Georg M. Oswald : "Vom Geist der Gesetze"

In den entscheidenden Momenten cool: Georg M. Oswald lüftet die Geheimnisse der Anwaltsbranche.

Meike Fessmann

Vom Geist der Gesetze“ ist ein ungemein eloquenter Roman, der sich leicht und vergnüglich liest. Alles läuft wie am Schnürchen. Attraktive Menschen verbringen ihre Tage in eleganten Büros, residieren in Nymphenburger Villen, geben illustre Empfänge, haben eindrucksvolle Auftritte vor Gericht oder im Fernsehen, fahren schnelle Wagen und jetten mal kurz am Wochenende zur eigenen Finca nach Mallorca. Selbst die Episoden aus dem Leben derer, die es nicht so gut getroffen haben, sind flüssig erzählt. Locker geht es von Figur zu Figur, von Szene zu Szene, unangestrengt wird der Leser mit Informationen gefüttert. Doch am Ende sitzt man verdattert da. Sollte man soeben eine Kröte geschluckt haben?

Der 1963 geborene Georg M. Oswald lebt als Anwalt und Schriftsteller in München. Er kennt sich aus in den Milieus, die er beschreibt, mit der Upperclass der Jurisprudenz und den Underdogs, die wie begossene Pudel im Gerichtssaal sitzen und sich nicht artikulieren können. Doch sein Erzähler ist weder Verteidiger noch Ankläger, sondern ein eher kühler Berichterstatter. Er wertet nicht, aber er kennt die Codes. Die einen beherrschen sie und die anderen nicht. In dieser Diagnose steckt die Grausamkeit des Romans, die, so ist zu befürchten, auch seine Wahrhaftigkeit ausmacht.

Ludwig Heckler ist ein in vornehmen Kreisen bekannter Strafverteidiger. Mit seiner dritten Frau, der wesentlich jüngeren Dr. Philomena Heckler, führt er eine feine Kanzlei. Wer den eigenen Namen aus den Medien heraushalten will, kommt zu ihm: Politiker, Baulöwen, Fernsehprominenz. In der ersten Szene sehen wir, wie er sich in seinem Büro in Positur setzt. Direkt unter einem abstrakten Ölbild, „Kraftquelle“ in leuchtendem Rot. Es soll die enorme Wirkung seines Anblicks steigern.

Vor der Tür wartet ein junger Mann mit Namen Sebastian Spring, der einzige echte Sympathieträger des Romans, der sich am Ende allerdings mit ein paar Sätzen desavouiert. Dann nämlich ist er dort angekommen, wohin zu kommen er kaum hoffen darf: auf der Seite der Gewinner.

Seine Bewerbungsunterlagen sind nicht gerade vielversprechend, guter Durchschnitt, hier ist man anderes gewohnt. „Lesen, Sport, Musik“ – dies gibt er allen Ernstes als Hobbys an. Aber er ist der Neffe eines Freundes, dem Ludwig Heckler verpflichtet ist. Werner Kehl, Direktor in der Landesbankzentrale, hat ihm geholfen, für einen Klienten einen großen, aus illegalem Waffenhandel stammenden Geldbetrag in die Schweiz zu transferieren. Dafür hat man in diesen Kreisen etwas gut.

Solche informellen Regelkreise beschreibt Georg M. Oswald mit einer Bravour, die auch schon seine letzten Romane „Im Himmel“ und „Alles was zählt“ prägte. Sein neuer Roman nun handelt nur auf der obersten Schicht „vom Geist der Gesetze“. Was die Gesellschaft wirklich bewegt, ist etwas anderes. Es sind die unausgesprochenen Regeln, die nur beherrscht, wer sie gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Wer lange nachfragt – Darf ich das? Muss ich das? Soll ich das? –, ist draußen. Denn er zeigt, dass er die Regeln nicht kennt. Wer also aufsteigen will, braucht eine Menge Intuition und die Coolness, eine Souveränität zu behaupten, die er in Wahrheit noch nicht besitzt. Sebastian Spring, der aus einem musischen, aber verkrachten Elternhaus kommt, wird die Rolle eines solchen Aufsteigers spielen.

Schon im Bewerbungsgespräch, dessen Ausgang ja längst entschieden ist, betört er den Älteren mit seinem jungenhaften Charme, „er lächelte sympathisch, ungemein sympathisch, nicht einstudiert, nicht verkrampft, nicht ängstlich“. Später darf er mit dessen Frau ins Bett gehen, weil der Gatte meint, damit sei sein eigener Seitensprung gesühnt (da hat er sich allerdings getäuscht, denn Philomena, eine postmoderne, also kinderlose Medea, rächt sich auf anderem Terrain).

Bereits nach einem halben Jahr hat Spring seine Lektion gelernt. Am Ende des Romans sitzt er in einer Talkshow und gibt mit erstaunlicher Leichtigkeit zu Protokoll, wie man ein guter Anwalt wird: „Ich glaube, man muss eine gewisse Begabung haben, um in den entscheidenden Augenblicken cool zu bleiben.“ Nur wer seine eigenen Interessen jede Sekunde im Auge habe, könne sich „durchsetzen und gewinnen“.

Kühn verarbeitet Georg M. Oswald die verschiedensten Politskandale der letzten Jahrzehnte – von der Amigo-Affäre bis hin zu Kurt Becks Appell an den Anpassungswillen eines arbeitslosen Punks – zu einer Tragikomödie des deutschen Rechts- und Gesellschaftssystems. Dafür inszeniert er einen kleinen Autounfall. Das Opfer ist zwar nur leicht verletzt, aber die Folgen sind erheblich. Denn am Steuer saß Kurt Schellenbaum, Generalsekretär einer an die CSU erinnernden Partei.

Die Figur lässt an Otto Wiesheu denken, ehemaliger Generalsekretär der CSU, der 1983 einen Verkehrsunfall mit Todesfolge zu verantworten hatte. Am Abend zuvor ist Schellenbaum in einer Talkshow aus der Rolle gefallen. Als Scharfmacher gebucht, setzt er sich überraschend für die „Reintegration“ der „sozial Schwachen“ ein. Das ist ihm einfach so in den Sinn gekommen und wirkt entsprechend authentisch. Der Applaus ist groß. Aufgekratzt bittet er am nächsten Morgen seinen Chauffeur, im Fond Platz zu nehmen: „Heute machen wir's mal andersrum. Sie sitzen hinten und ich am Steuer.“ Während er das Gespräch mit ihm sucht und völlig verwirrt darüber ist, dass dieser sich nicht zur „Unterschicht“ rechnen lassen will, fährt er einen Fußgänger über den Haufen. Geistesgegenwärtig schickt er ihn los, um nach dem Verletzten zu sehen. Unterdessen klettert er selbst auf die Rückbank. Alsbald steht der Chauffeur als Angeklagter vor Gericht.

Unter dem Vorwand, dem armen Mann helfen zu wollen, engagiert Schellenbaum die Anwaltskanzlei Heckler. Ludwig Heckler durchschaut zwar sofort, dass jemand, der bereit ist, einen Stundensatz von tausend Euro zu bezahlen, selbst der Schuldige sein muss, aber das kümmert ihn nicht. Alles sieht nach einem Spaziergang aus. Doch in letzter Minute will der Chauffeur dann doch nicht für etwas die Verantwortung übernehmen, das er nicht getan hat. "Ich war's nicht!", platzt es am Ende der Verhandlung aus ihm heraus. Weitere fulminant beschriebene Gerichtsszenen sind die Folge. Ein 12-jähriger Junge hat Schellenbaum im BMW der Partei am Unfallort gesehen. Der Auftritt seiner Familie – Vater, Mutter, Sohn, in Jogginghosen und sprachlos dumpfer Eintracht – gehört zu den absurden und tragischen Höhepunkten des Romans. Hier wird die gesellschaftliche Kluft, von der Oswald erzählt, so deutlich wie nie. Kein böser Wille steckt dahinter, nur ein unterschiedliches Zeichensystem, dass Richter und Zeuge sich kaum verständigen können. Da wird gemaßregelt, gedroht und gelockt. Bis der Junge endlich ausspuckt, was er soll. Schellenbaum dagegen hält vor Gericht eine eloquente Rede, die ihn gut dastehen lässt, obwohl seine Schuld bewiesen ist. Kein Wort der Reue, kein Eingeständnis, nichts.

Das Unfallopfer ist ein erfolgloser Drehbuch-Autor Anfang vierzig. Er und seine Freundin, eine noch immer an die „Gerechtigkeit“ glaubende Journalistin, sind die Hoffnungsträger des Romans. Es sieht so aus, als habe Ladislav Richter durch seinen Unfall endlich den Stoff zugespielt bekommen, der ihm den Durchbruch als Autor ermöglicht.

Georg M. Oswalds Roman entwirft das genaue Porträt einer Gesellschaft, die längst nicht mehr nur nach den Gesetzen von Politik und Ökonomie funktioniert. „Vom Geist der Gesetze“ erzählt von der Herrschaft der Bilder und Codes. Allerdings ist sie mit der Poetologie der Oberfläche, die der Autor verfolgt, nur darstellbar, nicht kritisierbar.

Die Last der Diagnose ruht ganz auf den Schultern des Lesers, der in eine seltsame Zwickmühle gerät. Denn gerade seine Kompetenz macht ihn fragwürdig. Solange man an die Macht von Geld und Politik glaubt, kann soziale Teilhabe wenigstens durch finanzielle Transferleistungen gelingen. Die Macht der Zeichen aber ist erbarmungslos: Sie lassen sich nicht an jemanden transferieren, der sie nicht zu lesen versteht. Wer diese Botschaft auffassen kann, gehört notwendigerweise selbst zu den Profiteuren.


Georg M. Oswald: Vom Geist der Gesetze. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007. 348 S., 19,90 €.

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