Geschichte des Wissens : Ich spreche so, wie meine Zeit mich spricht

Paul Veyne und Philipp Sarasin über das Denken von Michel Foucault – und Charles Darwin.

Meike Fessmann

Woher kommt es, dass die Wahrheit so wenig wahr ist?“ Auf diese schlichte Frage könnte man die Geschichte des Wissens reduzieren und würde sofort verstehen, wo das Problem liegt: Jede Form des Wissens kann widerlegt werden; was heute noch als richtig gilt, kann morgen schon überholt sein und übermorgen im Archiv der Geschichte landen. Michel Foucault, der sich weder als Historiker noch als Philosoph sehen wollte und am Ende seines Lebens davon sprach, seine Bücher seien „eine kritische Geschichte des Denkens“, soll sie als Quintessenz seines Nachdenkens über die Wahrheit formuliert haben. So berichtet es der französische Althistoriker Paul Veyne in seinem Buch über den charismatischen Freund.

„Der Philosoph als Samurai“ erläutert die Grundzüge seines Werks und dessen oft missverstandene Schlüsselbegriffe Wissen, Macht, Diskurs oder Wahrheit. Und es porträtiert den Autor, dessen Aids-Tod im Juni 1984 nicht nur die Pariser Szene schockierte, als einen Menschen, der im persönlichen Umgang sensibel und gewinnend sein konnte, bei der Verfolgung seiner intellektuellen Ziele jedoch von unerbittlicher Konsequenz.

Paul Veyne betont den kämpferischen Skeptizismus des Freundes unter den Auspizien seines Doppelwesens. Weil sich bei Foucault die Härte des Denkens mit der Lust am Leben paarte, und weil er jedem Gedanken, sei er ihm auch noch so fremd, Respekt erwies, ist seine „empirische Anthropologie“ ein vergleichsweise ideologiefreies Unternehmen geworden. Das Schlagwort vom „Diskurs“ war bei Foucault selbst, anders als bei vielen Apologeten, keine Entschuldigung für das Subjekt, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es meinte nur, dass die Wissensformationen und Sprechkonventionen bei jeder Äußerung, die wir tun, mitreden. Jeder kann nur so sprechen, wie man zu seiner Zeit spricht. Und dennoch gibt es Freiheit, Wandel, Veränderung.

Anders als das Klischee es will, war Foucault kein Strukturalist. Schon in „Les mots et les choses“ (1966) machte er sich über den klassifikatorischen Eifer lustig, allerdings sprach er da über das 18. Jahrhundert. Die Beschreibung der Ablösung des klassifikatorischen vom historischen Denken ist der rote Faden des Buches. Das eigentliche Ziel war dennoch ein anderes. Es ging Foucault, wie er im Vorwort zur deutschen Ausgabe („Die Ordnung der Dinge“, 1974) schrieb, zwar um die Enthüllung eines „positiven Unbewussten des Wissens“, aber auch „um die Möglichkeit der Veränderung selbst“.

Wie kommt das Neue in die Welt? Diese ebenfalls schlichte Frage könnte man als Bindeglied zwischen Foucault und Darwin auffassen. Während Paul Veyne manchmal dazu neigt, Foucault in den Kanon der Historiker einzugliedern – häufig spricht er etwa von „Kausalität“, wohl wissend, dass es Foucault gerade auf die Zufälligkeit und die Singularität jedes einzelnen Ereignisses ankam –, beschreitet der Züricher Historiker Philipp Sarasin einen anderen Weg. „Darwin und Foucault“ ist hoch spekulativ, entstanden aus einer zufälligen Parallellektüre beider Autoren. Auch Sarasin ist ein ausgewiesener Kenner Foucaults. Was sein Werk über das Doppelgespann so anregend macht, ist sein eigener Wille zum Wissen, der ähnlich stark ausgeprägt scheint wie bei seinen beiden Studienobjekten. Mit der Legitimation seines Verfahrens hält er sich nicht lange auf.

Tatsächlich hat sich Foucault kaum und vor allem nicht explizit auf Darwin bezogen. Der Mittelsmann ist Nietzsche und dessen Biologisierung des Menschen als das „kluge Tier“. Alle drei bringt er unter dem Stichwort des „Genealogen“ zusammen, der sich vom Metaphysiker und vom Historiker dadurch unterscheidet, dass er weder nach dem Ursprung noch nach Kausalitäten forscht, sondern nach der Herkunft.

Worum geht es Sarasin? Er möchte wohl den noch haarfeinen Spalt nutzen, der sich auftut, seit man ein wenig an den deterministischen Weisheiten der Genetik zu zweifeln beginnt. Unter ihrer Flagge hat die Biologie der Physik den Rang als naturwissenschaftliche Leitdisziplin abgelaufen. Mittlerweile sieht man die Sache wieder komplexer und denkt gar an einen „vierdimensionalen“ Prozess, in dem neben genetischen auch „umwelt-, verhaltens- und kulturinduzierte Variationen von Organismen in den Blick genommen werden“.

Gerade bei der Unzahl eher undifferenzierter Veröffentlichungen im Darwin-Jahr ist ein Buch wie das von Sarasin eine Wohltat. Mit Derrida als weiterem Gewährsmann unterzieht er Darwin und Foucault einer dekonstruktiven Lektüre, auch wenn dieses Stichwort niemals fällt und sich sein klarer Schreibstil angenehm von dem des Franzosen unterscheidet. Am Ende sieht Foucault nicht mehr wie der kühle Systematiker aus, sondern wie einer, der die Biologie seiner Zeit gegen den Strich gelesen hat, indem er den Irrtum und den Fehler als das Freiheitspotenzial feierte, das sich im Transkriptionsprozess des genetischen Programms verbirgt. Und Darwin macht den Eindruck eines angenehmen Zeitgenossen, der gegen seine eigene Zeit wahrzunehmen imstande war, wie wichtig der weibliche Blick für alles ist, was Natur und Kultur prägt.

In „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ räumt Darwin selbst ein, der natürlichen Selektion durch Anpassung an die Umwelt einen zu hohen Stellenwert eingeräumt zu haben. Ihr stellt er nun die „sexual selection“ zur Seite. Sie soll jenes Phänomen erklären, dass die Männchen zahlreicher Gattungen durch auffällige Erscheinung die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich ziehen und damit riskieren, von ihren Fressfeinden leichter erkannt zu werden.

Der Clou von Darwins Argumentation besteht in der Annahme, dass die Weibchen überhaupt eine Wahl haben und sich die Männchen nach ihrem Verlangen richten – im 19. Jahrhundert ein skandalöser Gedanke –, und dass sie zudem Schönheit wählen. Davon hat man gelegentlich schon gelesen. Keiner aber akzentuiert so deutlich wie Sarasin, dass es sich bei den Schönheitsmerkmalen um arbiträre Zeichen handelt. Ihre Wirkung ergibt sich aus der Differenz. Es gibt Dinge zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Frau, die nichts mit Reproduktion und Aufzucht möglichst evolutionstauglicher Nachkommen zu tun haben.

Eine weitere Einsicht Darwins bringt Sarasin gegen den populären Darwinismus und sein Gerede vom „survival of the fittest“ in Stellung. Dabei spielt gerade die Schwäche eine Rolle und die Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Spätestens seit vor rund 250 000 Jahren die vokale Sprachfähigkeit aus der ursprünglichen Gebärdensprache hervorging, kann er aus seiner körperlichen Schwäche einen Vorteil machen. Seit 40 000 Jahren ist sein Hirnvolumen ungefähr auf dem heutigen Stand. Der Überschuss erzeugt nicht nur die Fähigkeit und die Last der Reflexion, sondern auch seine Moralfähigkeit. Das Zusammenleben in der Gruppe bereitet ihm Vergnügen. Deshalb ist der Einzelne bereit, seine egoistischen Interessen zugunsten der Akzeptanz innerhalb einer Gemeinschaft zurückzustellen.

Jede Form des Wissens, das den Kreis der Experten verlässt, muss vereinfacht werden, damit der Laie es versteht. Bei der Popularisierung sind es häufig die Metaphern, die sich durchsetzen und verselbstständigen. So ließe sich die ganze Darwin-Rezeption – einschließlich des Missbrauchs im Nationalsozialismus – auf die beiden unglücklichen Metaphern der „Arten“ und des „Kampfes“ zurückführen. Tatsächlich beweist Darwins „Entstehung der Arten“, dass es so etwas wie Arten nicht gibt, sondern nur unendlich abgestufte Einzelfälle. Auch den Ausdruck „Kampf ums Dasein“ hatte Darwin nach eigenem Bekunden nur „der Bequemlichkeit halber“ gewählt. Ähnlich verhält es sich bei Foucault. Dessen berühmteste Metapher, „dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, hat ihm den Ruf des Anti-Humanisten eingebracht. Dabei ging es ihm um die Rettung des Individuellen vor dem Zugriff des Allgemeinen.

Wenn nun in Krisenzeiten vieles auf den Prüfstand kommt, kann man froh sein, wenn so differenzierte Geister wie Veyne und Sarasin, wie Darwin und Foucault zu Wort kommen. In der Biologie, in der Ökonomie, der Soziologie und nicht zuletzt in der Philosophie steht die Transformation ganzer Wissensgebiete an: eine große Chance zur Neudefinition.

Philipp Sarasin: Darwin und Foucault. Geneaologie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 456 Seiten, 24,80 €.

Paul Veyne: Foucault. Der Philosoph als Samurai. Aus dem Französischen von Ursula Blank-Sangmeister unter Mitarbeit von Anna Raupach. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 218 Seiten, 19,90 €.

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