''Herzschlag'' : Mein Herz, ein Probenraum

John Griesemer beschwört die lebensrettende Kraft des Theaters

Andreas Schäfer

Dass John Griesemer, der ehemalige Theater- und Filmschauspieler, reich ausgestattete Tableaus liebt und in seinen Romanen gern das Schicksal seiner Protagonisten mit einschneidenden historischen Ereignissen verzahnt, ist seit Erscheinen seines Erfolgsromans „Rausch“ bekannt. In „Rausch“ (2001), der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt, ging es um die Verlegung des ersten Transatlantikkabels, die Schwierigkeiten, „das größte Schiff aller Zeiten“ zu Wasser zu lassen, und die gewitzte Methode eines Ingenieurs, mit einer Schauspieltruppe Geld für das Projekt zu sammeln. Dagegen spielte „Niemand denkt an Grönland“ (2004) im Eis. Sechs Jahre nach dem Koreakrieg kommt ein junger Soldat einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur und spannt seinem Vorgesetzten die Frau aus. Reisebericht, historischer Roman, Liebesgeschichte, Antikriegsplädoyer vor dramatischer Landschaft – solche Überfrachtung hält, so eine erschöpfte Rezensentin, selbst die beste Geschichte nicht aus.

Auch in Griesemers neuestem Roman „Herzschlag“ herrscht Fülle. Die deutsche Ausgabe, die übrigens vor der amerikanischen erscheint, enthält nicht nur einen netten Brief an den Leser – Griesemers Ton ist so mitreißend leicht, dass man es sich in dieser Geschichte gleich gemütlich machen kann. Dieses Mal liegt das historische Ereignis nicht so lange zurück, ist dafür aber umso einschneidender. Kurz vor dem Angriff auf das World Trade Center erleidet der New Yorker Schauspieler Noah Pingree einen Schlaganfall. Er liegt im Koma, und als er die Augen wieder aufschlägt, hat er nicht nur den Zusammenbruch der Türme verschlafen – er kann auch nicht mehr sprechen, steht also unter einem ähnlichen Nichts-ist-mehr-wie-vorher-Schock, unter dem die ganze Welt steht.

400 Seiten wartet man darauf, dass der gesellschaftliche und der persönliche Schock sinnhaft miteinander verwoben werden, aber die Verknüpfung geschieht nur notdürftig. Das avantgardistische Theater von Noahs Freundin Cecily wurde nämlich bei dem Anschlag verschüttet, was Cecily in eine künstlerische Krise stürzte. Jetzt plant sie einen Performance-Abend über alle Romane von Hermann Melville, bis auf „Moby Dick“. Titel: „Die Qual der Wale“. Für eine Künstlerkrise muss man freilich nicht gleich Türme einstürzen lassen.

Bleibt der private Strang, und der ist windungs-, figuren- und vor allem dramenreich genug. In jungen Jahren verliert Noah Vater und Bruder durch einen Blitzschlag. Erstes Licht dringt in sein düsteres Leben, als seine Mutter als Sekretärin in der Schauspielschule der legendären Schauspiellehrerin Dorthea Holtz in Greenwich Village anheuert und Noah, der sich heimlich auf den Proben rumdrückt, von dem Spiel zweier Männer „wie gebannt ist“. Bald erfahren wir, dass Steph, die Schwester von Noahs Mutter, an der Schule studiert. Sie ist hochbegabt, aber Alkoholikerin, und weil sie manchmal wochenlang abtaucht, fängt Noahs Mutter bald etwas mit ihrem Freund Ike an. Später feiert Ike bescheidene Erfolge in Hollywood, hat vorher aber noch Steph geschwängert, die erst abtreiben will, dann das Kind aber austrägt. Es ist – der Alkohol! – behindert.

Vierzig Jahre verfolgt Griesemer das Leben seiner Figuren: Auch Noah wird Schauspieler, seine Mutter fängt eine Beziehung mit Dorthea an, und schließlich taucht, als erwachsener Mann, auch Stephs Sohn Davy wieder auf. Eine Begegnung mit seinem inzwischen abgehalfterten Vater Ike scheitert zwar, dafür tritt Davy zusammen mit Noah in einem experimentellen Theaterstück auf, in dem die autobiografischen Splitter zweier Traumatisierter zu einer tröstenden Bühnenerzählung kompiliert werden.

Eigentlich geht es in „Herzschlag“ um das Theater als solches. Um den Moment der ersten Begegnung. Um die rettende und zerstörende Kraft der Kunst. Griesemer liebt das Theater so inniglich, dass die Liebe zu seinen Figuren gelitten hat: Mehr als sympathische Scherenschnitte dürfen sie nicht sein. Zwar spielt Griesemer virtuos mit Zeitebenen und Motiven – nur fehlt ihm die Sprache für seine Emphase. So rührend altbacken Griesemers Idealisierung von Videos und Mikros auf der Bühne anmutet, so konventionell ist seine Schreibweise. Für die Beschreibung des Unerhörten reicht es nicht, immer wieder „er staunte“ oder „so etwas hatte er noch nie gesehen“ zu schreiben. Und das besondere Theaterfluidum stellt sich auch nicht ein, nur weil man auf Dutzenden Seiten Proben beschreibt, regelmäßig das „Living Theatre“ erwähnt und die „Alles ist nützlich – Benutzt es!“ - Sprüche einer Zigarillo rauchenden Schauspiellehrerin zitiert.

John Griesemer: Herzschlag. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2009. 430 Seiten, 25 €.

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