Literatur : Herz der Ewigkeit

Urs Widmers neuer Roman „Herr Adamson“

Eva Kalwa

Seltsam und wunderbar geht es bei Urs Widmer immer zu, wenn die Hauptfiguren mit sieben Meilen großen Herzen in die Ferne ziehen: Nach Australien („Liebesbrief für Mary“), Zentralafrika („Im Kongo“) oder Argentinien („Liebesnacht“). Und dann machen sie halt irgendwo in den Wüsten und Dschungeln und den Strudeln des Selbstvergessens, um doch, zumindest für Augenblicke, den Ort zu finden, um den die eigene Welt sich im Innern dreht.

Solche schwerelosen Momentaufnahmen finden sich auch in Widmers neuem Buch „Herr Adamson“: als der Ich-Erzähler Horst zu den Navajo-Indianern nach Arizona reist und mit ihnen in ihrer hochkomplexen Sprache Diné-Bizaad spricht. Oder als er mit acht Jahren an der Hand des freundlich-mysteriösen Herrn Adamson von Basel aus hinab in eine schaurige, schmerzerfüllte Unterwelt steigt.

Ja, es geht mitten hinein in die Auseinandersetzung mit dem Tod und kopfüber hinab in die Tiefen der persönlichen Ängste, seit „Das enge Land“ (1981) sind das zwei der zentralen Themen in Widmers Prosawerk. Und in „Herr Adamson“ ist das alte Scheherazade-Motiv von dem, der lebt, solange er erzählen kann, nun bis an sein bei aller Tragik versöhnliches Ende gedacht: Als kleiner Junge begegnet Horst erstmals Herrn Adamson. Der ist in dem Moment gestorben, in dem Horst geboren wurde (Widmers Geburtsdatum) und daher dafür zuständig, Horst an dem ihm bestimmten Todestag hinüberzugeleiten in jene dunkle Welt, wo das „Herz der Ewigkeit“ schlägt. Als es 2032 so weit ist, setzt jener sich auf die Bank in den paradiesischen Garten seiner Kindheit und spricht dort, während er wartet, seiner geliebten Enkelin (auch der 71-jährige Widmer ist Großvater) seine Lebensgeschichte aufs Band – bis ihn Herr Adamson abholt.

Zurück bleibt der Leser. Mit der Hoffnung, dass dieser Geschichtenerzähler „mit dem Schnauz und den wirren Haaren um einen Glatzkopf herum“ wiederkehrt, um mit ihm erneut aufzubrechen ins Unbekannte. Aber ohne das Possierliche, Floskelhafte, das hier manchmal das Schwebende der Widmerschen Erzählmelodie zerstört. Lieber wieder Hals über Kopf und mit fliegenden Schößen – Großvater hin oder her.

Urs Widmer: Herr Adamson. Roman.

Diogenes Verlag, Zürich 2009.

199 Seiten, 18, 90 €.

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