Gstrein-Roman ''Der Winter im Süden'' : Väter und Töchter

Norbert Gstrein erzählt in „Die Winter im Süden“ vom Jugoslawienkrieg

Gerrit Bartels

Der Jugoslawienkrieg lässt den österreichischen Schriftsteller Norbert Gstrein nicht los. Vor fünf Jahren schrieb er mit „Das Handwerk des Tötens“ einen Roman über einen Kriegsreporter, der in Jugoslawien sein Leben ließ, über dessen schuldhafte Verstrickungen, und nicht zuletzt über die Schwierigkeiten, überhaupt über den Krieg zu schreiben. „Die Winter im Süden“, Gstreins neuer Roman, schließt thematisch daran an und begibt sich gleichzeitig auf historische Spurensuche.

Denn für zwei der drei Hauptfiguren hat der Balkankonflikt schon fünfzig Jahre zuvor begonnen: für einen Weltkrieg-II-Veteranen, der in Gstreins Roman nur „der Alte“ heißt, der Ustascha-Kämpfer in Kroatien war und vor den Kommunisten nach Buenos Aires flüchtete. Bei der Flucht ließ er Frau und Tochter in Österreich zurück und sollte (und wollte) beide dann nie mehr wiedersehen. Und für seine Tochter, die 50-jährige Marja, die zu Beginn des Konflikts beschließt, Wien und ihrem Mann für ein paar Monate den Rücken zu kehren, und nach Kroatien reist, ohne genau zu wissen, warum sie das tut und was sie sucht.

„Es war in ihrem zweiten Monat in Zagreb, im Herbst, in dem der Krieg begonnen hatte, als Marja die Nachricht erreichte, die ihr das eigene Leben für immer fremd machte“ – mit diesem fulminanten Satz setzt der Roman ein. Es ist die Nachricht, dass ihr Vater doch lebt, dass er sich in Zagreb aufhält und sie wiedersehen möchte. Um diese mögliche Begegnung ist der Roman dramaturgisch aufgebaut, darauf steuert er zu, allerdings mehr schlecht als recht. Im kapitelweisen Wechsel erzählt er aus beider Perspektiven, wie sich Vater und Tochter über die Jahre entwickelt haben und in was für Leben sie nun stecken.

„Den Alten“ jedoch hat Gstrein sich selbst nicht zugetraut, ihm hat er einen beobachtenden Erzähler zur Seite gestellt, der gewissermaßen das Scharnier zwischen Vater und Tochter bildet. Ludwig heißt er, ein arbeitsloser Ex-Polizist mit schwerem Berufstrauma, da vor seinen Augen seine Freundin und Kollegin Nina erschossen wurde. In Argentinien lernt Ludwig die junge Frau des Alten kennen und wird später dessen Bodyguard.

In seiner Person fokussieren sich Stärken und Schwächen von Gstreins Roman aufs Beste. Unverkennbar ist dieser Ludwig der Mann, der den Fortgang der Geschichte unterhält, der Bote, der Marja später überwacht und ihr die Nachricht von ihrem lebenden Vater bringt. Ludwig wird jedoch, obwohl sein Schicksal mit dem Jugoslawienkonflikt nichts zu tun hat, genauso eindringlich charakterisiert wie Marja und ihr Vater. Gstrein ist ein Meister der scharf konturierten Charakterzeichnung, facettenreich und mit sensibel-eleganten Sätzen weiß er seine Figuren psychologisch auszuleuchten und auszudeuten. Bei Ludwig fragt man sich bloß: Warum das Ganze? Gerade seine Person vermittelt bisweilen den Eindruck, dass Gstrein zwar über einen interessanten Stoff verfügt, ihm diese Interessantheit aber genügt und er nicht die letzte Notwendigkeit hat, den letzten Kick, diesen auch wirklich aufzubereiten.

Andererseits gehörte es schon zu den Grundaussagen von „Das Handwerk des Tötens“, dass sich der Jugoslawienkrieg mit seinen historischen Implikationen literarisch nur umkreisend darstellen lässt, dass Wirklichkeit und literarische Wirklichkeit nur schwer miteinander abzugleichen sind. „In „Die Winter im Süden“ erlebt Marja den Krieg als Einbruch in ihre Psyche, sie ist sich plötzlich selbst fremd. Und dadurch, dass sie zum einen eine Beziehung mit einem jungen kroatischen Soldaten unterhält, zum anderen mit einem Alt-68er verheiratet ist, einem Star-Kolumnisten, den große intellektuelle Wendigkeit auszeichnet und der in Fragen zum Balkankonflikt jede Position einzunehmen in der Lage ist. Für Marjas Vater wiederum hat der Krieg nie aufgehört, trotz eines neuen Lebens in Argentinien mit junger Frau und zwei Kindern. „Der Alte“ ist die tragischste Figur dieses Buches, auf ihn, den alten Kämpfer im Dauerkrieg, hat in Kroatien niemand gewartet.

Die Figuren in diesem Roman sind alle überzeugend geschildert, und doch wirken sie alle merkwürdig fehl am Platz, sind sie alle zu stark für eine letztlich schwache, nicht wirklich in die Gänge kommende Rahmenhandlung. Am Ende sagt Marjas Mann, nachdem sie zu ihm nach Wien zurückgekehrt ist, ohne ihren Vater gesehen zu haben: „Man sollte so leben, daß man es danach erzählen kann, und ich habe meine Zweifel, ob du es dann guten Gewissens gekonnt hättest“. Sie aber ist sich sicher, dass man alles erzählen kann, nur: „Leben ist etwas anderes“.

Sie, der Alte und Ludwig sind höchst lebendig, jeder von ihnen hätte einen eigenen Roman verdient. „Die Winter im Süden“ in seiner Gesamtheit aber strahlt eine eigenartige Leblosigkeit aus, etwas arg Gekünsteltes und Gewolltes. Norbert Gstreins Vorsicht und Skepsis, seine noble Haltung, dass die Schrecken eines Krieges für Nachgeborene eigentlich unerzählbar sind, haben ihm dieses Mal doch etwas im Weg gestanden.

Norbert Gstrein:

Die Winter im Süden. Roman. Hanser Verlag, München 2008. 284 Seiten, 19, 90 €.

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