Heinrich von Kleist : Ein frisches Grab für den Dichter

In 14 Monaten beginnt das Kleist-Jahr. Aber alle großen Pläne hängen an Zeit und Geld.

Peter von Becker
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Tatort heute vor 198 Jahren. Das Kleist- Vogel-Grab am Wannsee. -Foto: Mike Wolff

Das Schiller-Jahr ist so gut wie vorbei, von Goethe bis Brecht ist über allen Jubiläumswipfeln grad Ruh’, da brodelt es in Köpfen und Gremien schon wieder heftig. Denn 2011 soll Deutschlands „Kleist-Jahr“ werden. Davon wird wohl auch am morgigen Sonntag die Rede sein, wenn die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft und ihr diesjähriger Alleinjuror, der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, im Berliner Ensemble den mit 20 000 Euro dotierten Kleist-Preis 2009 an den Schriftsteller Arnold Stadler verleiht.

Schon hat die Bundeskulturstiftung in Verbindung mit der Kleist-Gesellschaft und ihrem rührigen Präsidenten, dem Kölner Literaturwissenschaftler Günter Blamberger, ein beachtliches Programm entworfen. So ist ein Ausstellungsreigen in Berlin und im Kleist-Geburtsort Frankfurt/Oder geplant (Arbeitstitel „Kleist: Krise und Experiment“), das Berliner Maxim-Gorki-Theater will im Gedenkjahr Kleists sämtliche (acht) Dramen spielen und die Gruppe Rimini Protokoll „Einen Kleist...“ von heute (er)finden und inszenieren. Vor allem aber soll es in Berlin am Kleinen Wannsee eine „Neugestaltung des Kleist-Grabes“ geben.

Und das ist der springende Punkt. Dieses Grab, wenn es denn so genannt werden kann, ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Nachruhm des zu Lebzeiten so unglückseligen preußischen Offiziers und Dichters H.v.K. begann, eine nationale Gedenkstätte, ja, der besonderen Umstände wegen und für Kleistianer nicht nur aus Deutschland: auch ein Wallfahrtsort. Dieser freilich befindet sich heute in einem erbärmlich verwahrlosten Zustand. Nur ein bemoostes kleines Straßenschild und eine kitschig-provinzielle, von jedem Ortsunkundigen übersehene Bronzetafel am S-Bahndamm nahe der Station Wannsee weisen in eine von teilweise heruntergekommenen Privatbauten und mehreren düsteren, überdimensionierten Ruder- und Segelclubhäusern gesäumte Sackgasse. In ihr öffnet sich zwischen zwei kuriosen hölzernen Schaukästen ein kurzer Waldweg hinab zu einem laubübersäten, von ärmlichem Dauergrün umgebenen kleinen Plateau. Dort steht ein zuletzt von den Nazis gestalteter Steinblock mit der Zeile aus Kleists letztem, dem preußischen Hof 1811 verzweifelt und erfolglos zugedachten Drama „Der Prinz von Homburg“ („Nun, o Unsterblichkeit, bis du ganz mein“); daneben eine schlichte Grabtafel für die an Kleists Seite gestorbene platonische Freundin Henriette Vogel. Zur einen Richtung blickt man herab auf ein Stück graues Wasser, zur anderen liegen Plastiktüten im Gestrüpp. Im Sommer, heißt es, wird hier auch mal gegrillt.

Nun aber gibt es eine groß gedachte Initiative. Angeregt von der Kleist-Gesellschaft will die Bundeskulturstiftung demnächst einen internationalen Künstlerwettbewerb ausschreiben. Rund 80 000 Euro stehen dafür schon bereit, und ein Vorbild soll die vor 15 Jahren an der spanischen Grenze in Portbou vom israelischen Künstler Dani Karavan entworfene Gedenkstätte für den vor den Nazis geflohenen Walter Benjamin sein. Ein fabelhafter metallener Tunnel vom Friedhoffelsen über eine Klippe hinab ins Mittelmeer. Das Symbol für einen tragisch geendeten Selbstmörder. Da kommt einem natürlich Kleist in den Sinn.

Heute vor 198 Jahren, am Nachmittag des 21. November 1811, ging der Verfasser des „Zerbrochnen Krugs“ von seiner letzten Herberge, dem an der Brücke zwischen Kleinem und Großem Wannsee gelegenen Gasthof „Neuer Krug“ (!), zusammen mit Henriette Vogel etwa 150 Meter zu einer am Waldrand gelegenen Anhöhe beim Kleinen Wannsee, man trank an einem eigens herbeigeschafften Gartentischchen Kaffee, Wein und Rum, dann ergriff Heinrich von Kleist gegen 16 Uhr zwei in einem Picknickkorb vor den Bediensteten des Gasthofs verborgenen Pistolen und versetzte mit der einen erst der „Vogelin“ einen tödlichen Schuss in die Brust, dann schoss er sich mit der zweiten Waffe in den Mund.

Der Fall ist durch Zeugen in der Nähe, durch schnell herbeigerufene Ärzte und Untersuchungsbeamte sowie die in den Stunden zuvor von Kleist und seiner gleichfalls todessehnsüchtigen Begleiterin geschriebenen Abschiedsbriefe geradezu gespenstisch gut dokumentiert. Man weiß auch, dass Kleist mitsamt der verheirateten und, wie eine Obduktion erwies, krebskranken „Madame Vogel“ in zwei Särgen an ihrem Sterbeort beerdigt wurde. Ob es exakt die heute markierte Stelle war, ist umstritten, man hatte später nie den Versuch einer Exhumierung gewagt. Vielleicht, weil die von allen Zeugen überlieferte Euphorie des Paars vor ihrem als Doppelselbstmord gewerteten Ende sehr schnell zum Mythos wurde.

Auch hieran muss man dieser Tage denken, auch beim neuen Kleist-Preisträger Arnold Stadler, der von Beginn an Menschen beschrieben hat, die sich vor Züge werfen, und dessen Erzählungen bezeichnende Titel tragen: „Ich war einmal“ oder „Der Tod und ich, wir zwei“. Zugleich ist es für Berlin und einen Kulturstaat beschämend, dass am Eingang der jetzigen Gedenkstätte zwei vergilbende Farbfotos von alten Schüleraufführungen (u.a. eines Kleist-„Musicals“) für dieses Genie der Weltliteratur werben, und das mit dem rührenden Hinweis „Gestiftet F. C. Trapp Baugesellschaft Berlin mbH“. Jeder Heimatdichter wird von seiner Kleinstadtgemeinde wohl ehrenvoller bedacht.

Wer das jedoch bis zum Kleist-Jahr, das in gut 14 Monaten beginnt, noch ändern will, für den drängt die Zeit. Die Bundeskulturstiftung kann ihren geplanten Wettbewerb erst ausschreiben, wenn die anschließende Realisierung halbwegs gesichert ist. Es wird an Baukosten von einer halben Million Euro gedacht (so viel wie einst für das Benjamin-Denkmal); das Geld hierfür kann der als Grundstücksbesitzer zunächst zuständige Bezirk Steglitz-Zehlendorf offenbar nicht aufbringen. Der Senat ist auch klamm, aber Kulturstaatssekretär André Schmitz äußert sich gegenüber dem Tagesspiegel: „Ich bin optimistisch.“ Notfalls wird man wohl in den Lotto-Topf greifen.

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