Hape Kerkeling : Er war dann mal da!

Entertainer Hape Kerkeling hat bis heute von seinem Erstling "Ich bin dann mal weg" drei Millionen Bücher verkauft. Das Erleuchtungswerk steht seit 100 Wochen fast ununterbrochen auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten. Was fasziniert die Leser so sehr?

Caroline Fetscher
Kerkeling
Erfolg über Nacht. Hape Kerkeling machte die Wallfahrt populär. -Foto: dpa

Drei Millionen Menschen haben Hape Kerkelings wundersamen Wanderbericht „Ich bin dann mal weg“ erstanden, seit dieser im Mai 2006 bei Piper erschien. Pro Jahr eine Million Exemplare, nicht nur der Verlag ist glücklich über diesen Pilger. Ganze sechs Wochen hatte sich der Entertainer Kerkeling von seinen komischen Nummern getrennt, um sich aufzumachen zum Grab des Heiligen Jakob in Santiago de Compostela.

Er war dann mal dort, und als er zurück war, schrieb er sein „Ich bin dann mal weg“. Dann war er mal wieder da. Die Leute lieben dieses Wanderbuch, es steht fast ständig an der Spitze der Bestsellerliste. Nur das „Jesus“-Buch des Papstes und die Memoiren des Russengasberaters Gerhard Schröder liefen ihm, kurzfristig, den Rang ab.

Im Internet schreiben Hunderte im Duktus von Sandra aus Sylt: „nie zuvor habe ich solch ein buch gelesen!!! es geht unglaublich ans herz!!!! hape forever!!!! kuss kuss“. Kerkeling, ein Freak, Fernsehkomiker, ein Aussteiger der Aufsteiger wurde – eine Sehnsuchtsfigur. In unprätentiösem Plauderton erzählt der Pilger von Strapazen im Regen und Müsliriegeln für unterwegs, von stinkenden Schafen, schlecht geputzten Herbergen, von der „berühmten Rolandsquelle“ oder vom Muskelkater, und liefert den Lesenden das Gefühl, ein alter Kumpel schriebe ihnen einen Brief. „Mann, bin ich gebeutelt!“ beginnt er flapsig einen Eintrag, und endet mit der „Erkenntnis des Tages: Obwohl ich den Gipfel durch den Nebel nicht sehen kann, ist er doch da!“

Der Sound birgt etwas Anrührendes, partout Unangeberisches und Selbstironisches, worin sich offensichtlich das Ideal-Ich von Millionen Normalbürgern spiegelt. So also lassen sich postmoderne Unsicherheit, traditioneller Kirchgang und der Wunsch nach Coolness in Einklang bringen, aha! Kombiniert mit der Haltung dessen, der einfach abhaut, dem verbreiteten Traum der „Auszeit“ nachgeht, in der das Menschenkind durch nichts und niemanden funktionalisiert wird, ist hier ein Gipfel deutschen Charmes erreicht, wenn man ihn auch im Nebel des Geplauders nicht immer sehen kann. Den Gipfel der Bestsellerliste hat dieses Tagebuch nicht mit Kalkül erklommen. Das kam dann mal so.

Für den Kulturbetrieb enthalten solche Phänomene eine Botschaft: Im Land der Wanderer sind Reiseberichte beliebt wie eh und je. Das Nachvollziehen grandioser Forschungsreisen mit dem Ziel der „Vermessung der Welt“, Ausflüge in die infantilen, privaten Dschungel der „Feuchtgebiete“ oder eben die Reise eines Clowns zu seinem Schöpfer – so etwas läuft. Das Wandern ist des Müllers Lust und des Knüllers „must“, meist gehört noch ein prominenter Name dazu.

Vorschlag für den Mega-Hype: Unsere Beliebtesten der Beliebten, Hape himself, Thomas Gottschalk, Günter Jauch, Harald Schmidt und Charlotte Roche wandern gemeinsam in Nike-Schuhwerk über die Alpen nach Rom zur Papstaudienz bei Benedikt, begegnen in einer Berghütte dem lupenreinen Autor Gerhard Schröder, und verfassen danach einen literarischen Mega-Knüller, eine Road-Story zum Road-Movie. Die Reise selbst geschähe ganz diskret, im stillen Gebet, Kameras wären nur alle fünfzig bis hundert Kilometer erlaubt. Zwischendurch hätte das Sextett reichlich Zeit zum Meditieren und frommen Interagieren – Auszeit eben. Verleger aller Bundesländer, befreien Sie diese Sätze aus ihrem profitarmen Konjunktiv! Sponsern Sie derlei Einkehr und Kehraus, machen Sie rasch das Beste draus! Caroline Fetscher

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