Hans Pleschinski : Gute Laune ohne Tiefe

Wenn Schönheit versandet: Hans Pleschinskis etwas verunglückter Roman „Ludwigshöhe“.

Oliver Pfohlmann

Ohne die Idee des Selbstmords hätte ich mich schon längst getötet“, schrieb einst Emil Cioran. Wie wahr: Wer um den Trost eines Auswegs weiß, ist eher bereit, seine missliche Lage noch ein Weilchen auszuhalten. Eine Einsicht, zu der auch die drei Geschwister Berg in Hans Pleschinskis neuem Roman „Ludwigshöhe“ gelangen.

Das Trio Ulrich, Monika und Clarissa vermietet seit Kurzem an Münchens Müde und Gemobbte Zimmer in einer rustikalen Villa im Isartal. In ihr können „Finalisten“ jeglicher Couleur dem irdischen Jammertal für ein kleines „Tagewartegeld“ ungestört den Rücken kehren, um für ihren letzten Schritt Kraft zu sammeln. Im Keller, zu dem bunte Pfeile den Weg weisen, liegen auch gleich diverse Hilfsmittel bereit, Seile, Klebebänder, dazu noch Alkoholika und reichlich Baldrian-Dragees.

Überzeugungstäter in Sachen Sterbehilfe sind die Bergs allerdings nicht. Und auch nicht publicitygeil wie so mancher Hamburger Ex-Politiker. Voller Zweifel über ihr Tun und Angst vor einem Skandal, unternehmen sie alles, damit ihre Pension unter dem Radar der Öffentlichkeit bleibt. „Reicht es? Reicht es wirklich? Und nicht mehr weiter? Kein Weg mehr?“, ist neben einer Telefonnummer alles, was auf den schwarzen Kärtchen steht, die sie in Zahnarztpraxen, Arbeitsagenturen und Künstlercafés auslegen. „Aber prüfen Sie sich. Alles in Ruhe. Wenn Sie verstehen, verstehen Sie.“

Den Bergs geht es zunächst einzig um die Erbschaft ihres verstorbenen Onkels Robert, ein riesiges Vermögen. Vor einem sorgenfreien Leben in der Karibik steht aber des Erblassers Auflage, angehenden Selbstmördern einen letzten Zufluchtsort vor der verständnislosen Gesellschaft zu bieten. In London wartet ein Anwalt derweil auf die Vollzugsmeldung. Also schaffen die drei zuerst Eisbalken aus einer nahen Brauerei in den Keller, dann, als sich dort die ersten Leichen ansammeln, praktische Tiefkühltruhen.

Bald aber geraten die Dinge außer Kontrolle: Die Finalisten denken zum Entsetzen der „Hausleitung“ immer weniger daran, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Stattdessen beschweren sie sich bei den „Angestellten“ über das schlechte Essen und die sanitären Zustände, finden Gefallen an Gartenarbeit und teils auch aneinander, kommen in nie abgeschickten Abschiedsbriefen zu großen Selbsterkenntnissen und ergehen sich auf Frühlingsspaziergängen oder in der Teeküche über Gott und die Welt. Denn: „Jeder ist ein Fass ohne Boden.“

Es ist eine bunte Schar, die der Wahlmünchner Pleschinski aufbietet, darunter eine lärmgeschädigte Kioskbesitzerin, ein von der Nachrichtenflut in die Flucht geschlagener Radiomoderator, eine Lehrerin, die sich vor ihren gewalttätigen Schülern nicht mehr in die Schule traut, ein bankrotter Verleger, eine vereinsamte Schauspielerin, eine liebeskranke Domina. Keine Frage: Nach dem Erfolg, den Pleschinski 2005 mit den gesammelten Banalitäten seiner Teneriffa-Urlauberin Christine Perlacher („Leichtes Licht“) feiern konnte, die in „Ludwigshöhe“ zu einem Gastauftritt kommt, wagt der als Autor preisgekrönte Literatur- und Theaterwissenschaftler nun den großen Wurf. Und, man kann es nicht anders sagen, scheitert kläglich. Sicher, das alles will nicht ernst gemeint sein, und aus der Differenz zwischen der bedeutungsschwangeren Prosa und dem mal rabenschwarzen, mal einfach nur banalen Inhalt soll so etwas wie Komik entstehen. Hin und wieder gelingt ihm das auch, etwa wenn den Finalisten die Tempi durcheinandergeraten („’Ich war, bin Verleger ... werde gewesen sein'', stotterte Dr. Lay.“). Oder wenn die immer ungeduldiger werdenden Bergs ihre fröhlich brunchenden Gäste mit einem herzlichen „Na, ist''s bald soweit?“ begrüßen oder einen Fernseher aufstellen, um die zaghaft auflodernde Lebensfreude wieder zu ersticken.

Aber Pleschinskis manirierte, bemüht-originelle Ballonprosa macht die Lektüre dieses 580-Seiten-Wälzers zu einem Exerzitium: Bei ihm holt sich niemand einfach so einen Joghurt, sondern öffnet dazu einen „mannshoch-bauchigen Bosch-Kühlschrank.“ Hier raucht niemand einen Joint, stattdessen greift man zum „entspannten Aufmunterer“. Kein Wunder also, dass man spätestens auf Seite 100 am liebsten selbst an alle den finalen Giftcocktail verteilen möchte.

Was für ein sinnfreies Geschwurbel und Gesabbel! Egal, ob es nun von den Figuren, dem Erzähler oder letztlich vom Autor stammt: „Das meiste Schöne versandete wegen übertriebener Scheue“, lernt man, und: „Angst war wohl überhaupt das Furchtbarste, falls sie nicht Vorsicht und Mut lehrte“. Manchmal wird''s sogar hochpolitisch: „Dumm war aber längst, seit vielen Jahren, der besessene Unfug geworden, alles Deutsche mit Hitler zu verknüpfen, jede Regung deutscher Politik mit NS-Größenwahn gleichzusetzen, eine unsinnige Neidphobie auf die erfolgreiche maßvolle schlichte neue deutsche Republik.“ Dann wieder tiefsinnig: "Der Tod lehrt leben, mit gehöriger Dankbarkeit und Demut." Lässt Pleschinski seine Figuren sprechen, hört sich das so an: „Geht womöglich Tiefe verloren, in der Seele, wenn man meistens guter Laune ist, ich weiß nicht?“. Und immer wieder lässt ihn seine Synonymitis stolpern. Da wird aus Ulrich, dem „Mittvierziger“, ein paar Seiten weiter „der Vierundvierzigjährige“, Clarissa wird zur „Erbin aus Ludwigshafen“, dann zur „Sechsundreißigjährigen“, eine Finalistin zur „Südseitenbewohnerin“, ein anderer zum „untersetzten Agilen“ und München zur „stetig wachsenden Mittelmetropole“.

Kurz: Wer sich Literatur abgewöhnen will, liegt hier richtig. Bleiben nur zwei Fragen: „’Warum bin ich hier?'' wisperte die Mittfünfzigerin.“ Und: Wie ist dieser Roman bloß auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2008 geraten?

Hans Pleschinski: Ludwigshöhe. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2008. 580 Seiten, 24,90 €.

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