Literatur : Gotteskrieger sind einsam

Beklemmend eindrucksvoll: „Das dunkle Schiff“ von Sherko Fatah

Jörg Magenau

Die Gewalt kommt unvermittelt und erbarmungslos. Ein schöner Sommertag in der Stille der Berglandschaft. Ein paar alte Frauen sammeln Kräuter, lachen und rufen sich etwas zu. Ein kleiner Junge beobachtet sie aus der Ferne. Er bemerkt als Erster den Hubschrauber, der ins Tal fliegt, und winkt den Soldaten zu, bevor sie landen. Die Frauen werden zum Einsteigen gezwungen, und während der Junge sich vergeblich wünscht mitzufliegen, startet der Hubschrauber schon wieder. Und dann fallen sie heraus, eine nach der anderen: „Mit gebreiteten Armen glänzten sie auf im Licht, und wie um sie aufzuhalten, riss an ihren Gewändern der Wind.“

Die Schönheit und der Schrecken des Augenblicks liegen dicht beieinander in dieser Prosa, die durch ihre präzise Beiläufigkeit und ihre epische Wucht besticht. Sherko Fatah erklärt die Szene nicht, die er seinem dritten Roman „Das dunkle Schiff“ vorangestellt hat, so wie er auch später nichts kommentiert und wertet, sondern ganz dem Erzählen vertraut. Doch rasch wird klar, dass es sich um eine Momentaufnahme aus dem Irak Saddam Husseins handelt, als das Militär aus purer Langeweile und zur Einschüchterung der kurdischen Bevölkerung tötete. In dieser Epoche setzt der Roman ein. Er schildert das Leben des jungen Kerim, der wie sein alevitischer Vater Koch lernen soll, dann aber, nachdem Geheimdienstleute den Vater vor seinen Augen töteten, von den Gotteskriegern der Peshmerga entführt wird. Er lebt dann bei ihnen im kurdischen Bergland. Doch bevor er als Selbstmordattentäter rekrutiert wird, gelingt ihm die Flucht.

Das titelgebende Mittelstück zeigt Kerim als blinden Passagier auf einem Schiff nach Europa. Die Überfahrt endet als echte Robinsonade auf einem einsamen Felsen. Gerade diese Passage aber, die neben den bestürzend realistischen Kriegsereignissen wie eine überdrehte Erfindung wirkt, beruht auf realen Ereignissen. Im dritten Teil, verwandelt sich „Das dunkle Schiff“ in einen Großstadt-, Liebes- und Exilroman. Kerim kommt nach Berlin, wo er bei einem Onkel wohnt. Doch sein Abstand zur westlichen Welt ist zu groß. Seine Vorstellungen von Liebe und Zusammenleben passen nicht zu denen einer selbstbewussten Berliner Studentin. Er erlebt die Einsamkeit des Exils und erstmals die heimatstiftende Kraft der Religion, die zuvor, bei den Gotteskriegern, eher ritualhaft war.

Fatah erzählt diese Geschichte spannend wie einen Abenteuerroman. Den kurdischen Nordirak kennt er von klein auf. 1964 wurde er in Ost-Berlin als Sohn eines Kurden und einer Deutschen geboren und wuchs in der DDR auf, bis die Familie Mitte der siebziger Jahre in den Westen übersiedelte. In West-Berlin studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. Der Irak aber blieb ein ständiger Bezugspunkt. Sein Vater ist dorthin zurückgekehrt. Auch für „Das dunkle Schiff“ hat Sherko Fatah das Land bereist und mit Menschen gesprochen, die gegen die Gotteskrieger kämpften oder Verwandte haben, die sich ihnen anschlossen. Mit Terroristen zu sprechen, die in irakischen Gefängnissen sitzen, erwies sich als sinnlos, weil von ihnen nur Propaganda zu erfahren war. Der Roman liest sich nun so wirklichkeitsnah, als hätte Fatah selbst am Krieg teilgenommen.

Es ist eine beklemmende, atemraubende Lektüre. Fatah widersteht der Versuchung, die islamistischen Fundamentalisten bloß als ungebildete, bärtige Schreckensgestalten zu zeichnen. Vielmehr versucht er, ihr Denken, ihre Weltsicht, ihre Erfahrungen und ihr Handeln überhaupt erst begreifbar zu machen. Der Erzähler ist dabei, wenn der Trupp sich in einer Höhle versteckt, während amerikanische Flugzeuge Bomben abwerfen. Dem „Lehrer“ ist nicht zu widersprechen, wenn er sagt: „Versteht doch, sie haben uns nichts gelassen außer dem Krieg.“ Nur einer der Gotteskrieger ist ein blutrünstiger Killer – er ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt.

Kerim ist bloß Mitläufer, aber doch bereit, an Attentaten teilzunehmen. Er kann keine Gewalt ausüben, aber er hat auch nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Er ist Täter und Opfer. Schlichte Unterscheidungen in Gut und Böse, in Teilhabe und Distanz, unterläuft Fatah geschickt. Ihm geht es um die Verstrickung des Einzelnen, um den Verlust der Entscheidungsfähigkeit. Kerims Geschichte beruht auf Zufällen, nicht auf geplanten Handlungen. Deshalb ist „Das dunkle Schiff“ auch kein Roman über islamischen Fundamentalismus, sondern eine Geschichte über die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens und die Verführbarkeit des Menschen.

Was Kerim bei den Gotteskriegern erlebt und gesehen hat, wird erst nach und nach enthüllt. Die schrecklichsten Szenen erzählt Fatah im Rückblick. Die Bilder von zerfetzten Körpern beherrschen Kerim. Fatah zeigt die Gewalt und ihre Folgen drastisch genau, ohne ins Sensationsheischende abzudriften. Das liegt an der ruhigen Kraft seiner Sprache und der unentwegten Anteilnahme seinen Figuren gegenüber.

Mit Fatah kommt ein neuer Ton in die deutsche Literatur. Er erweitert ihr Themenspektrum, ihren Zuständigkeitsbereich. Migration, Exil und das Verhältnis von westlicher und orientalischer Welt rücken bei Fatah aus dem biografischen „Hintergrund“ in den literarischen Vordergrund. „Ich versuche, Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und diese Distanz literarisch fruchtbar zu machen“, sagt er. Das ist ihm in „Das dunkle Schiff“ eindrucksvoll gelungen.











Sherko Fatah
: Das dunkle Schiff. Roman. Verlag Jung und Jung. Salzburg 2008.

440 Seiten, 22 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben