Hanna Schott : Fritzi bleibt und macht Geschichte

Hanna Schott schildert aus der Perspektive einer Viertklässlerin die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Rolf Brockschmidt

Alles ist wie jedes Jahr am 1. September. Das Schuljahr beginnt mit einem Fahnenappell, die Kinder haben ihre Pionieruniform an. Fritzi trägt stolz das rote Tuch in der vierten Klasse, doch der Fahnenappell, das ganze Ritual, interessiert sie eigentlich kaum noch. Die Losungen klingen genauso wie im vergangenen Jahr. Nur beim Aufrufen kommt das Ritual ins Stocken. Sophies Name wird nicht genannt. Fritzi korrigiert, doch die Lehrerin sagt nur: „Sophie ist nicht krank. Ihre Eltern halten es für besser, ihr Kind in einer Turnhalle übernachten zu lassen und einer ungewissen Zukunft auszusetzen, als seine Teilnahme an einem geregelten Schulunterricht zu ermöglichen.“ Diese Antwort stiftet mehr Verwirrung als Aufklärung, bis der schlaue Benni hinausposaunt: „Die ist in Ungarn! Da kann sie noch lange ...“ Weiter kommt er nicht. So beginnt Hanna Schotts wunderbares Buch „Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte“, das in Leipzig 1989 spielt. Die Perspektive der kleinen Fritzi ist klug gewählt, denn so kann Schott ganz nebenbei die Veränderungen protokollieren, die allmählich in der Schule, der Familie und der Stadt stattfinden. Die wunderbaren, behutsamen Bilder von Gerda Raidt ergänzen den Text.

Der Vater gibt Geigenunterricht, doch es fehlen plötzlich Schüler. Die sind in Ungarn. Und im Krankenhaus der Mutter fehlen auch Mitarbeiter. Auch in Ungarn. Das DDR-Fernsehen erzählt darüber nichts, wohl aber das West-Fernsehen, das eigentlich verboten ist. Dann gibt es noch Herrn Spieker im Haus, der immer ganz genau Bescheid weiß, wer wann wo ist und warum.

Schott zeigt nun, wie die Veränderungen in der DDR jede Familie erfassen. Die Eltern streiten sich, die Mutter will auch weg, der Vater will bleiben. Aber überzeugt ist er auch nicht. Schließlich meldet sich die Oma aus München: „Ich wollte nur mal hören, ob ihr noch da seid!“ Aber die Familie bleibt. Die Mutter geht zu Friedensgebeten in die Nikolaikirche, mit den Kindern. Fritzi versteht immer noch nicht, was das alles soll. Als ein paar Demonstranten nach der Andacht die Transparente von der Stasi entrissen werden, ist Fritzi am nächsten Tag plötzlich im West-Fernsehen zu sehen – und das hat Konsequenzen.

Hanna Schott schildert sehr feinfühlig die zunehmende Politisierung einer normalen Familie, die plötzlich an den Montagsdemos teilnimmt und schließlich die offene Grenze erlebt. Kinder erfahren hier sehr anschaulich und amüsant erzählt, was vor 20 Jahren die Welt verändert hat.

Hanna Schott: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte. Mit Bildern von Gerda Raidt. Klett Kinderbuch, Leipzig 2009.

88 Seiten. 9,90 Euro. Ab sieben Jahren.

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