Google-Buch : Was hätte man sich auch sparen können?

Benjamin von Stuckrad-Barre ist einer der bekanntesten Vertreter des sogenannten deutschen Pop-Romans. Vom Roman ist in seinem neuem Buch "Was. Wir. Wissen." nicht viel übrig geblieben. Über den Autor als Suchmaschinisten der Google-Gesellschaft.

Sven Werkmeister

Benjamin von Stuckrad-Barre ist einer der bekanntesten Vertreter des sogenannten deutschen Pop-Romans. Vom Roman ist in seinem neuem Buch "Was. Wir. Wissen." nicht viel übrig geblieben. Über den Autor als Suchmaschinisten der Google-Gesellschaft.



„Was ist alles bequem vom Rechner zu Haus aus machbar?“ Fragen wie diese beantwortet Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem neuen Buch auf knapp 250 Seiten in Form seitenlanger Listen von Fundstücken aus dem Internet. So versammelt die Eingangsfrage beispielsweise Einträge wie: „Tankstellen-Preise vergleichen. – Absolut superglückliche Kundin der Volksbank sein, ohne Gebühren zahlen zu müssen. – Einzelne Songs und ganze Alben vorhören und direkt kaufen. – Die Unterrichtseinheit ‚Die Honigbiene‘ vorbereiten.“ Das Sammelsurium mehr oder weniger skurrilen Treibguts aus dem Datenmeer sortiert Stuckrad-Barre in über 100 Listen, geordnet in 12 an klassische Zeitungsressorts erinnernden Kategorien wie Gesellschaft, Sport, Mode und Reise. Als Suchbefehl der Listenbildung dient jeweils eine Redewendung, eine Alltagsphrase. Die radikal egalisierende Wirkung dieses Verfahrens bringt teilweise durchaus komische Effekte absurden Nebeneinanders hervor. Die Ordnung der Phrase kennt keinen Unterschied zwischen Theodor W. Adorno, der Radarfalle am Elzer Berg und dem „rund 30 Jahre alten Schimmel Quando vom Reiterhof Gläserkoppel“ – alle finden ihren Eintrag unter dem Titel: „Was ist bekannt wie ein bunter Hund?“

Poesie der Liste

Die Poesie der Liste, das Sammeln und Aufzählen von Alltagsmaterial war bereits ästhetisches Grundprinzip der Texte von Autoren wie Christian Kracht, Andreas Mand oder Matthias Politycki, die seit den 1990er Jahren unter dem Label „Pop-Literatur“ das Zitieren von Markennamen, Songtiteln und Lieblingsbands als literarisches Verfahren entdeckten. Auch Stuckrad-Barres eigenes Romandebut „Soloalbum“ (1998) bediente sich dieses Prinzips, das die Wirklichkeit nicht mehr in authentischen Erfahrungen, als Wahrheit hinter den Dingen suchte, sondern in den Oberflächenstrukturen popkultureller Medienwelten fand. Die literarische Archivierung unseres Alltags, die kreative Katalogisierung von Kultur wurde von der Kritik zu Recht als innovative literarische Strategie jenseits des klassisch-realistischen Erzählens begrüßt. Mit seinem neuen Projekt geht Stuckrad-Barre nun noch einen Schritt weiter. Der Plot, die Erzählung ist vollständig der reinen Aufzählung, der Liste gewichen. Auch das ist nicht neu. Mit „Schott’s Original Miscellany“ brachte der englische Autor Ben Schott die Liste als ästhetische Darstellungsform schon vor drei Jahren in die internationalen Bestsellercharts.

Nun also das Internet. Als „ideales Medium, Wissen zu archivieren, zu verbreite(r)n, stetig, vertieft zu verknüpfen“ beschreibt Stuckrad-Barre das World Wide Web im programmatischen Vorwort seiner Sammlung. Dabei zitiert er mit dem Verweis auf das Problem der Überforderung des Einzelnen angesichts der chaotischen Datenflut den wohl bekanntesten Gemeinplatz der Debatten zur elektronischen Globalisierung des Wissens im Datennetz. Ob sein Lösungsvorschlag, das Plädoyer für eine neue Ordnung dieses Wissens im traditionellen Medium des Buches, ganz ernst gemeint ist, läßt sich nicht wirklich ausmachen. Theoretische Referenzen des Projekts sind der Kommunikations­soziologe Niklas Luhmann und Quizshowmoderator Günther Jauch.

Der Suchbefehl

Über den komischen Effekt der skurrilen Kombinationen und des absurden Nebeneinanders hinaus ist Stuckrad-Barres Listenprojekt vor allem als Versuch einer radikal enthierarchisierten Ordnung von Wissen interessant. Seine Idee, gerade die leere Phrase für einen „repräsentativen Anblick des Wissens“ nutzbar zu machen, ist zumindest originell. Je komplexer und mannigfaltiger das Wissensarchiv, desto wichtiger der Suchbefehl. Stuckrad-Barre entnimmt ihn nicht dem Bestand verfügbarer Informationen selbst, sondern stellt gerade das Sprache gewordene Nicht-Wissen, die nichts und alles sagenden Floskeln alltäglicher Redewendungen, an den Anfang der Recherche. Das läßt sich als ein genuin poetisches Programm begreifen. Stuckrad-Barres Phrasensuche im Internet zeigt Wissen in den Auftrittsbedingungen seiner alltäglichen Präsentation und verweist damit vor allem auf eines: die sprachliche Verfaßtheit unserer Welt. Deren Experten sind seit jeher die Literaten und Dichter gewesen. Die neue Funktion des Autors, die Stuckrad-Barre nun als literarischer Phrasensammler verkörpert, ist nur die letzte Konsequenz dieser Sicht der Welt. An die Stelle des genialischen Schöpfers fiktiver Welten ist der Suchmaschinist im Reich der realexistierenden Worthülsen und Redeweisen getreten.

Bleibt die Frage: Braucht die Google-Gesellschaft ein solches Buch wirklich? Für die Soziologen in der Zukunft mag das Privatarchiv von Internetbonmonts vielleicht von einem gewissen archäologischen Interesse sein. Druckerschwärze auf Papier hat bisher noch jedem elektronischen Datencrash standgehalten. Zumindest in dieser Hinsicht könnte das Buch also dem weltweiten Datennetz überlegen bleiben. Warum sich jemand dieses Buch aber heute kaufen soll, dürfte schwieriger zu begründen sein. Denn auch das ist bequem vom Rechner zu Haus aus machbar: Phrase eingeben und sich an Google-Listen freuen.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Was. Wir. Wissen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2005. 270 S., gebunden, 16,90 Euro.

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