Geschichte : Die unentdeckte Rolle der Eva Braun

Die Frau an Hitlers Seite: Eva Braun hatte eine wichtigere Rolle als angenommen, schreibt Heike B. Görtemaker.

Ernst Piper
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Verbunden. Hitler und Braun auf dem Obersalzberg. Foto: bpk / Bayerische Staatsbibliothek

Am 7. März 1945 kam Eva Braun zum letzten Mal in die Reichshauptstadt Berlin. Zuvor hatte sie sich von ihren Freunden und der Familie im heimatlichen München verabschiedet. Braun nahm nun Quartier im Führerbunker. Anfangs war es ihr noch möglich, der bedrückenden Atmosphäre in den engen Räumen gelegentlich zu entfliehen und Ausflüge zu ihrer Wohnung in der Alten Reichskanzlei zu machen. Doch im April waren die Luftangriffe so intensiv, dass Hitler und seine Entourage fast wie Gefangene im Führerbunker lebten. Eva Braun vertrieb sich die Zeit, indem sie sich gemeinsam mit den Sekretärinnen im Pistolenschießen übte.

Am 29. April ist es soweit. Auf Hitlers Geheiß erscheint der Pankower Stadtrat für Schulverwaltung und Müllabfuhr Walter Wagner im Bunker. Joseph Goebbels erklärt ihn kurzerhand zum Standesbeamten. In Ausübung des neuen Amtes stellt Wagner fest, dass die Heiratswilligen Adolf Hitler und Eva Braun rein arischer Abstammung und nicht von der Eheschließung hinderlichen Erbkrankheiten betroffen sind. Die eiligst ausgestellte Heiratsurkunde wurde von Wagner, den Eheleuten Adolf und Eva Hitler sowie den Trauzeugen Goebbels und Martin Bormann unterschrieben.

Hitler hatte geglaubt, es „in den Jahren des Kampfes nicht verantworten zu können, eine Ehe zu gründen“, wie er in seinem am selben Tag abgefassten persönlichen Testament schrieb. Aber jetzt wollten er und seine Gattin gemeinsam in den Tod gehen: „Er wird uns das ersetzen, was meine Arbeit im Dienste meines Volkes uns beiden raubte.“ Darüber, was die Arbeit den beiden geraubt hat, gehen die Meinungen bis heute weit auseinander. Auf dem Berghof untersuchten neugierige Hausangestellte, nachdem Hitler aufgestanden war, seine Bettwäsche auf Spuren des Geschehens der vergangenen Nacht. Da die Suche ohne Erfolg blieb, schloss man auf ein platonisches Verhältnis. Albert Speer dagegen, der auf dem Berghof häufig zu Gast war, war sich sicher, dass Hitler und die 23 Jahre Jüngere eine Liebesbeziehung verband.

Ob die Beziehung zwischen Hitler und Braun eine sexuelle Dimension hatte, ist im Grunde nicht wirklich wichtig, zumal hier ohnehin keine wie auch immer geartete Beweisführung möglich ist. Deshalb ist seinerzeit auch die Diskussion über die angebliche sensationelle Enthüllung von Hitlers Homosexualität bald wieder verstummt. Viel wichtiger und auch spannender ist die Frage, was diese junge Frau, die gerade mal 17 Jahre alt war, als Hitler sie 1929 im Fotoatelier von Heinrich Hoffmann kennenlernte, dem Führer der NSDAP bedeutete.

Die Opinio communis der zeithistorischen Forschung war bisher, dass Eva Braun in Hitlers Leben nur eine zu vernachlässigende Rolle gespielt habe. Sie war nicht die Frau an seiner Seite. Während die anderen NS-Granden verheiratet waren und Familie hatten, trat Hitler immer alleine auf, weil er glaubte, alles andere könne seinen Nimbus beschädigen. Seine Braut sei Deutschland, sagte er mehr als einmal. Eine Eva Braun wäre hier ein Störfaktor gewesen, deshalb musste sie unsichtbar bleiben. Wenn offizielle Gäste Hitler auf dem Berghof besuchten, wurde sie auf ihr Zimmer verbannt. Das geschah häufig, denn Hitler hielt sich immer wieder längere Zeit auf dem Obersalzberg auf, aber nicht, um dort ein erholsames Leben jenseits der Politik zu führen. Vielmehr umgab er sich dort mit seinen Hofschranzen, hielt Besprechungen mit militärischen Führern ab und empfing bisweilen sogar Staatsgäste. Ian Kershaw, der in seiner monumentalen Biografie Adolf Hitler als einen „Mann ohne Eigenschaften“ zeichnet, der ganz in seiner Führerrolle aufging, betont denn auch: „Für Hitler gab es kein Privatleben.“

Die Historiker der NS-Zeit kamen deshalb schon früh zu der Überzeugung, Eva Braun sei „uninteressant“ (Hugh Trevor-Roper) gewesen, und dabei blieb es. Heike Görtemaker ist nun angetreten, dieses Urteil zu revidieren. Das ist eine womöglich lohnende, aber keine einfache Aufgabe, denn die Quellenlage ist entmutigend. Der Briefwechsel, den es wohl gegeben hat, ist vernichtet worden, der Nachlass von Eva Braun verloren. Die Autorin muss daher den Weg der indirekten Beweisführung antreten und stützt sich dabei notgedrungen auf Fakten, die oftmals unterschiedliche Interpretationen zulassen. Wenn zum Beispiel Heinrich Hoffmann seinem ehemaligen Lehrmädchen für ein Foto vom Berghof ein maßlos überhöhtes Honorar bezahlte, so ist es keineswegs sicher, dass er sich damit bei Hitler einschmeicheln wollte, denn das hatte er eigentlich gar nicht nötig.

Eine sehr wichtige Rolle kommt für Görtemakers Beweisführung den Zeitzeugen zu, wobei sich die Autorin der Problematik wohl bewusst ist und die von ihr zitierten Stimmen durchaus kritisch kommentiert und ihre Aussagen oft genug in Zweifel zieht. Das gilt ganz besonders für den eloquenten Selbstdarsteller Albert Speer, den sein geschicktes Auftreten 1946 in Nürnberg vor dem Galgen bewahrt hat. Görtemaker thematisiert mehrfach die Fragwürdigkeit dieses Berichterstatters und zitiert ihn doch fast auf jeder Seite, denn in seinen verschiedenen Büchern hat er sich zu allem und jedem geäußert und ist deshalb eine besonders ergiebige Quelle.

Görtemaker beschränkt sich aber nicht auf die zumeist nach Kriegsende entstandene Zeitzeugenliteratur. In ihrer weit ausgreifenden und detailreichen biografischen Studie macht sie auch den interessanten Versuch, ein Bild des Hofstaates auf dem Obersalzberg zu entwerfen. Hitlers Umgebung bestand dort aus umfangreichem Personal, den Repräsentanten von Regierung, Partei und Militär und dem sozialen Zirkel, dem auch Eva Braun zuzurechnen war. Hier geraten auch sinistre Gestalten wie der Leibarzt Dr. Morell in den Blick.

Die Analyse des sozialen Beziehungsgeflechts beschränkt sich aber nicht auf den Obersalzberg. In einem Kapitel über Frauen im Nationalsozialismus werden aufschlussreiche Vergleiche mit Magda Goebbels, Emmy Göring und Ilse Heß angestellt. Dem Frauenschicksal gilt das eigentliche Interesse der Autorin, die mit einer viel beachteten Arbeit über Margret Boveri promoviert hat. Sie ist keine genuine NS-Spezialistin und ihre Darstellung der politischen Geschichte zeigt einige Unsicherheiten und enthält auch den einen oder anderen Fehler.

Görtemaker geht es um die Frau an Hitlers Seite. Zunächst galt Hitlers Zuneigung vor allem Geli Raubal, der Tochter seiner Halbschwester. Nach deren Selbstmord im Jahr 1931 wandte er sich verstärkt Eva Braun zu, doch es bedurfte zweier mehr oder weniger ernst gemeinter Selbstmordversuche, bis Hitler die junge Frau wirklich ernst nahm und sich um eine Wohnung für sie kümmerte, damit sie nicht länger bei den Eltern logieren musste. 1935 durfte sie sogar mit zum Reichsparteitag fahren, im Jahr darauf begleitete sie Hitler zu den Olympischen Winterspielen. Und 1938 nahm er sie auch in sein Testament auf und sah eine lebenslange ansehnliche Rente für Eva Braun vor.

Je mehr Hitler das Kriegsglück verließ, desto wichtiger wurde seine Geliebte für ihn. Nach der Niederlage bei Stalingrad soll er gesagt haben, es seien ihm nur zwei Freunde geblieben, Eva Braun und sein Schäferhund Blondi. Beide nahm er dann am 30. April 1945 mit in den Tod.

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schickte Adolf Hitler seine von der Explosion zerfetzte Uniform Eva Braun auf den Obersalzberg. Die stark beschädigten Kleidungsstücke waren eine Trophäe, sie zeigten, dass Hitler Leib und Leben für seine Wahnideen einzusetzen bereit war und dabei auch auf seine Gefährtin rechnete. Im Führerbunker, als er von allen verlassen war, durfte sie ihm dann nahe sein. Am Ende war Eva Braun am Ziel ihrer Wünsche, aber sie bezahlte dafür mit ihrem Leben.

– Heike B. Görtemaker: Eva Braun. Leben mit Hitler. C. H. Beck, München 2010. 366

Seiten, 24,95 Euro.

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