''Geschichte der RAF'' : Das Hohe Paar des Terrors

Noch ein Buch über den Deutschen Herbst – und ein erfrischend ernstes: Willi Winklers "Geschichte der RAF“ kann Herkunft und Abkunft der Terroristen erklären - aber immer mit gebührendem Abstand.

Werner van Bebber

Eine Geschichte der RAF gibt es inzwischen für fast jeden Lesertyp. Stefan Aust vom "Spiegel“ hat sie als Premium-Politkrimi erzählt. Der Anwalt Pieter Bakker Schut hat die Geschichte der RAF bis hin zu "Stammheim" so erzählt, dass sich Staatshasser und Verschwörungstheoretiker in ihr wiederfinden. Es gibt die Geschichte der RAF für Tatsachenmenschen von Butz Peters, für Enzyklopädisten, zweibändig, herausgegeben von Wolfgang Kraushaar. Es gibt die – ergreifend-biografische – Geschichte von Gerd Koenen über "Vesper, Ensslin, Baader“. Es gibt die hippe Geschichte der RAF in Fotos von Astrid Proll. Viele, die dabei waren, haben Erinnerungen geschrieben. Vielleicht fehlt noch eine Geschichte der RAF aus fraulicher Sicht, denn die RAF war ganz sicher eine Frauenbewegung.

Jetzt hat Willi Winkler, der vor allem für die "Süddeutsche Zeitung“ schreibt, "die Geschichte der RAF“ geschrieben. Es ist kein geringer Anspruch, den der Titel formuliert. Zumal Winkler scheinbar schüchtern bemerkt: "Ich war nicht dabei, in Köln so wenig wie in Amman.“ Doch durchströmt diesen Text ganz offenbar ein Gefühl der Zeitgenossenschaft, der Zugehörigkeit zu der Generation, die sich durch "1968“ definiert. Auch wenn Winkler dem Jahrgang 1957 angehört und also eher zu den kleinen Brüdern der 68er gehört: Seinem Buch hat dieses Zugehörigkeitsgefühl zu der am stärksten politisierten deutschen Nachkriegsgeneration, hat seine (aber gewiss doch:) Betroffenheit von der Studentenrevolte nicht geschadet.

Weil Willi Winkler ideologische Zeiten noch kennengelernt hat, kann er sich und seinen Lesern die Herkunft, die Abkunft, die Entstehung der RAF erklären. Weil ihn die Ideologie nicht so gefangen genommen hat wie viele 68er, bleibt Winkler in dem gebotenen Abstand zu diesem Krieg einer kleinen Truppe von Desperados gegen einen Staat, den sie für „faschistisch“ hielten. Weil Winkler ein politischer Feuilletonist und Begriffsartist ist, liest sich das Buch über weite Strecken leicht und frisch, bei aller Umfänglichkeit.

Die Politiksekte, die zur Mörderbande wurde

Der Retro-Chic der RAF kann so wenig wie vehemente Debatten über die Haftentlassung noch einsitzender Terroristen darüber hinwegtäuschen, dass längst nur noch – freundlich gesagt –: ältere Leute von der ideologischen Konfrontation wissen, aus der die RAF entstanden ist. Wer sich heute für die RAF interessiert, und das sind offenbar nicht wenige, ist also auf gute Historiker angewiesen. Um es mit dem Pathos zu sagen, das viele 68er heute schätzen: Eine – ihre – Bewegung ist an ihr Ziel gelangt.

Das sah man schon 1998. Da waren die „Generationsgefährten“ der Baader- Meinhof-Gruppe dabei, „als erste rot- grüne Regierung die Macht zu übernehmen“, wie Winkler schreibt. Der Weg durch die Institutionen endete im Bundeskanzleramt. Winkler listet die Protagonisten alle noch mal auf, von Schröder über Otto Schily bis zu Horst Mahler. Und wenn Schröder oder sein Außenminister Joschka Fischer auch heute (vordergründig) wie Pragmatiker der Politik aussehen – am Anfang waren sie Ideologen, ihr Stil der Auseinandersetzung war geprägt durch harte Gegnerschaft.

Gleiches gilt für die RAF, die Bande, die zur Mörderbande wurde. Sie begann als Politsekte. Mit den bewegten Studenten der Generation von ’68 hatte sie die politischen Arbeitshypothesen gemein: das Denken und Argumentieren in und mit allen möglichen Ismen, vom Faschismus über den Kapitalismus bis zum Imperialismus – und nicht nur das. Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin waren am Anfang der RAF extremistische 68er, Teile der Bewegung.

Ulrike Meinhof war immer ernst

Winkler verwendet viel erzählerische Mühe auf diese Zeit der Politfreaks, Kommunarden, Prediger und Situationisten. Noch aus dem Abstand von fast 40 Jahren fasziniert diese Zeit mit ihrer pseudorevolutionären Hitze, ihrer heftigen Gegenwärtigkeit – und ihren Gefahren. Dass sich diese Entstehungsgeschichte der RAF gut liest, wenn auch die Tatsachen zum x-ten Mal wiederholt werden, liegt an Winklers Fähigkeit zur zugespitzten Formulierung. Über die Ulrike Meinhof der vorterroristischen Phase, die republikweite beachtete Kolumnistin von „konkret“ und deren strengen Blick auf die Politspaßvögel um Fritz Teufel schreibt er: "Ulrike Meinhof verstand da keinen Spaß, es war ihr immer ernst, die Veralberung einer lachhaften Polizei war ihr zu wenig, aber natürlich begrüßte sie die propagandistische Absicht der Kommunarden.“

Dieser Frau war immer alles todernst. Ihre Lebensgeschichte, ihre Prägung erklärt das. Es wirkt immerhin fair, wie Winkler aus dieser besonderen, aber auch sehr deutschen Biografie die Maßlosigkeit der Meinhof und ihre Härte erklärt, die sich erst in ihren Texten, dann in ihrem Handeln zeigt. Maßlosigkeit, Wahn, Pathos – diese Züge dieser Zeit arbeitet Winkler immer wieder heraus, um sie wie begriffliche Inseln aus dem Erzählstrom auftauchen zu lassen. Da finden sich schauerlich-schöne Passagen: "Gudrun Ensslin verließ Bernward Vesper, verließ ihr drei Monate altes Kind und tat sich mit Baader zusammen. Fortan waren sie unzertrennlich und bald das Hohe Paar des Terrors. Wenn sie doch getrennt wurden, setzten sie alles daran, dass sie wieder zusammenfanden. Ihr letzter Triumph sollte darin bestehen, dass sie – mit Jan-Carl Raspe als Trauzeugen – im Oktober 1977 auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof in ein gemeinsames Grab gelegt wurden.“

Das Hohe Paar des Terrors – solche Zuspitzungen sind vielleicht jetzt erst möglich geworden. Ganz sicher kann nur ein Autor sich diese Art der Pointierung leisten, der in der Geschichte zu Hause ist – und sich seinen Sinn für die Bizarrerien dieser Geschichte bewahrt hat.

Dreißig Jahre nach "Stammheim“, nach Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und weiteren Morden bleibt die RAF ein düsteres Faszinosum der deutschen Geschichte. Eigentlich schön, dass wir heute in so unideologischen Zeiten leben.

Willi Winkler: Die Geschichte der RAF. Rowohlt Berlin, Berlin 2007, 528 Seiten, 22,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben