Literatur : Gerechte Kriege gibt es nicht

Der Leuchtende Pfad treibt weiter sein Unwesen: Santiago Roncagliolos Peru-Roman „Roter April“

Christoph Schröder

Die Leiche ist grausam verstümmelt. Bevor man den Mann verbrannt hat, wurde ihm ein Arm abgesägt und ein Kreuz in die Stirn geritzt. Und das ausgerechnet am Aschermittwoch, an dem ohnehin alles vorbei ist. Für Staatsanwalt Félix Chacaltana ein schlechter Einstieg in seinen neuen Job – aus Lima ist er zurückgekehrt nach Ayacucho, eine Stadt in den peruanischen Anden, die Stadt seiner Kindheit. Angeblich will er sich um seine Mutter kümmern, doch die, das erfährt man bald, ist seit vielen Jahren tot. Nun lebt der Staatsanwalt in einem Haus voller Bilder der Vergangenheit. Nicht alle davon sind freundlich.

„Roter April“, der Roman des jungen peruanischen Romanciers Santiago Roncagliolo, beginnt wie ein klassischer Krimi. Auch die Verlagswerbung preist das Buch als „Thriller“. Doch es steckt mehr dahinter: Roncagliolo ist das Porträt eines Landes gelungen, das sich noch nicht von seinem Trauma erholt hat. Und die Charakterstudie eines merkwürdigen Mannes, dessen moralische und persönliche Überzeugungen ins Wanken geraten.

Denn Félix Chacaltana ist ein gewissenhafter Mann, der auf eine pedantische Weise, die schnell ins Komische kippen kann, etwa in Form seiner in absurder Behördensprache verfassten Berichte, an die Gesetze glaubt. Nur ist er mit dieser Haltung in Ayacucho fehl am Platz: Die Provinz war einst Hochburg der Terrororganisation „Leuchtender Pfad“; was hier stattfand, bezeichnen die Beteiligten als Krieg, und die Macht liegt nach wie vor in der Hand des Militärs und des Geheimdienstes. Beide beharren darauf, den Kampf gegen die kommunistischen Terroristen gewonnen zu haben, selbst als Félix Beweise dafür zu haben glaubt, dass der Tote auf das Konto des Leuchtenden Pfades geht. An Aufklärung ist niemand interessiert. Von nun an spinnt Roncagliolo geschickt seine Fäden: Vor dem Hintergrund der archaischen Rituale während der Osterfeierlichkeiten des Jahres 2000 treibt er die Handlung voran, in einer Sprache, die, analog zu Félix, zunächst die innere Distanz hält, um zusehends unruhiger, getriebener zu werden. Die Schriftstellerin Angelica Ammar hat mit ihrer Übersetzung gute Arbeit geleistet, trotz einiger merkwürdiger Formulierungen gerade zu Beginn.

Weitere Morde geschehen, merkwürdigerweise stets begangen an Menschen, mit denen Chacaltana kurz zuvor Kontakt hatte. Der Staatsanwalt gerät in einen Zustand zwischen Schuldgefühlen, Verzweiflung und Euphorie, letztere ein Resultat seiner Begeisterung für die junge Kellnerin Edith. Auch dies eine finstere Geschichte, wie überhaupt über dem Roman die düstere Atmosphäre einer religiös aufgeladenen Motivlage schwebt, die sich mit den Koordinaten des vermeintlich Aufgeklärten kaum vereinbaren lässt. „Wir kämpfen einen gerechten Krieg“, sagt Chacaltana zu seinem Kommandanten, „mir fällt es nur manchmal schwer, zwischen uns und dem Feind zu unterscheiden. Und in solchen Momenten drängt sich mir die Frage auf, was genau wir eigentlich bekämpfen?“ Die Antwort wird am Ende ebenso unmöglich wie bedeutungslos geworden sein.







Santiago Roncagliolo:
Roter April. Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 334 Seiten, 19,80 €

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