Literatur : Herz auf Herz

Felicitas Hoppe erzählt Hartmann von Aues „Iwein“

Holger Heimann

Was muss das für ein Buch sein, zu dem der Vater den achtjährigen Sohn erst mit viel Geduld überreden kann, zum Zuhören nur, nicht zum Selberlesen, und von dem das Kind dann nicht genug bekommt: „Noch ein Kapitel, Papa!“ Was für ein Buch muss das also sein? Ein altes vielleicht. Denn ein Buch, das Väter nicht vergessen haben, kann so schlecht nicht sein. Schon gar nicht, wenn dann eine junge, großartige Autorin wie Felicitas Hoppe die alte Geschichte noch einmal neu erzählt, in einer wunderbar lockenden, aber überhaupt nicht possierlichen, sondern zupackenden Sprache.

Hartmann von Aue hat seinen „Iwein“ vor 800 Jahren geschrieben. Felicitas Hoppe hat daraus ihren „Iwein Löwenritter“ gemacht, ein schönes, von Michael Sowa illustriertes Buch. Iwein also – das ist ein famoser Ritter am Hof von König Artus, der loszieht, Abenteuer sucht und sich in die schöne Laudine verliebt, nachdem er zuvor deren Mann im Kampf erschlagen hat. Laudine stirbt fast an ihrer Trauer und verliebt sich doch in Iwein – nach einer einfachen Logik: Muss es nicht der Beste sein, der ihren Gatten bezwungen hat? Die beiden tauschen Herzen: „Jeder von ihnen trug ein neues Herz in der Brust. Iwein das von Laudine und Laudine das von Iwein.“ Doch jetzt geht es erst richtig los. Iwein sehnt sich nach Kämpfen und Turnieren und erbittet sich von Laudine Urlaub. Ein Jahr, dann muss er zurück sein, so das Versprechen, das sie ihm abnimmt. Doch Iwein vergisst die Abmachung.

Sein Erwachen ist fürchterlich. Erst halb, dann ganz verrückt irrt er umher, allein, nackt, niedergedrückt von Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Grandios, wie Hoppe dieses Martyrium erzählt. „Noch ein Kapitel, Papa!“ Durch eine Zauberessenz wird er gesund und wieder zum Ritter. Aber er ist nicht mehr derselbe Ritter. Nicht zum Spaß und Zeitvertreib kämpft Iwein jetzt, sondern weil es notwendig ist. Er besiegt den Drachen und rettet so dem Löwen das Leben, mit dem er dann von Kampf zu Kampf, von Prüfung zu Prüfung zieht: gegen den Riesen, gegen den schwarzen und gegen den doppelten Ritter.

Alles Schlachten, die Felicitas Hoppe rasant erzählt. Zuletzt steht Iwein wieder vor Laudine. Und ihm zittern die Knie: „Aber wirst du mir jemals verzeihen können?“, fragt er sie. Was Laudine entgegnet, erfahren wir nicht. Viel kann sie ohnehin nicht sagen, aber das muss sie auch nicht: „Denn Münder sind nicht nur zum Sprechen da. Vielleicht haben sie sich einfach geküsst.“Holger Heimann

Felicitas Hoppe: Iwein Löwenritter. Erzählt nach dem Roman von Hartmann von Aue. Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main 2008, 256 Seiten, 16,90 €.

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