Herta Müller über Hans Joachim Schädlich : In weiter Ferne so klar

Die in Berlin lebende Schriftstellerin Herta Müller bekommt den Nobelpreis für Literatur. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier einen weiteren Tagesspiegel-Beitrag von ihr: Eine Hommage an ihren Kollegen Hans Joachim Schädlich.

Herta Müller

Im August 1977 erschien in Westdeutschland ein Band mit Erzählungen unter dem Titel "Versuchte Nähe". Der Autor Hans Joachim Schädlich lebte damals noch in der DDR. Dort konnte dieses Buch nicht erscheinen. Schädlich war 1976 schon zur Unperson geworden, weil er einen Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben hatte. Aus diesem Grund verlor er auch seine Stelle als Linguist an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften.

Alle Erzählungen in "Versuchte Nähe" beschäftigen sich mit dem Alltag der DDR. Auch wenn es nicht auf den ersten Blick sichtbar wird. Die Provokation bestand vielleicht gerade darin. Denn dass es nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, verstärkt die Provokation. Wie in den späteren Büchern "Tallhover" oder "Anders" entsteht die Subversion automatisch, aus der Sache selbst. Aus dem Puzzle-Spiel der Tatsachen entsteht bei Schädlich wie beiläufig die untergründige Geschichte. Und dieses Unübersehbare, aber nicht Explizite wird die eigentliche Geschichte des Textes. Schädlich, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, braucht dazu nur den Text selbst, er bedient sich lediglich der trickreichen Wiederholungen, der auf klare kalte Genauigkeit fixierten Imitation direkter Sprache. Er entwirft Dialoge, Situationen, Porträts - aber er lässt sie pur in sich stehen, liefert nie einen Kommentar.

In Schädlichs Debütband "Versuchte Nähe" steht eine kleine Geschichte mit dem Titel "Lebenszeichen". Das Lebenszeichen ist eine Postkarte von einem Herrn Buttke. Auf der Karte eine Festtagsparade, der Wachwechsel auf dem Boulevard Unter den Linden in Berlin. Wo er selbst steht, macht Buttke auf der Karte ein Kreuz. Schädlich beschreibt alles Sichtbare auf dieser Ansichtskarte, aneinander gereiht Menschen, Musikinstrumente, Stadtansichten, Himmelausschnitt. Der Text endet abrupt und lapidar: Buttkes Kreuz "hat sich eingedrückt, es ist auch von der Rückseite erkennbar. Die Schrift ist verwischt. Die Ecken der Karte sind eingefallen."
Das Kreuz hat sich eingedrückt, es ist auch auf der Rückseite erkennbar - mit diesem Satz könnte man eine andere Ebene von Schädlichs Literatur bezeichnen. In allen seinen Büchern geht er Lebensläufen nach, und an diesen interessiert ihn, was hinter der Fassade sitzt. In den Biografien wird das Vorhandene versteckt, und um die Lücke zu füllen, wird gelogen und erfunden. Darum heißt auch der Titel eines Buches von Schädlich "Anders.". In "Anders" geht es Schädlich um die Fälschung von wirklichen Biografien beim Wechsel politischer Systeme. So ist der Aachener Germanist Schwerte buchstäblich zwei Personen. Unter den Nazis spielte er eine wichtige Rolle im Sicherheitsdienst der SS. Nach dem Krieg hat er sich selbst neu geboren, schamlos verpasste er sich einen neuen Namen und heiratete seine Frau als der andere, der er nun ist, noch einmal. Und dieser Neue macht dann eine große Karriere als linker Sozialdemokrat und Germanist. Sich nicht zu stellen, sondern sich "anders" neu zu erfinden, ist womöglich die krasseste Form des autoritären Charakters. Die totale Selbstverleugnung.

Diese zeigt Schädlich auch am Beispiel des Geheimpolizisten Ludwig Tallhover. Schädlich konstruiert eine fiktive Biografie über 150 Jahre. Tallhover wird 1819 geboren und schickt seinen ersten Spitzelbericht 1842 über die Rheinische Zeitung und deren Redakteur Karl Marx aus Köln nach Berlin. Sein Bericht findet Gefallen bei den preußischen Polizeibehörden. "Der Mann ist prädestiniert. Wir brauchen gute Leute", heißt es im Roman. Damit beginnt das lauernde Dienen eines Überzeugungstäters, der über alle Menschen - auch über sich selbst hinweg - das reibungslose Funktionieren staatlicher Autorität sichern will. In ruhigen Linien, in kleinen, geheimen und gemeinen Schritten zeichnet Schädlich auch hier eine Art Grundmuster, das innere Porträt des autoritären Charakters aller Zeiten, zu jeder Tat gegen andere bereit.

1995 veröffentlichte Schädlich die Doppelgeschichte "Mal hören, was noch kommt" und "Jetzt wo alles zu spät is". In der ersten liegt ein Mann in der Einsamkeit des Sterbens. Das Motto ist von Robert Walser: "Etwas hält mich ab, dir etwas zu sein." Der glatteste und komplizierteste Satz und Gegensatz über Beziehungen steht in dieser Geschichte: "Alle Frauen, die ich geliebt hab, hab ich geliebt. Ich hab für sie getan, was ich konnte. Es hat nie gereicht. Alle Frauen, die ich geliebt hab, haben getan, was sie konnten. Es hat immer gereicht."

Schädlichs Endspiel geht einen radikalen Weg. In einer atemlosen vulgären Sprache zeigt er, dass das Leben nichts als die ewige Suche und der Tod nichts anderes als das unappetitliche Abdanken des Körpers ist. Es gibt keinen Trost im Sterben und der Tod ergibt keinen Sinn. Dem radikalen Wirklichkeitssinn von Schädlich entspricht sein radikaler Möglichkeitssinn im Roman "Schott". Gegenüber der politischen Enge des autoritären Systems und der Ausweglosigkeit des Einzelnen im Tod stellt Schädlich die in alle Richtungen hin offene Fiktion. Schotts fiktionale Existenz durchbricht konventionelle Erzählmuster, alles wirbelt durcheinander, alles ist möglich. Deshalb spielt auch der Konjunktiv als literarisches Stilmittel eine Hauptrolle in diesem Buch. Andererseits stehen in diesem Buch kurze Sätze im Präsens. Oft in langen Satzfolgen aneinander gereiht, ergeben sie erschütternde Szenen. "Die Frau, die in der Wohnung unter der Wohnung von Schott wohnt, öffnet die Tür, als Schott vorbei geht. - Herr Schott! - Schott bleibt stehen. Hier ist das Schreibheft, Frau Semper. - Danke, Herr Schott. - Bitte, Frau Semper. - Herr Schott, Was ist das denn für ein Licht draußen? - Das ist die Sonne, Frau Semper. Gerade scheint sie ein bisschen. - Haben Sie einen schwarzen Anzug, Herr Schott? - Nein. - Ich war nicht zur Beerdigung meiner Mutter, Herr Schott. - Warum? - Ich hatte kein Trauerkleid."

Das ist das Meisterhafte in allen Büchern Schädlichs. Die Sätze sind so schlau, sie sehen aus, als wären sie ahnungslos in ihrer spöttischen Tragik und ihrer verletzten Ironie, dass man sich bei Schädlich immer denkt beim Lesen, viel weiter kann man nicht gehen, ohne sofort zu verzweifeln.

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