Harry Nutt : Neue Lässigkeit

Endlich einmal ausreden: Harry Nutt erklärt, warum Laster auch Tugenden sein können.

Gerrit Bartels

Es ist ein seltsamer Titel, den der Kulturjournalist Harry Nutt für sein Buch über unsere Laster gewählt hat. „Mein schwacher Wille geschehe“, das geht ja noch an – wiewohl es bei aller Augenzwinkerei ein bisschen nach Patientenverfügung und letztem Willen klingt. Aber der erklärende Subtitel „Warum das Laster eine Tugend ist – ein Ausredenbuch“? Was das wohl sein mag, ein Ausredenbuch? Ein Buch, das Persilscheine verteilt, das Empfehlungen ausspricht, ruhig noch ein Glas Wein mehr am Abend zu trinken, noch ein paar Zigaretten mehr am Tag zu rauchen? Eine Anleitung dafür, die Sau rauszulassen?

Harry Nutt weiß um diese Abwege (und vermutlich auch darum, dass seltsame, in die Irre führende Titel durchaus verkaufsfördernd sein können) und sorgt sofort für Aufklärung, in dem er in seinem Intro darlegt, dass es ihm wortwörtlich ums Ausreden geht, ums Weiterreden, ums Weiterausholen. In seinem Buch solle „mit Blick auf die allzu menschlichen Schwächen einmal zu Ende gesprochen werden“. Und das bedeutet, dass er nicht nur die gängigen Laster ins Visier nimmt, vom Rauchen über zu viel Geld ausgeben, Unpünktlichkeit und Faulenzen bis zum Glücksspiel. Sondern genauso die psychischen Konfliktsituationen, die entstehen, wenn der Wille vorhanden ist, das Fleisch aber wieder einmal schwach. Vor allem will Nutt aber auch darstellen, wie heutzutage aus jedem Laster ein Mehrwert rausgeholt werden kann, wie Laster inszeniert werden. Oder wie noch in jedem dunklen Kapitel im Leben eines Menschen wenigstens eine Erzählung schlummert und diese plötzlich auf viel Resonanz stößt: „Wer etwas gegen seine charakterlichen Schwächen unternimmt, ist Bestandteil einer großen Volksbewegung für Disziplin und Selbstkontrolle.“

So widmet Nutt natürlich Joschka Fischers Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ oder Susanne Fröhlichs „Moppel-Ich“ einige Passagen, ist für ihn doch der Kampf mit den Pfunden „die öffentlichste Form des Umgangs mit Willensschwäche“. So beschreibt er, wie eher negativ konnotierte Verhaltensweisen wie Liegenbleiben, Aufschieben oder Abwarten positive Umwertungen erfahren, etwa in der Politik durch Gerhard Schröders „Politik der ruhigen Hand“. Oder im Wirtschaftsleben, wo stoische Gelassenheit manchmal das Gebot der Stunde an der Börse sein kann. Und so will Nutt immer wieder aufzeigen, wie aus Beharrungsvermögen, Trägheit oder Unlust schöpferische oder seltsame Energien gewonnen werden – auch um den Preis, dass ihm bei seinen gedanklichen Sprüngen, klugen Abschweifungen und feinen Bonmots manchmal eine gewisse Stringenz fehlt. Beispielsweise verlinkt er problemlos Oblomow mit den zunehmenden Privatinsolvenzen – und schließt dann nicht weniger problemlos einen genauso eigenartigen wie kreativen Schriftsteller wie Ingo Niermann an. Niermann plant in Sachsen-Anhalt ein riesiges Grab in Form einer Pyramide, die Angehörigen aller Nationalitäten und Religionen als monumentale, aber auch preiswerte Grabstätte zur Verfügung stehen und das laut Ingo Niermann „größte Bauwerk der menschlichen Kultur“ werden soll. (Eine Genehmigung dafür haben Niermann und seine Helfer übrigens schon vom Land Sachsen-Anhalt erhalten.)

Harry Nutts Buch hat auf diese Weise selbst etwas Verspieltes. Das liegt nicht zuletzt an seinem soziologischen Plauderton, der das Ganze unterhaltsam macht und es auch enorm intelligent rüberkommen lässt. Manchmal wird einem dann schon mal angst und bange, wenn Nutt Konsum,- Schönheits- und Medienindustrie mit in sein Spiel bringt und im Subtext seines Buches hie und da etwas Kulturpessimismus durchschimmert. Wenn Nutt diagnostiziert, dass in der „Multioptionsgesellschaft“ die Seele bisweilen „ins Stocken“ gerät, und er den Soziologen Ulrich Bröckling zitiert, der glaubt, dass der moderne Mensch durch die umfassende Ökonomisierung des Sozialen „dazu gezwungen ist, frei zu sein“.

Nutt sekundiert Bröckling zunächst und konstatiert, dass „die Möglichkeiten, dieser totalitären Freiheit zu entkommen, eher gering sind“. (Siehe auch unter: Sven Hillenkamp, „Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“.) Und plädiert schließlich für eine größere Gelassenheit, eine Lässigkeit im Umgang mit unseren Lastern – für ein Scheitern als Chance, um es mit einem Neunziger-Jahre-Spruch zu sagen, für ein „individuelles Navigieren zwischen Ordnung und Chance“. Dabei weist er selbstredend darauf hin, dass jede Form von Sucht, sei es Alkoholismus, sei es Glücksspielsucht, pathologisch und behandlungsbedürftig ist. Diese Lässigkeit beinhaltet für Nutt aber auch eine Art Nachlassen, eine Verweigerungshaltung, den Anspruch, einfach einmal in Ruhe gelassen zu werden. Verweigern ist gut, so Nutt, undogmatisch sein noch besser, weshalb es am Schluss seines Buches noch Kurzporträts von zwei Modernisierungsverweigerern gibt, die bewusst keine Weltmeister im Umgang mit Handy und Online-Verkehr sind, sich aber nicht komplett verweigern.

Ein paar mehr solcher Beispiele wären schön gewesen, sie hätten diesem Buch noch einen Tick mehr Lebendigkeit gegeben. Denn die Wirklichkeit zeigt sich oft differenzierter und vielfältiger, als in den von Nutt immer wieder beobachteten und angeführten Medien und Künsten; und angebracht gewesen wäre vielleicht auch ein kleiner Exkurs zu einem sozialen Internetnetzwerk wie Facebook, das inzwischen das ultimative Trend- und Feuilletonthema ist. Und zwar unter der Fragestellung: Lust oder Last? Wie Millionen Menschen auch ohne Facebook glücklich werden. Einwände wie diese lässt Harry Nutt jedoch gelten, er setzt am Ende „auf die Lust des Lesers am Weiterspinnen des Vorliegenden“. Also kann es nach der Lektüre nur heißen: Weiterspielen. Weiterausreden. Weiterdenken. Und ja nicht den Kopf in den Sand stecken!


Harry Nutt: Mein schwacher Wille geschehe. Warum das Laster eine Tugend ist. Ein Ausredenbuch. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2009.

218 Seiten, 19,90 €.

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