Gilles Kepel : Große Erzählung des Terrors

Gilles Kepel erklärt Strukturen des radikalen Islam: Terror und Martyrium, die namensgebenden Begriffe der beiden gegensätzlichen 'Großen Erzählungen‘, die um die Kontrolle über die muslimische Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts streiten, sind Kinder des digitalen Zeitalters und seiner Kommunikationsstrategien“.

Ralf Balke

Und genau diese „Großen Erzählungen“ stellt der französische Islamwissenschaftler und Soziologe in den Mittelpunkt seiner Darstellung der internationalen Gotteskriegerszene. Dabei ist es ihm besonders wichtig aufzuzeigen, dass Al Qaida, Hisbollah, Hamas & Co. alles andere als ein monolithischer Block sind, der koordiniert seine mörderische Ideologie in die Tat umsetzt. Vielmehr ist eine ganze Palette von Bewegungen, Gruppen und Akteuren im Nahen Osten und Europa aktiv, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen auch spinnefeind sein können. Wohl aber schaffen sie es, sich gegenseitig zu beeinflussen und deshalb eine um so tödlichere Dynamik zu entfalten: „Mit den Anschlägen vom 11. September wollte Al Qaida die Methoden, mit denen die Hamas gegen Israel kämpfte, auf den universalen Dschihad gegen den Westen ausdehnen und damit die Ausnahme zur Regel machen“, erklärt Kepel. Die Mobilisierung der Massen im Sinne von Al Qaida blieb seiner Meinung nach jedoch aus.

Detalliert schildert Kepel die Genese der „Märtyreraktionen“ vom Himmelfahrtskommando hin zum suizidalen Terror mit Massenmord als Folge. Bemerkenswert ist der theologische Eiertanz, den selbst prominente islamische Gelehrte veranstalten, um die im Koran untersagte Tötung von Nicht-Kombattanten zu rechtfertigen: Weil amerikanische, europäische oder israelische und indische Zivilisten Steuern zahlen, mit denen das jeweilige Militär finanziert wird, sind auch sie quasi zum Abschuss freigegeben. Kepel verweist auf die Tatsache, dass in jüngster Zeit der Selbstmordterror sich gegen seine Initiatoren zu richten begonnen hat: In den 80er Jahren waren es die Schiiten im Libanon, allen voran die Hisbollah, die erstmals gezielt auf diese Weise Angst und Schrecken verbreiteten. Später übernahmen die sunnitische Hamas oder der Islamische Dschihad diese Methode in ihrem Terror gegen Israel. Heute sind die meisten Opfer von Selbstmordanschlägen irakische Schiiten, die von radikalen Sunniten als Abtrünnige vom wahren Glauben betrachtet werden.

Doch gelegentlich reibt man sich bei der Lektüre die Augen. Da wird Scheich Qardhawi, der Haus- und Hofprediger des TV-Senders Al Dschasira sowie Leiter des Europäischen Fatwa-Rates als ein „besonnener Muslimbruder“ schöngeredet und das, obwohl dieser den Selbstmordterror gegen Israelis absegnete und dafür betet, dass die Gesetze der Scharia bald in ganz Europa gelten. Der Standpunkt des Scheichs wird als stellvertretend für die Haltung der „gemäßigten Muslime“ bezeichnet, die dem Ressentiment in der islamischen Welt gegenüber Israel und dem Westen Rechnung tragen müssen, aber laut Kepel irgendwie versuchen, „sich in der Mitte zu positionieren“, um in ihrer „Kritik an den Dschihadisten nicht als Mitläufer des stigmatisierten Westens“ zu erscheinen. Die Frage ist schon erlaubt, ob eine offene Gesellschaft wie die europäische so viel radikale Mitte auf ihrem Territorium tolerieren kann. Überhaupt fällt eine gewisse Äquidistanz zum ebenfalls von Kepel als „Große Erzählung“ titulierten „Krieg gegen den Terror“ der US-Regierung sowie dem Martyrium der Gotteskrieger auf. Mit Verve schwingt sich Kepel auf zum Richter über amerikanische Arroganz, um mit dem selben Gestus der Überlegenheit Frankreichs Politik gegenüber den Muslimen als leuchtendes Vorbild zu präsentieren.

– Gilles Kepel:

Die Spirale des

Terrors. Der Weg

des Islamismus vom

11. September bis

in unsere Vorstädte.

Piper Verlag,

München 2009.

359 Seiten, 22,95 Euro.

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