem Genick und blutunterlaufenen Augen wieder zum Stehen kamen. In ihrem Schicksal erkannte er seine eigene Homosexualität und im Katholizismus, dessen Rituale er als Ministrant jahrelang von innen kennen gelernt hatte, etwas Menschenfeindliches, von dessen Symbolen er sich doch nicht lösen konnte. Auch wo sich Winklers Werk durch offensichtliche Fiktionalisierung gegen allzu simple Lesarten wehrt, ist es zutiefst autobiografisch. Dieses Autobiografische aber ist aufgehoben in einem Kunst- und Sprachbewusstsein, das die Distanz zu einer reinen Bekenntnisliteratur gar nicht erst betonen müsste.

Von den in expressionistischen Farben explodierenden frühen Büchern bis zum dunklen Glühen der späteren, die in langen, Windung um Windung nehmenden, mit sexuellen Bildern aufgeladenen Satzschleifen barocke Vanitasmotive beleben, ist hier der Universalismus eines Mannes am Werk, der zwar das Pech hat, einen Versuch am lebenden Objekt durchzuführen, im obsessiven Kreisen um sich selbst aber auch das Glück, nicht von ganz außen auf sich schauen zu müssen: Josef Winkler atmet in seinen Texten, wie sie ihn atmen lassen. Das Repetitive seiner Sätze zeigt sich auch in seiner allgemeinen Arbeitsweise. In unzähligen Anläufen, Fassungen und Überarbeitungen entsteht,sorgsam betreut von seinem Suhrkamp-Lektor Hans-Ulrich Müller- Schwefe, das dichte Gewebe seiner fertigen Bücher.

Um seine Vorbilder hat Winkler nie ein Geheimnis gemacht. Dem der ihm sein literarisches Erweckungserlebnis bescherte, hat er unter dem Titel „Die Zöglingshefte des Jean Genet“ ein ganzes Buch gewidmet. Pier Paolo Pasolinis Welt mit ihren Dieben und Strichjungen ist ihm nah. Und vielleicht fällt durch den mit 40 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die renommierteste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur, auch noch einmal Licht auf Hans Henny Jahnn („Fluss ohne Ufer“), seinen anderen Wahlverwandten. Mit ihm teilt er eine Bewunderung durch die Kritik, die nie ihr Pendant beim Publikum gefunden hat.

In Josef Winkler, der heute mit seiner Frau und zwei Kindern in Klagenfurt lebt, ehrt die Akademie überdies einen Schriftsteller, der wie sonst wenige aus Büchners rebellischem Geist heraus schreibt. Wo der letztjährige Preisträger Martin Mosebach eine Prosa mit abgespreiztem kleinen Finger schreibt, da wühlt er, wenn es darauf ankommt, mit beiden Händen im Dreck. Die schöne, manchmal auch schreckliche Notwendigkeit seiner Bücher besteht darin zu sagen: Es kommt darauf an.

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