''Georgisches Reisetagebuch'' : Spezialist des Grauens

Nach dem Schocker "Die Wohlgesinnten" erklärt Jonathan Littell nun den Georgienkrieg.

Jens Mühling

Er liebt die Extreme, in jeder Hinsicht. Jonathan Littells Erstling „Die Wohlgesinnten“ war nicht nur der literarische Schocker des Frühjahrs, er reizte auch die maximale Zahl von Seiten aus, die realistischerweise zwischen zwei Buchdeckel zu binden sind. Schon damals warf die schiere Monumentalität des Projekts, in das Littell nach eigener Auskunft gut 15 Jahre Recherche investiert hatte, die Frage auf, wie eine derart gestartete Literatenkarriere wohl fortzusetzen sei.

Die Antwort, die nun der Berlin Verlag vorlegt, nimmt sich neben Littells 1400-Seiten-Debüt in mehr als einer Hinsicht mager aus. Gerade mal 55 Seiten hat das „Georgische Reisetagebuch“, das eine Erkundung der kaukasischen Konfliktzonen unmittelbar nach dem Ende des Krieges im August dokumentiert. Durch Südossetien, Abchasien und das georgische Kernland ist Littell gereist, um auf beiden Seiten der Front Akteure zu befragen und ein eigenes Bild von jenem Krieg zu gewinnen, dessen Hintergründe dem Westen nach wie vor Rätsel aufgeben.

„Großer Journalismus mit den Mitteln der Literatur“ nannte die „FAZ“ den Text nach der Erstveröffentlichung in der „Le Monde“ (auch „Die Zeit“ druckte Auszüge). Guten Gewissens lässt sich nur dem ersten Teil dieser Charakterisierung beipflichten. Zwar fördert Littell nichts nachrichtlich Neues über den Krieg zutage, doch gelingt ihm eine Nahaufnahme, die vor allem in ihrer unvoreingenommenen Hinterfragung der beiderseitigen Kriegsmotive überzeugt. Aus seiner Zeit als Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation im Kaukasus kennt Littell die Region, bei den Recherchen dürfte ihm zudem das an der langjährigen Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg geschulte Gespür für die Logik militärischer Hierarchien zugute gekommen sein.

Damit enden auch schon die Parallelen zu den „Wohlgesinnten“. Waren dort gewisse sprachliche Unzumutbarkeiten noch als stilistische Strategie erkennbar, als enervierend pedantischer Erzählton eines moralentfremdeten Karrieristen, so wirkt die Lust am grausigen Detail im „Reisetagebuch“ mitunter schlicht platt. Keinen literarischen Helden, sondern sich selbst stilisiert Littell hier zum Spezialisten des Grauens – wenn er etwa in Zchinwali eine Gruppe Journalisten auf eine Leiche stoßen lässt, „vollkommen schwarz, voller wimmelnder Maden, einen unbeschreiblichen Gestank verströmend“. Ein erstaunlicher Dialog schließt sich an: „ ,Er muss verbrannt sein’, meint ein amerikanischer Journalist, der einige Jahre im Irak verbracht hat. ,Überhaupt nicht’, erkläre ich, ,das kommt von der Hitze.’ “

Noch scheinen Littell die „Wohlgesinnten“ in den Knochen zu stecken. Für Januar hat der Berlin Verlag bereits sein nächstes Werk angekündigt: eine theoretische Abhandlung über die Sprache des Faschismus. Jens Mühling

Jonathan Littell: Georgisches Reisetagebuch. Berlin Verlag 2008, 55 Seiten, 5 €.

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