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Günter Grass wird 80 : "Wir demontieren unsere Demokratie"

15.10.2007 12:35 Uhr
Günter Grass Foto: dpaBild vergrößern
Günter Grass: Der Literatur-Nobelpreisträger wird morgen 80. - Foto: dpa

Literaturnobelpreisträger Günter Grass wird 80 Jahre alt. In einem Interview blickt der streitbare Schriftsteller zurück auf sein literarisches Schaffen und politisches Engagement. Heute macht sich der der Nobelpreisträger erhebliche Sorgen um Deutschland.

Lübeck    Auch lässt Günther Grass es sich nicht nehmen, Kritik an den USA zu üben: Es sei ein Irrglaube, der Terrorismus lasse sich militärisch besiegen. "Draufhaun" allein reiche nicht, notwendig sei ein globaler Ausgleich zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden.

Am 20. Oktober steigt in Göttingen in einer ehemaligen Lokhalle eine riesige Geburtstagsparty. Freuen Sie sich auf die Feier?

Grass: "Runde und halbrunde Geburtstage habe ich immer im großen Kreis gefeiert. In Anbetracht meines Alters und dass mir immer noch etwas einfällt, geht's mir wirklich gut. Es geht mir auch gut, weil ich die Kraft hatte, einiges, was verletzend und schwer war im letzten Jahr, mit Hilfe von Freunden und viel Zuspruch - auch von meinen Lesern - zu überstehen."

1979 hatten Sie den Bundesverdienstorden abgelehnt, nun ist am 27. Oktober in Lübeck ein Festakt mit Bundespräsident Horst Köhler zu Ihren Ehren vorgesehen - sind Sie mit diesem Land im Reinen?

"Das hat damit nichts zu tun. Ich habe damals, übrigens zeitgleich mit Siegfried Lenz, das Bundesverdienstkreuz abgelehnt, weil ich aus einer Hansestadt komme und man dort keine Orden annimmt. Ich stehe im übrigen fester auf dem Boden unserer Verfassung als manche, die mich für einen Verfassungsfeind gehalten haben."

Was bedeutet Ihnen die Würdigung durch den Bundespräsidenten?

"Da ich in den letzten Jahren viel Häme und Niedertracht erfahren habe, tut mir es mir gut, wenn meine sechs Jahrzehnte währende Arbeit anerkannt wird - nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Anfang Oktober hatte meine Heimatstadt Danzig zu einem dreitägigen Germanisten-Colloqium über mein Werk eingeladen. Zum Programm gehörten auch die Uraufführung einer polnischen Bühnenfassung des Romans "Die Blechtrommel" und eine Ausstellung meiner Grafiken."

Sie wollten schon mit zwölf Jahren Künstler werden, woher kam der Antrieb?

"Es waren angelegte Talente, insbesondere von meiner Mutter her. Sie hatte einen romantischen Sinn für Kunst, während mein Vater dem eher distanziert gegenüber stand - heute sagt man, das lag in den Genen."

Schriftsteller sind Zeitgenossen und daher nicht frei in ihrer Themenwahl, haben Sie einmal gesagt. Wäre Ihr literarisches Schaffen ohne den Zweiten Weltkrieg denkbar? Siegfried Lenz sprach von "traumatischem Erinnerungsgepäck".

"Ich fühlte mich frei in der Art, damit künstlerisch umzugehen, aber die Thematik war mir vorgeschrieben. Wie Siegfried Lenz sagt: Dieses traumatische Gepäck war nicht abzuwerfen. Hinzu kommt: Schreiben bietet die Möglichkeit, absolut verlorene Dinge wie meine Heimatstadt Danzig mit literarischen Mitteln wieder entstehen lassen zu können. Das war - unter anderem - das Reizvolle beim Schreiben der sogenannten Danziger Trilogie."

Manche Kritiker formulieren salopp, "der Grass schreibt mal wieder über die Vergangenheit". Ärgert Sie das?

"Darüber kann ich nur lachen. Nachdem ich die Danziger Trilogie 1963 abgeschlossen hatte, schrieb ich die weitgehend in der Gegenwart angesiedelten Romane "Örtlich betäubt" (1969) und "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" (1972). Da hat man mir gesagt, ich solle von der Gegenwart lassen und mich doch bitte wieder der Vergangenheit zuwenden. Das sind wohlfeile Ratschläge oder Erwartungen, die ich nicht zu erfüllen habe. Jeweils vom Zeitgeist diktiertes Wollen und Wünschen hat mit meiner Arbeit nichts zu tun. Im übrigen habe ich in meinen Werken immer aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit zurückgeblickt, aber gleichzeitig das gegenwärtige Geschehen im Auge. Und aus solchen Spannungsverhältnissen ergeben sich Ausblicke in die Zukunft - das meine ich mit der Methode "Vergegenkunft", die ich zur Grundlage meines Schreibens gemacht habe."

Sind Sie mit Ihrem literarischen Oeuvre zufrieden, oder hätten Sie noch den einen oder anderen Trümmer- oder Kadaverberg abzutragen?

"Wenn man im künstlerischen Bereich arbeitet, kann man nie zufrieden sein. Nach jeder abgeschlossenen Arbeit beginnt neues Bemühen, mit ästhetischen Mitteln etwas auszudrücken, erkennbar werden zu lassen. Aber ich bin neben meinem künstlerischen Schaffen als Bürger der Bundesrepublik auch jahrelang politisch tätig gewesen. Auch im politischen Bereich ist es so, dass es nie ein Genug gibt, dass Dinge, sobald sie erreicht worden sind, bereits wieder abbröckeln."

Was meinen Sie?

"Demokratie ist kein fester Besitz. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Wir sind jahrelang in Deutschland, zum zweiten Mal, bemüht gewesen, eine Demokratie aufzubauen, mit wechselndem Erfolg, aber sie festigte sich. Zurzeit sind wir dabei, sie zu demontieren. Wir werden aus hysterischer Terroristenfurcht mehr und mehr zu einem Überwachungsstaat, betreiben das Geschäft der Terroristen, indem wir das, was die Terroristen so hassen, nämlich den demokratischen Rechtsstaat, mehr und mehr schwächen, wobei wir es hinnehmen, dass ein Innenminister von Woche zu Woche die Angst antreibt. Ich sehe, wie bestimmte politische Leistungen der Nachkriegszeit, auf die wir eigentlich stolz sein könnten, ins Bröckeln geraten. Wir machen einen Kotau vor dem Terrorismus, indem wird die Grundrechte schmälern. All das ist Abrissarbeit am Gebäude der Demokratie, das wir mit sehr viel Mühe aufgebaut haben."

In Ihrer Nobelpreisrede 1999 - also vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - beschworen Sie den globalen Nord-Süd-Konflikt - Reich und Arm driften immer weiter auseinander - als die große Zukunftsaufgabe. Hängen Terrorismus und der Nord-Süd-Konflikt zusammen?

 "Mich haben die Terroranschläge letztendlich nicht überrascht. Willy Brandt hatte schon in den 70er Jahren im Nord-Süd-Bericht, beauftragt von der UNO, die wachsende Diskrepanz zwischen den reichen Industriestaaten und den armen und immer ärmer werdenden Entwicklungsländern als das Problem der Zukunft, des 21. Jahrhunderts, beschrieben. Er hat darauf hingewiesen, welcher Sprengstoff in diesem Problem liegt."

Wobei der Terrorismus sicherlich auch noch andere Quellen hat?

"Ja sicherlich. Die Terroristen missbrauchen die Religion. Die eigentliche Ursache ist die Verelendung und die Verarmung in diesen Ländern, die jahrzehntelang mit Geduld hingenommen worden ist, nun aber Hass zur Folge hat."

Zum Irakkrieg. Im Januar 2003 hatten Sie über dpa eine eindringliche Mahnung gegen den drohenden Krieg, in dem es primär ums Öl gehe und nur Verlierer geben werde, verbreitet. Deutschland sollte sich nicht beteiligen. Wie kann aus heutiger Sicht das Vietnam namens Irak beendet werden?

"Zunächst einmal haben wir Grund, der rotgrünen Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer dankbar zu sein, dass sie trotz aller heftigen Angriffe diesen Friedenskurs gehalten hat. Sonst wären wir in den schrecklichen Irakkrieg mitverwickelt. Das Zweite ist, dass die Machtpolitik der Vereinigten Staaten gescheitert ist - sie scheiterte schon in Vietnam, sie ist mehrmals zwischendurch gescheitert bei kleineren Anlässen und nun wiederum im Irak. Und es wird auch in Afghanistan der partielle Erfolg, den man dort unter anderem mit deutscher Hilfe erreicht hat, gefährdet, wenn man dort weiterhin den Vereinigten Staaten das Militäroberkommando überlässt. Denn sie haben nur dieses eine Konzept: Draufhaun! Damit sind die Taliban nicht zu besiegen, so wird der Terrorismus nicht besiegt, denn hinter den Taliban und hinter dem Terrorismus stehen Millionen von Menschen, die sich entrechtet und geschmäht vorkommen aus Gründen, die wir nicht begreifen wollen, die wir vielleicht zum Teil auch nicht akzeptieren können, aber sie fühlen sich so."

Hätten Sie denn eine Perspektive für den Irak oder Afghanistan?

"Ich weiß jedenfalls, dass Krieg auf keinen Fall eine Lösung bringt. Zu unterstützen ist der Weg von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): verhandeln, verhandeln, verhandeln. Solange wie möglich im Gespräch bleiben. Man sollte dabei jene Taliban, die gesprächswillig sind, miteinbeziehen. Aber solche Politik wird natürlich erschwert oder unmöglich gemacht durch diese Art von Kampfführung unter amerikanischem Oberkommando."

Macht Ihnen die Entwicklung in Deutschland Angst? Bis zum Jugoslawienkrieg waren Militäreinsätze wegen der jüngeren Geschichte grundsätzlich tabu, jetzt geht es in den Diskussionen fast nur noch um politische Vor- und Nachteile und die Kosten. Hat die Bundesrepublik ihre militärische Unschuld verloren?

"Wenn wir uns weiterhin, wie es immer wieder geschehen ist, allein dem amerikanischen Oberkommando beugen, sind wir auf dem besten Wege dazu. Erfolgreich sind wir immer dort, wenn wir uns wie in Afghanistan auf den zivilen Aufbau konzentrieren. Ich wäre dafür, dass die Bundeswehr sich entsprechend umorientiert. Wir sollten uns auf Aufbauarbeit konzentrieren und nicht auf den Irrglauben, man könne den Terrorismus mit militärischer Gewalt besiegen."

Haben Sie einen besonderen Geburtstagswunsch für sich und das Land?

"Dem Land wünschte ich, dass es sich seines Reichtums bewusst wird und daraus Konsequenzen zieht - das heißt: dafür sorgt, dass die Kinder, die keine Lobby haben, nicht weiterhin als Randgruppe unter die Armutsgrenze sinken, ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft. Dass wir der Gefahr widerstehen, wiederum zu einer Klassengesellschaft zu werden, die wir in weiten Bereichen schon sind, und dass wir nicht nur kinderfreundlich, sondern auch gastfreundlich werden, im Umgang mit den Menschen, die bei uns Zuflucht gesucht haben und die bestrebt sind, als deutsche Staatsbürger zu leben, ohne ihre eigene Kultur dabei vergessen zu müssen.

Und Ihr Wunsch für sich selbst?

"Weiterhin Neugierde und Gesundheit."

Interview: Matthias Hoenig, dpa  

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