Heinz Dürr : Der Weichensteller

"In der ersten Reihe" – Ex-Bahnchef Heinz Dürr hat seine Memoiren geschrieben. Sie sind fast Literatur.

Peter von Becker

Glück gehabt. Auch das könnte der Titel dieser Memoiren sein. Vieles ist dem Industriellen und Spitzenmanager, dem Konzernchef und Kunstmäzen Heinz Dürr ja von Anfang an zugefallen: Geschäft und Geld der familiären Firma, ein quicker Geist und das Geschick eines ehrgeizig Tüchtigen. „Der Dürr“ aus Stuttgart-Feuerbach ist auch heute noch mit 75 auf mancherlei Bühnen der internationalen Wirtschaft präsent und als leidenschaftlicher Schauspielfreund im Parkett der deutschen, vor allem der Berliner Theater. Ein hochgewachsener Herr mit unüberhörbar schwäbischen Witz.

Wie bei seinem Landsmann Siegfried Unseld, dem Suhrkamp-Verleger, mit dem er als Bahnchef einst einen Autoren- Zug inszenierte, lautet Dürrs Lebensmotto „ins Gelingen verliebt“. Das ist ein Zitat (ausgerechnet) des idealsozialistischen Philosophen Ernst Bloch. Aber gegen Ende eines vitalen Berufslebens, das Heinz Dürr mit seinem Erinnerungsbuch „In der ersten Reihe“ wachruft, haben sich auch Melancholien und Zweifel eingenistet. Unter den Suhrkamp-Autoren gehört vor allem der untröstliche Sarkast Thomas Bernhard zu Dürrs literarischen Favoriten, ihm dankt er schon im Vorwort für die „57 mal“ ausgeborgte Lieblingsformulierung „naturgemäß“. Doch Dürr, der „geborene Optimist“, zitiert neben seinem literarischen Favoriten Thomas Bernhard auch Samuel Becketts Leitspruch vom immer „besser scheitern“. Was bei einem belesenen Erfolgsmenschen zuerst noch als kokettes Aperçu durchgehen könnte, das verdichtet sich dann zu Karl Jaspers berühmtem, in der Welt der Macher und Mächtigen aber lieber ausgeblendeten Satz: „Nur im Scheitern kommt der Mensch zu sich selbst.“

Dürrs Erinnerungsbuch zeichnet ein Sittengemälde von der frühen Wirtschaftswunderzeit bis zur aktuellen Weltfinanzmarktkrise. Man fliegt mit Dürr in der Superconstellation schon in den Fünfzigern nach Nord- und Südamerika (bei der Äquatorüberquerung bekommt jeder Passagier noch eine Urkunde), später geht’s auch mit der Concorde oder im Privatjet um die Welt, es gibt zahllose Einblicke ins Ökonomische wie Erotische oder Alkoholische der deutschen Industriegeschichte. Hierzu gehören nicht zuletzt die Abfindungsfälle bei der Mannesmann-Übernahme, die Dürr als Aufsichtsrat und Zeuge vor Gericht erlebt. Und wie jede Sitten- und Unsittengeschichte gilt auch diese der Selbstbesinnung. Auf Jaspers nämlich kommt Dürr, als im Sommer 1982 sein ehrgeiziger Versuch auf der Kippe steht, den angeschlagenen AEG-Konzern, damals Deutschlands zweitgrößtes Industrieunternehmen, vor dem Bankrott zu retten.

Das gelingt ihm nur halb. Ende 1979 war der schwäbische Mittelständler in einem Überraschungscoup der beteiligten Banken und weiterer Firmen zum Vorstandvorsitzender der zwar weltweit renommierten, intern jedoch durch Missmanagement schon an den Rand des Ruins herabgewirtschafteten AEG berufen worden. In den folgenden Jahren der ersten großen Rezession der bundesdeutschen Wirtschaft mündet auch Dürrs Reformkurs nur in einem ebenso kühnen wie komplizierten Sanierungsvergleich, in welchem die Filetstücke des Elektro- Mischkonzerns immerhin bewahrt und später in die expandierende Daimler- Benz-Gruppe eingebracht wurden.

Die in den neunziger Jahren dennoch vollzogene Auflösung der AEG musste Dürr nicht mehr mittragen, weil ihn Kanzler Helmut Kohl im Zuge der deutschen Einheit zum Chef der aus Bundesbahn und DDR-Reichsbahn hervorgehenden Deutschen Bahn beruft. Heinz Dürr sollte aus einem vom Bund und allen Steuerzahlern mit über 100 Milliarden alimentierten, strukturell defizitären Staatsbetrieb ein modernes, gewinnbringendes Hightech-Dienstleistungsunternehmen machen. Diese Umwandlung einer Quasi-Behörde mit einer Viertelmillion Beamten und Angestellten gilt als Dürrs „Jahrhundertwerk“, so Helmut Kohl bei der Pensionierung des epochalen Schwaben im Juli 1997. Während jener Abschiedsfeier im Berliner Hotels Adlon hört Dürr die Elogen auf sich mit eingestandenem Wohlgefallen und, dabei „In der ersten Reihe“ sitzend, beginnt er, über sein Leben nachzudenken. So entsteht die Idee, Dichtung und Wahrheit auch selber zu bilanzieren. Bis in den Sommer 2008 hinein. Bis es „an der Zeit“ war, „dass ich mich in die zweite Reihe setze“.

Was ihm, so räumt er melancholisch wie selbstironisch ein, nicht eben leicht fällt. Auch wurmt ihn naturgemäß, dass sich die „Bahnreform“ inzwischen fast nur noch mit dem Namen Hartmut Mehdorn verbindet. Eben den hatte Dürr übrigens anstelle eines später gescheiterten Kohl-Intimus als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Was die Beziehung zwischen Altkanzler und Ex-Bahnchef gefrieren ließ. Wie Dürr solche Episoden freimütig und zugleich fair gegenüber allen Beteiligten erzählt, das zeigt Stil.

Dieser Stil ist immer persönlich gefärbt, denn das Buch ist von eigener Hand geschrieben, ohne den eher üblichen Ghostwriter. Viele Personen der Zeit- und Wirtschaftsgeschichte, denen Dürr zugleich mit Neugierde und dem kühlen, rechnenden Kopf des schwäbischen Geschäftmanns begegnet, leben in pointierten Skizzen auf: von Helmut Schmidt bis Angela Merkel, von Margaret Thatcher (beeindruckend), F. J. Strauß (blasser als erwartet), Honecker (medioker), Lothar Späth (schlau, aber unstet) bis Lafontaine (schlitzohrig) oder Wowereit (sympathisch). Man erfährt, wie es ist, mit russischen Botschaftern saufen oder mit Gaddafi dealen zu müssen – und wie das West-CDU-Mitglied Dürr 1990 wohl DDR-Wirtschaftsminister geworden wäre, wenn die SPD die erste und letzte freie Volkskammerwahl gewonnen hätte. Berliner Wirtschaftssenator unter Diepgen wollte er später dann nicht mehr werden.

Im Kern geht es freilich um die Wirtschaft, um Kämpfe und Koalitionen, um die Förderung etwa durch Mercedes- Chef Edzard Reuter, um Verhandlungen mit Bill Gates oder Leo Kirch, um das AEG- und Bahndrama, um Deutschbanker wie den alten Abs oder den viel jüngeren, bald ermordeten Alfred Herrhausen. Vorbilder hat Dürr dabei wohl nur zwei, und auch sie wurden beide ermordet. Angeregt haben ihn die sozialethischen Schriften des jüdischen Berliner Industriellen (aus der AEG-Gründerdynastie) und späteren Reichsaußenminister Walther Rathenau. Das andere Vorbild war in der Jugend SS-Mann, wurde später Mercedes-Boss und bundesdeutscher Arbeitgeberpräsident: Hanns-Martin Schleyer.

Schleyer hatte in Stuttgart den Mittelständler Dürr für die Öffentlichkeit entdeckt und ihn 1975 als seinen Nachfolger zum Vorsitzenden der Metall-Arbeitgeber im einflussreichen Nordwürttemberg gemacht, worauf Heinz Dürr als Kontrahent der IG-Metall und ihres aufstrebenden Stars Franz Steinkühler schnell eigene Prominenz erlangte. Für Dürr war nun Schleyer einer, der seine Lehren aus der Vergangenheit gezogen habe und den Kapitalismus als gemeinwohlstiftendes Modell über Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft hinausgedacht hatte. Auch Dürr versteht jedes Wirtschaftsunternehmen als „gesellschaftliche Veranstaltung“ mit privater Gewinnabsicht – anstelle sozialisierter Verluste. Den Gegensatz zum guten, toten Kapitalisten Schleyer erlebt er später nur allzu häufig, etwa bei seinem, so schreibt Dürr, auf scharfe Eigengeltung und nichts als Shareholer Value fixierten Daimler-Vorstandskollegen Schrempp.

Merkwürdig schnell kommt Dürr allerdings über Ziehvater Schleyers Ermordung durch die RAF hinweg. Auch als der eigene Vater stribt, vor dem er sich immer „beweisen“ wollte und dessen Metallfabrik er geerbt und zum größten Zulieferer für Auto- und Flugzeugzubehör gemacht hat, entzieht sich Dürr. Wie schon beim Hinscheiden der Mutter überlässt er seiner Frau Heide die Begegnung mit dem Tod und den Toten. Dürr, der Optimist, der die Kämpfe gegen die „Zweifelscheißer“ und die abzubauende Bahn-Bürokratie bisweilen wie absurde Komödien eines Karl Valentin zu schildern weiß, er scheut offenbar alle Tragik. Wenn er erwähnt, dass die zum Rüstungsbetrieb umfunktionierte Fabrik des Vaters (der Parteimitglied war) bis 1945 florierte, dann sagt er nicht, wer dort eigentlich gearbeitet hat. Und erstaunlich bei dieser scharfsinnigen Zeitgeschichte, dass sich in ihr kein Wort findet zu dem für die deutsche Wirtschaft so peinlichen Streit um die späte Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter.

Bemerkenswert ist indes, wie der Bahnchef Dürr ohne Presse und Öffentlichkeit mit Ignatz Bubis, dem Zentralratsvorsitzenden der Juden Deutschlands, auf dem Bahnhof Berlin-Grunewald zusammentrifft. Dort, wo einst die Züge nach Auschwitz abgingen. Bubis erzählt von seinen Jugendjahren in Treblinka und fragt dann Dürr: Was haben Sie gemacht? Dürr antwortet: „Ich war in der Napola.“ So habe man offen gesprochen und gemeinsam ein schlichtes Mahnmal am Bahnhof Grunewald verabredet: „Zwei Deutsche unterschiedlicher Herkunft, die jetzt einander verstanden.“

Von Stuttgart-Feuerbach sind die Dürrs vor einem Jahrzehnt nach Berlin verzogen, in Grunewald hat ihnen der Architekt David Chipperfield eine elegante Villa gebaut. Und Dürr ist seit fünfzig Jahren mit Heide Dürr verheiratet. Wäre er „standesgemäß“ geschieden und hätte wie andere Reiche und Mächtige heute eine viel jüngere neue Frau, dann würde er sich jetzt „unendlich lächerlich“ vorkommen. Heide Dürr sagt ihrem von (sympathisch unverhohlener) Eitelkeit nie freiem Mann: „Für dich sind drei Dinge wichtig: Macht, Tatendrang und Anerkennung.“ Schon als junger schwäbischer Provinzunternehmer sucht Dürr gegenüber den großen Bossen „die gleiche Augenhöhe“. Das ist ihm geglückt, er kennt und ihn kennt Gott und die Welt. Nur Freunde hat er kaum. Mit „Geld, Kontakten, Jobs“ helfe er gerne, im „Sachlichen“. Aber: „Ich kann nicht helfen, wenn einer selbst in Not ist, wenn er seinen Kopf an meine Brust legen will. Das mag ich nicht. Irgendwie habe ich Angst vor Menschen.“

Das schreibt der Magnat und große Kommunikator, der seine Angst vor der Angst erstmals überwinden muss, als seine Frau an Krebs erkrankt. Doch auch da hat er, hat sie für ihn am Ende Glück. Und plötzlich werden die Memoiren zur stillen Konfession, und das große Buch fast intim. Beinahe Literatur. Das sollten viele lesen, die etwas über die Wirtschaft und das Leben erfahren wollen.

Am heutigen Montag stellt der Autor sein Buch im Gespräch mit Klaus Wowereit in der Berliner Bar jeder Vernunft vor.





– Heinz Dürr:

In der ersten Reihe. Aufzeichnungen

eines Unerschrockenen. Verlag Wolf Jobst Siedler jr., Berlin 2008. 366 Seiten, 24,90 Euro.

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