Geschichte der CIA : Cowboys im Nebel

Tim Weiner hat die Geschichte des US-Geheimdienstes CIA aufgeschrieben - als eine von Fehlschlägen.

Tobias Fleischmann
CIA
CIA - Die Zentrale der Macht. -Foto: dpa

Korea 1950. Die Soldaten des kommunistischen Nordens kämpfen gegen den republikanischen Süden, der von den USA unterstützt wird. Der Krieg ist die erste große Bewährungsprobe für den amerikanischen Geheimdienst – die Central Intelligence Agency. Doch der Nachrichtendienst scheitert. Die mehr als 200 Mitarbeiter der CIA in Soul sind nur mangelhaft ausgebildet, keiner von ihnen spricht koreanisch. Bei riskanten und schlecht geplanten Einsätzen in Nordkorea verheizt die Agency über tausend verbündete südkoreanische Agenten. Fast alle werden gefangen genommen oder hingerichtet. Und nach dem Krieg werden Beweise und Zahlen manipuliert, die Fehler schöngeredet und ein Mythos um die vermeintlichen Erfolge des Geheimdienstes errichtet. Die CIA hatte nach Korea „einen großartigen Ruf und eine schreckliche Bilanz“, erzählt ein damals eingesetzter Agent. Das Bild des allmächtigen Geheimdienstes, der Kriege entscheidet und Regierungen stürzt, war geboren und lebte in unzähligen Hollywood-Filmen fort.

Dass dieser Ruf mit der Realität nicht viel zu tun hat, zeigt Tim Weiner, Journalist der „New York Times“, in seinem Buch über die CIA. Mit der Genauigkeit eines Chirurgen seziert er die Geschichte des Geheimdienstes. Was zum Vorschein kommt, ist eine Kette von Fehlschlägen, Versagen und illegalen Operationen. Weiner begnügt sich allerdings nicht damit, die Fehlschläge aufzuzählen, sondern beleuchtet auch die Gründe für deren Scheitern. Seiner Ansicht nach war die CIA von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Ohne klare Zielsetzung, schlecht organisiert und ohne ausreichende parlamentarische Kontrolle sei die Organisation ins Leben gerufen worden. Dabei sei alles, was Präsident Harry Truman ursprünglich wollte, eine Zeitung gewesen, meint Weiner: Der Geheimdienst wurde mit dem Ziel gegründet, das Weiße Haus täglich über die weltweiten Entwicklungen, besonders in der Sowjetunion, auf dem Laufenden zu halten. Doch die Idee Trumans setzte sich nicht durch. Die Männer, die er mit der Gründung beauftragte, sind durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Spionage besteht für sie aus Sabotage und Kampf – weniger aus unauffälligem Sammeln von Informationen. Verdeckte militärische Operationen wurden stattdessen eine Lieblingsbeschäftigung der CIA.

Die Agenten liefern Waffen und Geld an dutzende Diktatoren in Südamerika, bilden in Texas die späteren Führer der Todesschwadronen von Honduras und El Salvador aus und bespitzeln während des Vietnamkrieges die eigenen Bürger. Demokratische Regeln gelten nicht viel, der Kampf gegen den Kommunismus rechtfertigt viel.

1953 hilft die CIA, den Schah im Iran an die Macht zu bringen, indem sie Iraner dafür bezahlt, auf den Straßen Teherans für Unruhen zu sorgen. Die politischen Folgen wirken bis heute nach. Weiner zeichnet nach, wie die CIA versuchte, Fidel Castro mit Hilfe der Mafia umzubringen. Die Quellen belegen, meint Weiner, dass das Plazet für ein Attentat von Präsident Kennedy selbst erteilt wurde.

Der Autor macht nicht allein die CIA für Fehler verantwortlich. Viele Präsidenten verfielen dem Irrglauben, mit dem Geheimdienst ihre Außenpolitik gestalten zu können. Gleichzeitig musste sich der Geheimdienst im politischen Sumpf von Washington gegen das Pentagon behaupten – und manchmal auch gegen das Weiße Haus. Daher erfolgt die Ernennung vieler CIA-Direktoren aus politischen Motiven, die mit ihrem Job bisweilen schlicht überfordert waren. „Wenn man über andere Länder sprach, wusste er nicht, ob es sich um ein Land in Afrika oder Südamerika handelte“, erinnert sich ein CIA-Mitarbeiter an seinen früheren Chef. Häufige Führungswechsel machen die CIA in den letzten Jahren zunehmend orientierungslos. Innerhalb von sechs Jahren war George Tenet der fünfte Direktor, und einer der tragischsten: Um der Politik der US-Regierung nicht im Wege zu stehen, versicherte er, der Irak habe Massenvernichtungswaffen. Rückblickend, sagt er, sei das „der dümmste Satz meines Lebens“ gewesen.

So war die CIA vieles, aber kein Dienst, der nur „Intelligence“, Aufklärung, liefert. Die eigentliche Aufgabe erfüllte die Organisation selten. Wichtige Ereignisse kamen für die CIA überraschend. „Die Sowjets dürften kaum geneigt sein, Bodentruppen in großem Umfang nach Afghanistan zu schicken“, zitiert Weiner einen Geheimbericht von 1979. Im selben Jahr beginnt die UdSSR mit dem Einmarsch. Auch die irakische Invasion in Kuwait 1990 hat die CIA nicht kommen sehen. Vor allem aber vom Zusammenbruch der Sowjetunion, auf den sich fast alle Anstrengung konzentrierte, ahnte die CIA nichts, im Gegenteil: Während die UdSSR im Inneren zerfällt, berichten CIA-Analysten von der wachsenden sowjetischen Wirtschaft. Das Unwissen kommt nicht von ungefähr, selbst der damalige Sowjetunion-Experte hatte das Land nie besucht. Und vom Fall der Mauer erfährt der Chef der für die Sowjetunion zuständigen Abteilung aus dem Fernsehen. Fassungslos verfolgt er das Ereignis auf CNN.

Weiner gelingt ein äußerst informatives und unterhaltsames Buch. Allerdings setzt er solides geschichtliches und politisches Wissen voraus. Wer darüber nicht verfügt, läuft Gefahr, sich in der Vielzahl der Namen, Jahreszahlen und Orte zu verlieren. Doch der Autor, der über 20 Jahre recherchiert hat, hält, was der Titel seines Buches verspricht: Noch nie zuvor wurde „die ganze Geschichte“ erzählt und derart akribisch so viele Details über die CIA zusammengefasst. Weiner durchwühlte über 50 000 Dokumente im Archiv der CIA, des Weißen Hauses und des Pentagons, von denen einige bis vor kurzem als geheim eingestuft waren. Er führte hunderte Interviews mit Politikern und Ex-Agenten, darunter auch zehn ehemaligen CIA-Direktoren. Neue Leichen im Keller der CIA hat er dabei zwar kaum entdeckt, aber einige Gerüchte bestätigt und neue Details ans Licht geholt. Andere Einzelheiten sind nicht neu, doch Weiner stellt sie in einen historischen Zusammenhang und belegt sie ausschließlich mit Primärquellen. Das ist außergewöhnlich. Zu Recht wurde das Buch in den USA als bestes Sachbuch 2007 ausgezeichnet.

Tim Weiner: CIA – Die ganze Geschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 864 Seiten, 22,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben