Literatur : Gnadenlose Helle

Erwin Mortier erinnert sich an die Jugend in der flandrischen Provinz

Ulrike Baureithel

In Erwin Mortiers Debüt „Marcel“ war eine Dorfschneiderei das heimliche Zentrum. Dort bändigte die Großmutter des Protagonisten mit Metermaß, Rüschen und Biesen die Körper der Frauen, schnitt und säumte um deren Rundungen, bauschte auf und strich glatt – so wie Erwin Mortier Stoffe schürzt und Sätze faltet und in großzügigem Wurf seiner Leserschaft präsentiert.

Auch „Belichtungszeiten“, sein dritter Roman, führt in die flandrische Heimat des studierten Kunsthistorikers, diesmal in einen Krämerladen, wo Tante Laura neben den Dingen des Alltags auch Flakons mit geheimnisvoll duftenden Essenzen bereithält. Doch im Unterschied zu Marcel ist der elfjährige Joris dem Licht verfallen, das Bilder bannt und ihn zittern lässt, und der Allmacht der Worte, die ihn „kirre machen konnten“.

Joris verlebt eine glückliche Kindheit, eingebettet in das ländliche Einerlei der Tage und die selbstverständliche Ordnung von Onkel und Tante. Dass seine Mutter, die etwas „Besseres“ ist, weit weg in Spanien lebt und er vom Vater nicht mehr kennt als das Grab vor seinem Fenster auf dem Friedhof und die Fotos in einem alten Koffer, ist für Joris kein Problem. Aus diesen Bildern setzt er eine Vergangenheit zusammen, die seinen Bedürfnissen genügt.

All dies ändert sich in diesem letzten Sommer, den Joris in Stuyvenberghe verbringt. Der Friedhof soll aus dem Dorf, der Leichnam des Vaters umgebettet werden; die frühreife Isabeau, Tochter der auch in der deutschen Fassung Französisch sprechenden Baronesse Vuylsteke, geht Joris an die Wäsche und enthüllt ihm Aufgeschnapptes über seinen Vater. Und ausgerechnet an dem Tag, als Joris erstmals für die Kirchengemeinde „den Himmel“ durchs Dorf tragen soll, kehrt seine Mutter zurück und eröffnet ihm, dass das beschauliche Leben zwischen Onkel und Tante ein Ende haben soll.

Joris erzählt diese Geschichte im Rückblick, und es ist, als fiele noch einmal das gleißende Licht, die „gnadenlose Helle“, auf dieses stille Adoleszenzdrama, das für Mortier den immer wieder variierten Stoff liefert. Joris sucht im Vater, den er nur von Fotos kennt, sein Ebenbild. So unspektakulär die Geschichte des heranwachsenden Joris ist, so vollkommen sind die in Licht und Farbe getauchten Momentaufnahmen, die von ihr erzählen. Aller Zweidimensionalität spottend, heben sich die Konturen heraus, Molekül für Molekül zusammengesetzt und angereichert mit den Gerüchen dieser Kindheit, den Farben und der Wärme dieses scheinbar immerwährenden Sommers. „Ich stellte mir vor“, so Joris, „dass irgendwo eine Welt aus Fotos existierte, die keiner geschossen hat, es sei denn das Sonnenlicht, das allem, worauf es fiel, etwas stahl und dieses Etwas an einem unbekannten Ort mit jenen flachen Gestalten vereinigte.“ Dieses Etwas aus dem Unbekannten zu bergen und richtig zu belichten, ist die genuine Leistung des Wortmalers Mortier.

Erwin Mortier:

Belichtungszeiten.

Roman. Aus dem

Niederländischen von Ira Wilhelm. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007. 165 S., 19,80 €.

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