Gesellschaft : Eros der Freiheit

In einem Land von Hysterikern: Ulrike Ackermanns Plädoyer für eine "radikale Aufklärung".

Werner van Bebber

Freiheit? Die ist mit Vorsicht zu genießen und in nicht zu hohen Dosen. Freiheit gehört reguliert, staatlich beaufsichtigt und überwacht. Sonst führt Freiheit in die Krise. Oder nicht? Man ahnt das Kreischen kommender Wahlkampfdiskurse, wenn der Grünen-Vormann Özdemir sagt, seine Partei stehe für eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP nicht zur Verfügung. Die beiden Parteien stünden für alles, was in die Wirtschaftskrise geführt habe. Vom „Eros“ der Freiheit ist hierzulande nicht viel zu spüren.

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann hat mit ihrem Plädoyer für die Freiheit ein Buch zur Finanzkrise geschrieben. Viel besser passt es zur Stimmung der Deutschen ihrem Staat und ihrem Wirtschaftssystem gegenüber – und zur Reaktion der Politik auf die Krise. Weniger Freiheit, mehr Staat: Das fordern, das machen alle außer den Liberalen. Und das ist auch logisch so, wie man Ackermanns gut gebautem „Plädoyer für eine radikale Aufklärung“ entnehmen kann. Denn die Freiheit, die der Westen kennt, hat den Welthandel vorangebracht, das Unternehmertum, hat Grenzen verschwinden lassen.

Doch geht es Ackermann nicht um eine Korrektur am Image der Globalisierung. Die Weltwirtschaft mit ihren vielfachen Abhängigkeiten ist für die Politikwissenschaftlerin ein Aktionsfeld, auf dem sich zeigt, wie positiv Freiheit wirken kann – um dann doch wieder negativ beurteilt zu werden, jedenfalls hier, in Deutschland. Am Beispiel der Wut auf den Mobiltelefonhersteller Nokia erläutert Ackermann, wie breit und wie tief ein antikapitalistisches Ressentiment verbreitet ist: „Wenn die Schließung einer deutschen Niederlassung des finnischen Handyherstellers Nokia parteiübergreifend eine derartige Wut auslöst, fragt man sich, in welchem Teil der globalisierten Welt wir leben? Doch wenn in Ungarn und Rumänien die Standortbedingungen für das Unternehmen günstiger, die Kosten für die Produktion und letztlich für das Endprodukt zu senken sind, hat der Käufer des Nokia-Telefons den Vorteil von der Verlagerung. Hysterische Boykottaufrufe der politischen Klasse in Deutschland und kollektive Happenings, die kleinen, beliebten Geräte auf den Scheiterhaufen zu werfen und ihre Hersteller als ,Subventionsheuschrecken’ zu beschimpfen, zeigen, welch krudes Verständnis von globalisiertem Markt hierzulande herrscht.“

Das Beispiel erinnert daran, dass Politik hier und heute vorzugsweise linke, den Staat immer mehr in die Verantwortung bringende Politik ist (auch wenn die Kanzlerin Angela Merkel heißt). Ackermanns kleine Geschichte der Idee der Freiheit beginnt da, wo Menschen sich erfrechten, frei zu sein und Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Freiheit war mal die Freiheit, die Abhängigkeit vom göttlichen Willen zu bestreiten und Menschengesetze zu machen. Es war die Freiheit des Skeptikers gegen den Ideologen, die Freiheit des Toleranten gegen den Zwang des Tugendwächters.

Ackermanns Ideengeschichte handelt von den vielen gewohnten Freiheiten – die wir so leicht in Frage stellen und klein reden. Das preiswerte Mobiltelefon ist nur der trivialste Ausdruck von Freiheit, Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen indes zeigen, dass Jahrzehnte der Meinungsfreiheit die Scheren in vielen Köpfen nicht verschwinden ließen. Und was ist mit dem Verständnis für die „Ehre“ in anderen Kulturen, das erst abgenommen hat, als eine junge Deutsch-Türkin namens Hatun Sürücü ihren Mut zur Freiheit mit dem Leben bezahlte? Nur das Eros der Freiheit, die doch eine der herausfordernsten, sexiesten Denkfiguren überhaupt ist, kommt in Ulrike Ackermanns Plädoyer ein bisschen kurz. Schade, die Freiheit hätte es verdient.

– Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit:

Plädoyer für eine

radikale Aufklärung. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 167 Seiten,

19,90 Euro.

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