Literatur : Heißes Auge

Sämtliche Sonette von Edmund Spenser

Hendrik Jackson

Dass es eine englische Literatur vor Shakespeare gegeben hat, gerät gerne in Vergessenheit. Shakespeare zum Beispiel ließ sich zu seinen Sonetten wesentlich von Edmund Spenser (1552–1599) anregen, der im Anschluss an Sir Philip Sidney die Sonettkunst zu neuer Blüte brachte. Ähnlich mag der 1969 in Moskau geborene Alexander Nitzberg zu seiner Übersetzung „sämtlicher“ Sonette dieses Spenser inspiriert worden sein durch eine in Deutschland neue Formenliebe, wobei das Sonett besondere Würdigung bei Jan Wagner oder Ann Cotten gefunden hat. Das wiederum mag auf die Neuentdeckung des Sonetts durch Autoren wie Inger Christensen zurückgehen.

Wenn Nitzberg von Spensers sämtlichen Sonetten spricht, meint er die zu Lebzeiten als „Amoretti“ erschienenen Sonette und den weniger umfangreichen Zyklus „Visions of the Worlds Vanitie“. In seiner Liebe zum Sonett geht er so weit, dass er das ursprünglich den „Amoretti“ beigefügte „Epithalamion“ weglässt: Es besitzt keine Sonettform. Das verändert den Blick auf Spenser. Während seine Sonette einen zweifelnden und gequälten Menschen porträtieren, der mit seiner Auserwählten und ihrer „Härte“ hadert, lobpreist das „Epithalamion“ die Hochzeit mit ebenjener Frau.

Nitzberg geht mit Verve ans Werk. Hier wird wie zu alten Zeiten gereimt und gedichtet, dass die Lilien sprießen. Nitzberg porträtiert folgerichtig Spenser in seinem Nachwort auch als einen Dichter mit Vorliebe für einen feierlichen Ton. In Anlehnung an die deutsche Dichtung jener Zeit verwendet er ausschließlich männliche Reime, ein nicht ganz leichtes Unterfangen, wenn im Gedicht bis zu vier Mal gereimt werden muss. Doch merkt man seinen Übersetzungen dies kaum an. Man fühlt sich zwar zuweilen wie in einem vollgepfropften Antiquitätenladen, doch vieles reimt sich süffig, anderes wirkt brillant – auch wenn er im Zweifel den Klang einer möglichen Prägnanz vorzieht.

So kommt es hin und wieder zu gestelzten Wendungen wie „Begehrst du einen Bund“, „bestrafen soll das sünd’ge Menschenland“ oder „gefrönt der Ketzerei!“. Um Spensers schmachtenden Tonfall wiederzubeleben, wäre manchmal weniger Pomp angebracht gewesen. Klang und Einfallsreichtum seiner Übersetzung sind indes beachtlich. Der getragene Tonfall entfaltet durchaus seinen Reiz: prächtige Poesie mit ein bisschen Patina. Es mag Nitzberg wie dem lyrischen Ich ergangen sein: „Mein heißes Auge sieht sich niemals satt.“ Hendrik Jackson

Edmund Spenser: Die Lilienhand. Alle Sonette. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Engl. von Alexander Nitzberg. Jung und Jung, Salzburg 2008. 232 S., 24,90 €.

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