Literatur : Glück im Nebel

Der mexikanische Erzähler Sergio Pitol lässt sein Leben Revue passieren

Ulrich Rüdenauer

El arte de la fuga“ lautet der Originaltitel der Lebenserinnerungen von Sergio Pitol. Erst in den letzten Jahren hat man den 1933 im mexikanischen Puebla geborenen Autor hierzulande kennenlernen können, und nun erscheint – nach hoch gelobten Romanen bei Wagenbach – sein autobiografisches Buch unter dem Titel „Die Kunst der Flucht“ auf Deutsch. Die Übersetzung ist keineswegs falsch, man verzichtet allerdings auf einen ganzen Assoziationsraum, den das lateinische Wort Fuge eröffnet: Pitols Leben vollzieht sich nämlich nicht nur rastlos und fluchtartig von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Lektüre zu Lektüre; sein Buch gehorcht auch dem polyfonen Kompositionsprinzip der Fuge: Es sprechen mehrere Stimmen daraus, verschiedene Lebensalter, die sich überlagern. Das immer wieder variierte Motiv ist dabei die Erinnerung – eine Lebens-, Lese- und Schreiberinnerung. Das Leben wird zu einem komplexen Gefüge aus Erzählungen und Reflexionen, Tagebucheintragungen und Fantasien, Literatur und Politik – von „wirklichen“ und intellektuellen Erlebnissen. Sprunghaft sind diese Rückblenden zu den Lebensstationen Barcelona, Warschau oder Prag, zu Reisen nach Moskau, San Francisco oder Chiapas zur Zeit der Rebellenaufstände.

Mit einem Venedigaufenthalt im Jahr 1961 setzt das Buch ein: Dort verliert der junge Mann, der Pitol einmal gewesen ist, seine Brille. Der Kurzsichtige stürzt sich fast blind in den kulturellen Strudel der Stadt. „Je mehr mir der Nebel die Sicht auf die Paläste, Plätze und Brücken verschleierte, desto glücklicher fühlte ich mich.“ Das Geheimnis dieses Glücks scheint in einer schier unbegrenzten Neugierde und Furchtlosigkeit zu liegen.

Es ist die Nähe zu den realen Dingen, die im Kopf noch einmal auf eigentümliche, eigensinnige Weise neu entstehen. Hier wird die Welt gelesen, Geschichte und Gegenwart werden erfühlt, alles gerät zum Zeichen, zum offenen Buch. Überhaupt ist Pitols Biografie reich an Lebensstationen und Bildungsabenteuern: Als Diplomat und Kulturattaché war er in Prag und Paris tätig. Der studierte Jurist und Hispanist lehrte als Literaturprofessor, übersetzte aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, hat etliche Romane veröffentlicht. Pitol ist vielen Geistesgrößen begegnet und mit einigen davon befreundet gewesen. Wen er nicht leibhaftig kennengelernt hat, den hat er doch mit „leidenschaftlicher Leselust“ in sich aufgenommen.

Wenn „Die Kunst der Flucht“ ein Personen- und Literaturregister hätte, dann wäre das Buch nicht nur zwanzig Seiten länger, das ganze 20. Jahrhundert spiegelte sich darin aus einer von europäischer Kultur geschärften Perspektive. Drei Hausgötter Pitols würden in diesem Register besonders häufig auftauchen: Jorge Luis Borges, Joseph Conrad und Thomas Mann. Es ist diese Mischung aus Fantastik, Spätromantik und Gelehrtheit, die Pitols Bücher auszeichnet. Die Erinnerung ist dabei selbst ein Konstrukt des unbewussten Denkens, ein immer wieder zu umkreisendes Geheimnis, das sich fortwährend entzieht und doch – wie ein Schattenwesen – mit dem Jetzt kommuniziert: „Das Gedächtnis arbeitet mit derselben indirekten und widerspenstigen Logik wie die Träume.“

Der Romanautor, heißt es an einer Stelle, sei jemand, der aus Stimmen andere Stimmen heraushöre. Er vernimmt die Stimmen der Vergangenheit, sie sind vielleicht besonders laut und schrill, und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie aufzuschreiben. Das Leben habe auf diese Weise eine „bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem der Wahnsinnigen“ – aber es ist ein sanfter Wahn: Ohne die Stimmen würde der Schreibende sich verloren fühlen, „mit ihnen entwirft er die Landkarte seines Lebens“.

Sergio Pitol: Die Kunst der Flucht. Aus dem mexikanischen Spanisch von Ulrich Kunzmann. Matthes & Seitz, Berlin 2007. 383 Seiten, 26,80 €.

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