Hans Litten : Hitlers Ankläger

Marxist und Arbeiteranwalt: Die Biografie "Denkmalsfigur" über den Nazi-Gegner Hans Litten erzählt die Geschichte seines Kampfes gegen die vom Nationalsozialismus vereinnahmte Justiz.

Stefan Berkholz

Der Rechtsanwalt Hans Litten wurde am Ende der Weimarer Republik in Berlin bekannt. 1928 hatte er mit Mitte zwanzig sein Examen gemacht, seit 1930 provozierte er den Justizapparat mit seiner angriffslustigen, aufsehenerregenden und ungewöhnlichen Prozesstaktik: Litten verließ sich nicht auf die Vorgaben von Polizei und Justiz – er ermittelte lieber selbst und zeigte sich dann vor Gericht oft besser informiert als Richter und Staatsanwalt.

Litten war bekennender Marxist, aber (wohl) nur bis 1925 Mitglied der KPD. Parteien erschienen ihm später zu borniert, zu eingefahren und abgehoben. Litten wollte über Grenzen hinausgehen. Er war ein Anwalt der Armen und der Kommunisten – und er klagte eine Justiz an, die den Rechtsstaat zu großen Teilen schon aufgegeben hatte, bevor Hitler an die Macht gelangte. „Ich habe nur als proletarischer Anwalt meine Pflicht den angeklagten Proletariern gegenüber erfüllt“, sagte Litten im August 1932.

Durch die Konzentrationslager geschleift

Innerhalb von zwei, drei Jahren war Litten in Berlin stadtbekannt geworden. Im Mai 1931 führte er etwa Hitler als Zeugen vor die Schranken des Gerichts – und erzwang den sogenannten Legalitätseid. Hitler schwor, mit legalen Mitteln an die Macht gelangen zu wollen. Die angriffslustige Methode Littens soll Hitler zur Weißglut gebracht haben, er habe ihm das, so heißt es, nie verzeihen können. Litten wurde eines der ersten Opfer der Verfolgungen nach der Machtübernahme durch die Nazis im Januar 1933. In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er verhaftet, danach durch verschiedene Konzentrationslager geschleift: Sonnenburg, Brandenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald lauteten die Stationen. Im KZ Dachau schließlich, in dem 1937 alle jüdischen Häftlinge zusammengeführt wurden, wollte Litten die Torturen nicht länger hinnehmen. Am 5. Februar 1938, vor fast genau 70 Jahren, erhängte sich der geschundene Gefangene in einer Toilette, er wurde nur 34 Jahre alt.

Die jetzt im Wallstein-Verlag erschienen Studie „Denkmalsfigur“ ist hart erarbeitet, die umfangreiche Recherche beeindruckt. In dichten Montagen aus Zeitungsbericht und Aktenmaterial veranschaulichen die drei Autoren die Atmosphäre in Berlin kurz vor Hitlers Machtübernahme. In Charlottenburgs „Klein Wedding“, im Viertel um die Schloßstraße, kam es zu blutigen Straßenkämpfen; die Laubenkolonie Felseneck in Reinickendorf wurde von der SA überfallen; in Neukölln und Wedding blieben Tote auf der Straße liegen. Kaum ein Tag verging, an dem es nicht zu Schießereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten kam. Litten beantragte einen Waffenschein, weil er bedroht wurde.

Schwierige Suche nach dem Privatmenschen Litten

Der Anwalt ging in seiner juristischen und politischen Arbeit auf – der Privatmensch ist nur schwer zu erkennen. Er war wohl ein Romantiker, ein Wanderfreund, ein Asket. Er war radikal, er hatte Angst – und er war sehr tapfer, wie eine gute Bekannte sich erinnert. Als KZ-Gefangener und später im Kalten Krieg wurde Litten zur „Denkmalsfigur“, die hinter Legenden der Geschichtsschreiber verschwand. Die vorliegende Biografie will Littens Leben enträtseln und widersprüchlicher zeigen. Das ist den Autoren im Ansatz gelungen. Sie nähern sich dem Menschen Litten – können ihn letztlich aber doch nicht ganz fassen. Die versprengten Linken brauchten gerade unter Hitler ein Idol, dahinter verschwand ein Mensch vollständig. Die Autoren hätten das mehr berücksichtigen sollen.

Die Stärke der Studie liegt in ihrer Recherche und den zusammengeführten Zeitungsreportagen. Die aufgeputschte Zeit in den letzten Jahren der Weimarer Republik in Berlin wird lebendig. Es ist noch immer erschütternd zu lesen, wie leichtherzig die Demokratie preisgegeben, wie die Politik in den Bankrott getrieben wurde und Hitler tatsächlich als Erlöser durchs Brandenburger Tor ziehen konnte.

Bedauerlich ist, dass der Verlag an einem Personenregister gespart hat. Die starken Teile des Buchs versöhnen schließlich. Der Jugendfreund Max Fürst schrieb nach Littens Tod: „Er hatte den Mut, nicht zu verleugnen, dass er ein zwiespältiger Mensch war. Er war Marxist und religiös, und beides war verpflichtend für seine Handlungen, aber er gehörte weder einer Partei noch einer Kirche an.“

Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich, Stefanie Schüler-Springorum: Denkmalsfigur. Biographische Annäherung an Hans Litten 1903-1938. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 360 Seiten, 24,90 Euro.

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