Literatur : Godot, der Schleuser

Beckett, neu gelesen: Wladimir und Estragon als Résistancekämpfer

Nicole Henneberg

Man meint, Samuel Becketts 1948 geschriebenes und 1953 in Paris uraufgeführtes Theaterstück „Warten auf Godot“ zu kennen: Wladimir und Estragon, Repräsentanten einer ernüchterten und heruntergekommenen Menschheit, befinden sich auf einem Feld, auf dem nur ein verkümmerter Baum wächst, und führen rätselhafte Dialoge. Die beiden Landstreicher warten auf einen gewissen Godot, der aber nicht kommt. Dieser Abwesende, oft als Gott gedeutet, fügte dem Stück eine absurd-metaphysische Lektüremöglichkeit hinzu. Von Godot erhoffen die Gestrandeten Rettung; kommt er nicht, bleibt nur noch, sich aufzuhängen.

Nirgendwo in diesem Stück, so die mehr als fünfzigjährige Lese- und Inszenierungspraxis, öffnet sich ein Fenster in die soziale oder politische Realität. Nur Brecht soll Giorgio Strehler gefragt haben, wo Wladimir und Estragon während des Zweiten Weltkriegs waren. Strehler gab die Frage an Beckett weiter und bekam als Antwort: „In der Résistance.“

Beckett hatte wohl die Wahrheit gesagt. Der mittlerweile neunzigjährige französische Theaterhistoriker Valentin Temkine, der 1953 schon die Uraufführung gesehen hatte, merkte 2001 in einer Aufführung, dass der Dialog der beiden metaphysischen Clowns voller konkreter Hinweise steckt; übrigens hieß Estragon, in einem ersten Manuskriptentwurf von „Warten auf Godot“, noch Lévy. Zusammengefasst ergibt seine Lektüre, die der Band zusammen mit Beiträgen von Pierre und Raymonde Temkine, François Rastier, Denis Thouard und Tim Trzaskalik enthält, dass Wladimir und Estragon zwei sechzigjährige Juden aus dem 11. Pariser Arrondissement sind (in dem vor 1939 ein Großteil der jüdischen Bevölkerung von Paris lebte). Sie sind vor den Nazis ins unbesetzte Frankreich geflohen, haben in Roussillon bei der Weinernte gearbeitet, haben die Durance überquert und befinden sich nun, es ist Frühjahr 1943, auf einem Kalksteinplateau. Dort warten sie auf Godot, der nichts als ein Schleuser ist und sie ins italienisch besetzte Frankreich führen soll. Im November 1942 hatten die Nationalsozialisten begonnen, im ganzen Land Judenverhaftungen anzuordnen, doch die italienischen Faschisten galten als vergleichsweise lax. Beckett kannte die Nöte dieser Flüchtlinge. Er gehörte in Paris zu einem Résistance-Netz, das verraten worden war. Ihm war die Flucht ins Vaucluse gelungen, in Roussillon hatte er bei der Weinlese geholfen und dort mit geflohenen Juden zusammengelebt. Dass sich Beckett, der katholische Ire in Paris, der Résistance anschloss, folgte aus seinem Entsetzen über die Verfolgung der Juden. Warum sollte er also 1948 nicht zwei von ihnen auf die Bühne bringen und über ihre Situation so sprechen lassen, wie die Umstände es erzwungen hatten?

Als Flüchtlinge mussten sie alles Konkrete verbergen. Nun zeigt Valentin Temkines überraschende – und überzeugende – zeitgeschichtliche Lesart, dass Beckett alles, was eine historische Lesart ermöglicht, in den Text aufgenommen hat. Allerdings rechnete er damit, dass weder Publikum noch Kritik diese Seite seines Stückes wahrnehmen wollten; und er hat geahnt, dass die krampfhafte Umdeutung oder Verdrängung ihrer Erlebnisse die Davongekommenen noch Jahrzehnte blockieren würde. Doch künftig wird keine Inszenierung an diesem neuen Blick vorbeikommen.

Pierre Temkine (u.a.): Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte. Aus d. Französischen von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz, Berlin 2008. 192 S., 14,80 €.

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