Geschichte : Eine Generation wird besichtigt

Ein Panorama aus 27 Bildern: Angehörige vom "Jahrgang 1926/27" erzählen, was damals Sache war.

Klaus Schütz
Geschichte
"Jahrgang 1926/27 . Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz" -Foto: Promo

Auf den ersten Blick ist es ein Buch wie viele andere. Da schreiben siebenundzwanzig Frauen und Männer, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland erlebt haben. Oder besser: Wie sie dies heute erinnern. Jeder auf seine Weise. Der eine taucht tief in die Problematik ein, der andere referiert knapp seine Erfahrungen.

Alle sind geboren in den Jahren 1926 oder 1927. Sie waren also am Ende des „Dritten Reichs“ zwischen 17 und 18 Jahre alt. Frauen und Männer, alle von politischem Gewicht in späteren Jahren, an verantwortlicher Stelle und viele von ihnen im öffentlichen Bereich. Damals – am Ende von Krieg und von Nationalsozialismus – war fast jeder von ihnen in annähernd vergleichbarer Situation. Und heute sind sie im guten Alter von 80 immer noch etwas Besonderes.

Sie haben zusammen ein Buch geschrieben. Oder besser gesagt: Jeder von ihnen hat einen Beitrag geliefert zu einem Buch. Auf Anregung von Alfred Neven DuMont. Begründet wird die Veröffentlichung damit, dass möglicherweise einige aus diesem Jahrgang noch Mitglieder in der NSDAP geworden sind. Das war vor einiger Zeit eine völlig abwegige Debatte. Ohne den Versuch, die Situation im Jahre 1945 wirklich zu verstehen. Und ohne den Respekt vor der Integrität der Genannten. Unabhängig von diesem Anlass ist dieses Buch nun wirklich nicht so wie andere sonst. Es ist ein Ereignis der ganz besonderen Art. Wichtig da, wo es um den jeweiligen Autor an sich geht. Aber bedeutungsvoll als Ganzes. Denn als Gesamtwerk spiegelt es das nationale Niveau wider.

Da schreiben also Erhard Eppler und Walther Leisler Kiep, Uta Ranke-Heinemann und Wolf Jobst Siedler, Peter Bacher und Hermann Lübbe. Und einundzwanzig andere. Darüber, was sie so erlebt haben und wie. Jeder Beitrag für sich eine Besonderheit.

Erst in der Gesamtschau wird es ein Werk von herausragendem Charakter. Indem jeder seine eigene Geschichte schreibt, wird das Ganze eine umfassende Darstellung dessen, was in jener Zeit – also nach der Machtergreifung Hitlers und besonders im Jahre 1945 – in unserem Lande los war. Ich behaupte, dass es Vergleichbares wie dieses nicht gibt. Hier jedenfalls kann der Spätgeborene, wenn er interessiert ist, einmal nachlesen, was und wie in Deutschland damals – vor allem aber am Ende des Nationalsozialismus – gedacht worden ist. Das Buch muss als Ganzes betrachtet werden. Um es wirklich zu verstehen. Jeder individuelle Beitrag lohnt sich zu lesen. Aber erst als Einheit des Vielfachen bekommt es seine exorbitante Bedeutung. Der „Jahrgang 1926/27“ muss gelesen werden auf eine besondere Weise. Als ein Panorama von siebenundzwanzig Bildern. So wie etwa das Bourbaki-Panorama von Luzern über den Einmarsch der Franzosen in die Schweiz im Jahre 1871. Oder das Panorama von Wolgograd, über den Kampf um Stalingrad im Winter 1942/43. Genau so gibt auch dieses Buch Eindrücke in Folge. Mit siebenundzwanzig Einzelbildern wird das Gesamtereignis vermittelt.

Mit diesem Hinweis sollen übrigens nicht die jeweiligen Essays in ihrem Wert und in ihrer Bedeutung beeinträchtigt werden. Es lohnt sich schon jeden Beitrag an sich zur Kenntnis zu nehmen. Aber über sich selbst hinaus wirkt jeder dann erst außergewöhnlich, wenn er Teil des Ganzen geworden ist.Bei der Fülle von Veröffentlichungen, die sich seit Jahrzehnten mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, fehlt immer noch der Überblick über die Befindlichkeit der direkt Betroffenen, nämlich der Deutschen. Nur wenige kommen hier – wie kürzlich Götz Aly – der Wirklichkeit auf die Schliche.

Mit diesem Buch wird nun eine Gesamtschau präsent. Den Schulbehörden ist ausdrücklich zu raten, diesen „Jahrgang 1926/27“ zur Pflichtlektüre zu erklären. Damit unsere Kinder und die Nachkommenden endlich ohne falsche Rücksichtnahme erfahren, was damals Sache war.

Übrigens: Bei einem Überblick wird auch deutlich, dass dieser Jahrgang der Mittzwanziger des vergangenen Jahrhunderts einen wirksamen Beitrag geleistet hat. Als es galt unseren Staat, die Bundesrepublik Deutschland, so quasi aus dem Nichts zu schaffen. Das heißt: Wer dieses Buch gelesen hat, wird verstehen, warum das Experiment „Nachkriegsdeutschland“ so wunderbar gelaufen ist.

Der Autor, Jahrgang 1926, war von 1967 bis 1977 Regierender Bürgermeister Berlins.

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