Hellersdorfer Perle : Die Öde der Boheme

Abenteuer Plattenbau: Katja Oskamps Roman „Hellersdorfer Perle“ spielt mit den Klischees der Frauenmagazine. Oder ist er selbst Klischee? In jedem Fall eine vergnügliche, unterhaltsame Lektüre.

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Vorbild für Katja Oskamps titelgebende Kneipe? Die in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf gelegene „Berliner Luft“.
Vorbild für Katja Oskamps titelgebende Kneipe? Die in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf gelegene „Berliner Luft“.Foto: dpa

Das Schöne ist bekanntlich des Schrecklichen Anfang. Nicht zuletzt trifft das auf die Heldinnen in Katja Oskamps Romanen zu. In „Die Staubfängerin“, vor zwei Jahren erschienen, verliebt sich eine junge Regieassistentin am Theater in einen Generalmusikdirektor, heiratet ihn, zieht mit ihm in ein Reihenhaus, bekommt eine Tochter – und stellt bald fest, dass hier für sie der Vorhof der Hölle beginnt. Der Mann wird ihr fremd, die einstige Leidenschaft unerklärlich, die Nachbarn sind bieder, und sie selbst entwickelt eine schwere Neurose, einen Putzfimmel. Schließlich ergreift sie nicht nur Ekel, sondern die Flucht. „Die Staubfängerin“ endet mit einer angedeuteten neuen Liaison - ein älterer Fensterputzer beschert der Hauptfigur wieder Hoffnung für die Zukunft.

In Oskamps neuem Roman „Hellersdorfer Perle“ passiert Ähnliches: Die Ich-Erzählerin hat ebenfalls eine Theatervergangenheit und eine kleine Tochter und ist verheiratet mit einem gescheiten und sie bedingungslos liebenden Theaterkritiker. Das Glück scheint perfekt. Und vielleicht deshalb umso brüchiger. „Ich wuchtete den Reisekoffer über die Schwelle und zog die Tür hinter mir zu. Mit dem Gepäck stieg ich die vier Stockwerke hinab. Draußen nieselte es. Jeder Atemzug entschwand als weißes Wölkchen in die Berliner Novembernacht. Ich stellte mich in den fahlen Schein einer Straßenlaterne und wartete.“ So beginnt das Buch, mit einem Abschied: Die Erzählerin hat genug vom Alltagstrott und der Sackgasse des Familienidylls, ohne zu wissen, warum eigentlich. Der Leser ahnt es freilich: Im Innern lauert die Sehnsucht nach anderen Rollen, hier gibt es Abgründe, von denen die Heldin nichts weiß und in die sie sich doch stürzen muss, wenn sie nicht vor lauter Langeweile eines natürlichen Todes sterben möchte. Sie verlässt Mann und Tochter und quartiert sich bei einer Freundin ein, einer Fernsehsoap-Darstellerin.

Eines Abends fährt Oskamps Ausreißerin ziellos mit der Straßenbahn nach Hellersdorf. Das Unbewusste treibt sie. In anonymer Platte ist sie einst aufgewachsen, und das Abenteuer scheint gerade dort zu warten, wo die Mittelschichtspießer, vor denen sie flieht, nie hingeraten würden. Sie landet in einer Kneipe – ein kleiner, unförmiger Flachbau, geduckt zwischen zwei Blocks liegend. Die „Hellersdorfer Perle“, so heißt das Lokal, ist eine Pinte mit außergewöhnlichen Gästen: Eine Omi kauert vorm Bier am Tisch, eine Gruppe Beinloser in Rollstühlen hat sich versammelt, ein älterer Mann sitzt allein an der Theke. Die Erzählerin bekommt von ihm einen Sekt spendiert – und wird aufgefordert, das nächste Mal mit Rock zu erscheinen. Sie kommt dem dreistem Wunsch nach und geht auch auf seine nächste Forderung ein: Sie solle ein Korsett tragen. „Da stand sie, die Frau im Spiegel, Mitte dreißig, groß geworden an FKK-Stränden, wie alle aufgewachsen mit dem Aufklärungsbuch ,Denkst du schon an Liebe?’, und trug unter den Kleidern die volle Hurenmontur.“

Oskamp gelingt es in dieser Passage, ihren Witz in etwas Bedrohliches umschlagen zu lassen. Die Erzählerin folgt dem Mann in eine Wohnung, lässt sich Handschellen anlegen, verbringt die Nacht mit ihm. Geheuer ist ihr das nicht, aber die dunkle Welt scheint sie zu faszinieren. Sie kehrt zwar wieder zurück zu Ehegatte und Kind, aber nicht auf Dauer: Der alte Mann entpuppt sich als Theaterautor und als Wiedergänger des ehemaligen Geliebten der Erzählerin. Der hieß Karl und war am Theater engagiert, ein alter Schauspieler, der die besten Zeiten hinter und einen Alkoholtod vor sich hatte. Die zunächst sehr dunkle Frauenfantasie verwandelt sich im Verlauf in eine neue, aber weniger bürgerliche Idylle: Die Erzählerin zieht mit ihrer Tochter in eines der Hochhäuser, in die Nähe ihres Geliebten. Oskamp hat die Geschichte einer Flucht aus der mediokren, anbohemisierten Berliner-Kleinfamilien-Falle geschrieben. Klischeehaft werden die Optionen gegeneinandergestellt – hier schwache Männer, die sich über teure italienische Nudelmaschinen freuen; dort ein etwas verrohter, durchaus gebrechlicher, gleichwohl sexuell aufgeladener Mann mit Proletarierhänden und genialischem Dichterruf.

Das erinnert an Geschichten in Frauenmagazinen. Allerdings umschifft Oskamp dank eines pointierenden Tons den Jargon dieser Zeitschriften. Und sie spielt witzig mit den Versatzstücken, die uns einfallen, wenn man an so eine verblühende Prenzlauer-Berg-Existenz denkt. Dass sie aber das Bedrohliche, Geheimnisvolle, das in der „Hellersdorfer Perle“ aufblitzt, rasch domestiziert – dem fremden Mann in der Kneipe seiner Gefährlichkeit beraubt und ihre Figur sich wieder in einer neuen Idylle einrichten lässt -, das mag inkonsequent sein. Oder wiederum eine ironische Wendung. Das ist das Irritierende an Oskamps Büchern: Dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob Oskamp ironisch mit Klischees spielt oder diese Ironie nicht auch wieder klischeebeladen ist. Eine vergnügliche, unterhaltsame Lektüre ist „Hellersdorfer Perle“ allemal. Vielleicht gerade deshalb.

Katja Oskamp: Hellersdorfer Perle. Roman. Eichborn, Frankfurt/Main 2010. 221 Seiten, 18,95 €.

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