Henning Rischbieter : Robinson in Gesellschaft

Der Kulturpublizist Henning Rischbieter hat seine Memoiren geschrieben – ein deutsches Exempel.

Peter von Becker

Im aktuellen Dezemberheft der Zeitschrift „Theater heute“ ist ein bemerkenswertes Kapitel aus der jetzt erschienenen Autobiographie des „Theater heute“- Gründers Henning Rischbieter zu lesen. In der knappen Skizze gibt der 82-jährige Doyen der deutschen Theaterkritik das prägnante Porträt eines einst sehr berühmten Kollegen. Der hieß Siegfried Melchinger, war Mitbegründer des Berliner Theatertreffens und bis 1971 acht Jahre lang Mitherausgeber von „Theater heute“; vor allem aber leitete er in den 50er- und frühen 60er-Jahren bei der „Stuttgarter Zeitung“ das damals einflussreichste deutsche Feuilleton, in dem unter anderen der junge Hellmuth Karasek und der spätere „Zeit“-Literaturchef Rolf Michaelis Redakteure waren.

Melchinger machte die Deutschen mit Giorgio Strehler bekannt, er prägte den Begriff des „Modernen Welttheaters“ und schrieb, am Ende selber Theaterprofessor (wie sein 20 Jahre jüngerer Kollege Rischbieter), eine „Geschichte des politischen Theaters“. In „Theater heute“ zeichnete Melchinger gerne prominente Schauspielerporträts, zum Beispiel über die Emigrantin und Rückkehrerin Elisabeth Bergner: seit der Weimarer Republik (und noch vor Marlene Dietrich) Deutschlands internationaler Star. Es sei, so S. M., von der Bergner eine „Faszination ausgegangen, der nichts widerstehen konnte. Das blieb in Erinnerung über die bösen Jahre hinweg“.

Viele Jahre danach hat Rischbieter dann entdeckt, was der 1988 verstorbene Melchinger, neben Friedrich Sieburg eine Gründerfigur des nachkriegsdeutschen Kulturjournalismus, in jenen „bösen Jahren“ einst selber geschrieben hatte. Zum Beispiel über die ephebische Elisabeth Bergner Ende 1938: „Die sinnlose Überschätzung ihrer Schauspielerei ist ein Symptom der jüdischen Herrschaft. Hier hatte in der Tat das tonangebende Systemjudentum sein Idol gefunden. Was für ein Idol: ein müdes, krankes, intellektuelles Weibchen.“

Das Beispiel zeigt, Henning Rischbieters Memoiren unter dem für ihn so typisch lakonischen Titel „Schreiben, Knappwurst, abends Gäste“, sie sind ein Stück deutscher Zeitgeschichte. Ohne Larmoyanz oder Pathos drückt der Autor im geschilderten Fall nur seine Scham aus über den in der Bundesrepublik so reich geehrten früheren Kollegen. Rischbieter, der hannoversche Handwerkersohn und Ursozialdemokrat, ist spätestens seit seinen Theaterprofessorenjahren an der Freien Universität auch eine Figur der Berliner Szene. Aber er ist als geerdeter Weltbegeher (nicht: Weltläufiger) gerade das Gegenteil der nach 1945 in wolkigem „Humanismus“ stolzierenden Kulturbürger à la Melchinger.

Das Gegenteil natürlich auch eines hochmütigen Kriegskünstlers wie Ernst Jünger. Rischbieters Weg aus der niedersächsischen Provinz führt zwar ins Welttheater – aber eben auch ins alte Kreuzberger Mietshaus, das er Ende der 70er als frischgebackener Ordinarius zum Erstaunen mancher Dahlemer FU-Kollegen erwirbt und bis heute bewohnt. Dieser Weg ist auf gewinnbringende Weise auch ein literarischer Bildungsweg. Nicht so sehr eine education sentimentale als ein ernüchternd vernünftiger, charakterbildender. Denn Literatur und Kunst sind hier immer verknüpft mit dem Leben. Mit dem Überleben zuvorderst. Rischbieter liest 1943 als 16-jähriger Luftwaffenhelfer Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ und ist für die Literatur als Kunst und Lebenselixier schon mit Jüngers erstem Satz gewonnen: „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glücks ergreift.“

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, verliert der junge Rischbieter im Endkampf um Berlin seinen linken Arm. Das ist für ihn die „Quittung für meine Mitläuferei damals“, und er fragt sich bis heute: Hat ein Arm „als Bezahlung genügt?“. Diese Memoiren verklären nichts. Sie versuchen mit dem Antipathos eines mehr an Lessing und Brecht als an Schiller oder selbst dem Freund Heiner Müller orientierten Erzählers und Historikers den eigenen Fall als Ausschnitt der jüngeren deutschen Geschichte zu begreifen.

Von Ernst Jüngers Faszination und kalter, buchstäblich blendender Manier hat er sich bald gelöst. Und um fachspezifische Theatergeschichte geht es ihm kaum, eher um exemplarische Zeugnisse von beruflichen oder privaten Freundschaften, von Frauen auch. Kurze, hochanschauliche Porträts sind von jeher Rischbieters Stärke, das zeigen die Seiten etwa über den Kritiker und späteren Regisseur Ernst Wendt, über Botho Strauß, wie Wendt einst Redakteur bei „Theater heute“, oder über den Galeristen, exquisiten Zeitschriftenmacher und Buchautor Adam Seide. Die größte Überraschung ist (und ist es zugleich nicht): Aus Rischbieter hätte auch ein Romanenkopf werden können; zumindest sein Plan einst für einen neuen „Robinson Crusoe“ – nach dem Modell von Joyces „Ulysses“ –, er hatte was. Man lese nur und staune.

Henning Rischbieter: Schreiben, Knappwurst, abends Gäste. Erinnerungen. Verlag zu Klampen, Springe 2009, 270 Seiten, 19,80 €

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