Heinrich Manns Nachlass : Geschichte eines Koffers

Wiedergefunden: Die Akademie der Künste stellt einen Teilnachlass Heinrich Manns vor.

Ulrike Baureithel

Die Geschichte des Koffers hat die Exilliteraturforschung noch nicht geschrieben. Dabei ist das Gepäckstück vielleicht das wichtigste Symbol für die aus dem Land getriebenen Intellektuellen. Von wie vielen gepackten, verloren gegangenen und erst später wieder aufgefundenen Koffern wäre in einer solchen Stoff- und Motivgeschichte die Rede.

2002 fanden sich in Zürich die Arbeitspapiere Brechts, kürzlich konnte man in Berlin einen über viele Umwege nach Deutschland gelangten Koffer mit dem Nachlass des Sexualforschers Magnus Hirschfeld besichtigen, und am Dienstagabend stellte die Akademie der Künste am Pariser Platz den Inhalt eines Koffers vor, der jahrzehntelang in Prag vor sich hingedämmert hatte: Er enthielt lange vermisste Dokumente von Heinrich Mann.

Den aufrechten republikanischen Schriftsteller in Besitz zu nehmen und ihn gegen den berühmteren Bruder ideologisch aufzustellen, war lange das Vorrecht der DDR. Doch nach dem Mauerfall und mit dem Aufstieg der Berliner Republik erinnerte sich auch die westdeutsche Sektion der Literaturverwalter allmählich wieder an diesen Bündnispartner im Geiste, der 1918 zum Vorsitzenden des „Rates der geistigen Arbeiter“ gewählt worden war und von 1931 bis zu seinem Austritt 1933 der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste vorgestanden hatte.

So verhalten diese Wiederaneignung, so hürdenreich gestaltete sich auch die Rückkehr dieses Teilnachlasses Heinrich Manns. Ursprünglich im Besitz seiner geschiedenen Frau Maria „Mimi“ Mann, gelangten die Dokumente nach ihrer Deportation ins KZ Theresienstadt in die Hände der gemeinsamen Tochter Leonie. Sie übergab das Konvolut, bevor sie Prag 1968 verließ, der mit Maria Mann befreundeten Haushälterin Franziska Majmik. Mit deren Tod 1988 blieb der kleine Koffer zunächst unbeachtet im Besitz von Majmiks Sohn Karel, der ihn 2004, eher zufällig und ohne Forderungen zu stellen, dem Lüneburger Mann-Forscher Peter Stein überließ. Die diplomatischen Verwicklungen, die dieser Stafettenwechsel auslöste, waren so immens, dass es vier Jahre dauerte, bis die Akademie als rechtmäßige Besitzerin den Inhalt der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.

Wirkliche „Sensationen“ im Sinne neuer Manuskriptfunde sind es nicht, die Archivdirektor Wolfgang Trautwein melden konnte, eher wichtige Mosaiksteine, die vor allem die bereits 2002 in einem Prager Museum aufgefundenen 1200 Briefe ergänzen oder vervollständigen. Besonders aufschlussreich sind die 48 von Heinrich Mann handschriftlich kommentierten Briefe des Freundes und Germanisten Félix Bertaux aus den Jahren 1922 bis 1927, aus denen sich nicht nur die vorsichtige, fast devote Annäherung dieses wichtigsten Freundes Heinrich Manns ablesen lässt, sondern auch die selbstbewusste Haltung des „geistigen Locarno“, das sich der unbedingten „Freisetzung der besseren Seele“ verpflichtet fühlte.

Diese eher steife, fast befremdlich wirkende Korrespondenz, der der Schauspieler Dieter Mann virtuos Lebendigkeit einhauchte, wird ergänzt durch familiäre Briefe, die neue Facetten in den Beziehungen Heinrich Manns zu „seinen“ Frauen und der Binnenstrukturen der Mann-Familie freilegen. Auch wenn der eine oder andere „Schlüsselbrief“ von Mimi Mann bereits in Manfred Flügges 2006 erschienener Mann-Biografie verwertet wurde und die durchaus kühle, berechnende Seite des Schriftstellers beleuchtete, rücken die Kondolenzbriefe etwa von Alfred Döblin oder Karin Michaelis nun Heinrich Manns zweite Frau Nelly in ein freundlicheres Licht.

Nelly hatte ihren Mann schon 1940 bei der gefährlichen Grenzüberquerung von Frankreich nach Port Bou begleitet, an der auch das Ehepaar Werfel beteiligt war. Ihr Fluchthelfer Varian Fry brachte damals 17 Gepäckstücke nach Spanien – darunter die berühmten zwölf Koffer von Alma Mahler-Werfel. Aber das ist schon wieder eine andere Exilgeschichte.

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