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Günter Grass : Mutmaßungen über Vatti

24.08.2008 00:00 UhrVon Gregor Dotzauer
günter grass Foto: dpaBild vergrößern
Günter Grass - Foto: dpa

Acht Kinder suchen ein Phantom: Günter Grass und seine autobiographische Geschichtensammlung "Die Box“.

Um sofort mit der Ungeheuerlichkeit herauszurücken, die sich im jüngsten Buch von Günter Grass versteckt: Ja, steht da auf Seite 94, ich bekenne: Meine beiden erstgeborenen Zwillingssöhne haben gekifft. Das heißt: So steht es natürlich nicht da. Auch sein Geständnis, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, mit dem er vor zwei Jahren in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ aufwartete, war in seiner Beiläufigkeit eigentümlich verklausuliert. „In Nebensätzen andeuten“, liest man jetzt in der Geschichtensammlung „Die Box“, „welches Kraut beide heimlich, doch war vom Geruch her“ – Pünktchen Pünktchen Pünktchen.

„Was eigentlich verjährt sein sollte“ – Pünktchen Pünktchen Pünktchen.

Es ist dies überhaupt ein Buch der Auslassungen. Was in der „Zwiebel“ die Legionen von Fragezeichen waren, die das Erinnerte in Zweifel zogen, sind in der „Box“ die Pünktchen, und bis zum Überdruss setzt Grass dabei das Stilmittel des Anakoluth ein: Sätze, die spätestens in der Mitte hängen bleiben und ins Leere laufen. Weil hinter so einem Erinnerungsstummel glatt... Und weil das Ungesagte per definitionem... Selbst mit der größten Fantasie lassen sich derart Abgewürgtes oft nicht vervollständigen.

Bei Grass wird diese Methode zur Obsession. „Die Box“ feiert Orgien der Vagheit und übertrifft damit noch die Nebelkerzenprosa des Vorgängers. Es wirkt, als müsste Grass endgültig zum poetologischen Programm erheben, was ihm zuletzt noch als reine Moral- und Gedächtnisschwäche ausgelegt wurde.

Unbestimmtheitsfloskeln wie „weißnichtwarum“, „oder sonst wer“ und „weißnichtmehrwelche“ treiben erneut durch den Text, und ein „weiß ich noch ungefähr“ hat angesichts der rasanten Vergangenheitsverdunklung schon etwas Triumphales.

Historisch knüpft „Die Box“ direkt an die „Zwiebel“ an. Sie setzt ein zu Beginn der sechziger Jahre und führt zunächst nach Friedenau, wo Grass sich und seiner jungen Familie in der Niedstraße 13 ein Klinkerhäuschen gekauft hatte, an dem heute eine Gedenktafel prangt. Von Berlin aus betrachtet, ist das alles, wie man sich mal eben „auffem Kudamm“ einfindet, umme Ecke: Niedstraße, Handjerystraße, rüber zum Friedrich-Wilhelm-Platz, und mit Joggi, der selbstständig U-Bahn fahrenden und sogar umsteigenden Promenadenmischung, kommt man sogar bis zum Südstern. Der topographischen Genauigkeit entspricht jedoch eine Ungenauigkeit des Erinnerungsareals, in dem der, um den es hier in erster Linie geht, Günter Grass, nur noch ein allgegenwärtiges Phantom ist. Verglichen mit der in Anekdoten und Geschichten schwelgenden Stofffülle der „Zwiebel“ ist „Die Box“ ein entstofflichtes Etwas. Es wird niemandem gelingen, auch nur eine der neun zusammenhängenden Erzählungen des Bandes knapp zu resümieren.

Das hat vor allem mit der Erzählperspektive zu tun. Denn die Idee, nicht selbst zu sprechen, sondern seine erwachsenen Kinder an wechselnden Orten in wechselnder Besetzung um einen gut gedeckten Tisch (ja, es wird wieder ordentlich gekocht!) zu versammeln und sie von den Fährnissen des Vaters berichten zu lassen, trägt nur, wenn man diesen Blick von außen ernst nimmt. So aber fallen einander acht vom Ton her nicht unterscheidbare Stimmen ins Wort, die eingestandenermaßen „nach Vaters Regie“ agieren, seinen Tilgungen unterliegen und in entscheidenden Fragen weniger genau Bescheid wissen müssen (und können) als „Vatti“ selbst. Hinter den Auftritten seiner sechs leiblichen und zwei angeheirateten Kinder macht sich Grass unkenntlich. „Irgendwas hält er immer versteckt“, wird da am Tisch räsoniert. „Weshalb keiner weiß, was in ihm tickt immerzu… – Absoluter Quatsch, was Ihr redet! Sagt er doch selber, wenn man ihn fragt: ,Wer sucht, findet mich in kurzen und langen Sätzen versteckt…’ – Kann schon sein, dass in jedem Buch von ihm etwas Egomäßiges rauszufinden ist… – Sind deshalb so dick geraten… – … wie das mit der Ratte.“

„Die Box“ könnte auch „Mutmaßungen über Vatti“ heißen – nur dass anders als bei Uwe Johnsons Debütroman „Mutmaßungen über Jakob“ das Fragmentarische und die Multiperspektivität nichts zur Erhellung des Gegenstands beitragen. Sie dienen eher einer Art Geheimhaltung des Geheimnislosen und: einem Überspielen von Klischees.

Über eben jenen Uwe Johnson heißt es mit Blick auf Grass: „…wie dieser Uwe, unser Nachbar aus Nummer vierzehn. Der hockte genauso unterm Dach und schrieb… – Ne bebrillte Bohnenstange war der. – Hat ihn mächtig gestört, dass mein Atze und ich so stark berlinert haben. – Saß oft mit Vater auf der Terrasse vorm Haus und trank immer noch ein Bier. – Geredet und geredet haben die beiden. – Den konnte Vater zum Lachen bringen, wir kein bisschen. – War sowieso viel los in unserem Klinkerhaus, immerzu Gäste, paar verrückte darunter.“ Nicht nur in Sachen Johnson hat sich Grass schon substanzieller geäußert, was seinem Hang, sich aus der Erinnerungsverantwortung davonzustehlen, auf fatale Weise in die Hände spielt.

Die Flucht ins Ungewisse mag ein persönliches Bedürfnis, wenn nicht das Merkmal einer ganzen Generation sein. Für einen Schriftsteller wie Grass, in dessen Werk sich Autobiographisches und Fiktives immer schon durchdrangen, scheint sie auch ein Mittel zu sein, Wiederholungen zu vermeiden und durch Andeutungen zu suggerieren, dass irgendwo noch irgend etwas anderes ist – Pünktchen Pünktchen Pünktchen. „Die Box“ streift noch einmal wolkig seine politische Affäre mit Willy Brandt und der „Espede“, über die er doch in „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972) bereits alles Wissenswerte festgehalten hat. Sie rekapituliert Ehe- und Frauengeschichten, die sich im „Butt“ (1977) wesentlich eindrücklicher spiegeln. Und sie bricht Erinnerungen an die Gruppe 47, wie sie „Das Treffen in Telgte“ (1979) aufbewahrt, auf ein Niveau herunter, das einen Grass vorstellt, „als er noch ein ganz junger Dichter gewesen ist und sich mit nem Haufen anderer Dichter mal hier, mal da getroffen hat.“

Dafür wird ausgiebig geseufzt („Nunja, das sind so Erinnerungen“), verzehrender Kleinkinderzeiten gedacht, gegen die „Zeitungsfritzen“ gewettert und mit Lebensweisheiten hantiert. Die Liebe, heißt es, ist „kein Dauerbrenner“ und ihr Zerbrechen eine verbreitete Erfahrung: „Sowas passiert überall.“ Wie zopfig das alles ist, wird verdeckt von einer aufgekratzten, mit beherzt jugendlichem Jargon aufgeschäumten Lebendigkeit, bei der die Dinge „total irre“ sind, „absolut schräg“ oder auch „ziemlich depri“, jedenfalls so, dass sie Grass zum Ausrasten gebracht haben müssen: „Hat echt nicht richtig getickt, der Alte.“

Die entscheidende Paradoxie der „Zwiebel“ bestand darin, dass Grass mit dem expliziten Anspruch auf das letzte Wort in biographischen Fragen zugleich den Zweifel an den Tatsachen kultivierte. Die entscheidende Paradoxie der „Box“ besteht darin, dass sie einen allwissenden Erzähler installiert, der letztlich nichts von sich wissen will. Grass tut dies auf dem Umweg über die titelgebende „Box“: eine blockartige Agfa-Kamera. Sie gehört einer Fotografin namens Marie, die auch mal „Knipsmalmariechen“ oder „die olle Marie“ gerufen wird. Hinter ihr verbirgt sich die 1997 verstorbene Maria Rama, der das Buch auch gewidmet ist: eine enge Freundin und Mitarbeiterin, deren Aufnahmen heute im Grass-Archiv der Akademie der Künste lagern und die Grass mit dem Band „Mariazuehren“ 1973 schon einmal bedacht hat.

Die Marie des Buchs, Schutzengel, moderne Pythia und Madonna, die einmal sogar in einer Himmelfahrtsszene erscheint, hat mit ihrer „Wünschdirwasbox“ die Fähigkeit, in die Zukunft und in die Vergangenheit zu sehen. Ihre Kamera ist nämlich „allsichtig“. Sie hält fest, was aus den Kindern wird, und ihr entgeht nicht, welche Frauen dem Vater entgleiten und wo sich neues Glück ankündigt. Und sie macht Bilder, die sich offenbar umstandlos in Text übersetzen lassen. Denn „Mariechen knipste mehr, als zu bewältigen war und den Kindern in den Mund zu legen wäre.“

Wenn man dem berufsmäßigen Spintisierer Grass („Das darf er, das kann er: sich ausdenken, einbilden, bis es da ist und Schatten wirft“) wenigstens in diesem Punkt vertrauen dürfte, wäre auch das ein Antrieb zur Flucht ins Verschwommene: Wer von sovielen Bildern des eigenen Lebens umstellt ist, für den ist jede Form von Vagheit eine Befreiuung. Sie führt nur leider nicht zu Literatur.

Günter Grass: Die Box. Dunkelkammergeschichten. Steidl, Göttingen 2008. 215 Seiten, 18 €. – Erscheint am 29. August.

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