Hillenkamp : Fluch der Freiheit

Objektiv übertrieben: Sven Hillenkamp sieht das Ende der Liebe kommen. Doch viele von Hillenkamps Thesen reizen zu Widerspruch.

Gerrit Bartels
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Hochgeschwindigkeitstreffen. Szene aus Ralf Westhoffs Beziehungskomödie „Shoppen“. Foto: cinetextX Verleih

E s ist schon ein Kreuz mit der Freiheit. Da sehen also die Schriftsteller Ilija Trojanow und Juli Zeh unsere bürgerliche Freiheit gerade akut bedroht, und zwar aufgrund der immer zahlreicher werdenden Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen infolge des 11. Septembers. Und da behauptet nun der Journalist und Philosoph Sven Hillenkamp in seinem Buch „Das Ende der Liebe“, dass es ausgerechnet diese Freiheit ist, die dem modernen Menschen die Liebe verwehrt, sie ihm geradezu unmöglich macht.

Die Freiheit, die wir heute genießen, so argumentiert Hillenkamp, stellt uns im Gegensatz zu der Unfreiheit von früher nicht mehr vor Mauern, sondern vor Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten sind „unendlich“, so Hillenkamp weiter, „das heißt von unbegrenzter Zahl. Die unbegrenzten Möglichkeiten sind unendlich mächtig. Sie sind Mauern und Wächter. Sie beherrschen die Menschen.“ Aus Freiheit ist Zwang geworden, aus den unbegrenzten Möglichkeiten die Unmöglichkeit sich zu entscheiden, und aus der romantischen Liebe von früher, die vielerlei Hindernisse zu überwinden hatte, ist die absolute, unbegrenzte Liebe geworden, die einfach scheitern muss „an der Gewalt eines sich als frei und originell verstehenden Bewusstseins“.

Und so weiß Hillenkamp, dass die modernen Menschen sich überwinden müssen, „mit einem Anderen zusammenzubleiben, sich mit einem Anderen zu bescheiden, es mit einem anderen auszuhalten. Aber sie wollen sich nicht mehr überwinden. Denn sie sind freie Menschen.“ Sven Hillenkamps Buch ist eine Anmaßung, es ist, wie er im Vorwort gesteht, eine „große Übertreibung“, die er mit dem an die Wahrhaftigkeit von Übertreibungen glaubenden Philosophen Slavoi Zizek als Gewährsmann aber auch als die einzige Möglichkeit begreift, um „wahrhaft objektiv“ zu sein.

Tatsächlich reizen viele von Hillenkamps Thesen zu Widerspruch. So dürfte zum Beispiel jeder Hartz-IV-Empfänger sofort auf die Barrikaden gehen, sollte er von Hillenkamps postulierter „unendlicher Freiheit“ hören, von der Freiheit „alles zu tun und zu sein, alles zu erreichen: jeden Beruf und jedes Amt, jeden Erfolg und jedes Vermögen, jede Stadt und jedes Land der Welt, jeden Partner.“ Dem ist sicher nicht so, die Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten stellt sich in der Theorie immer noch viel besser dar als in der Praxis. Und auch für die Liebe selbst (und nicht zuletzt das Glück) dürfte jeder Mensch so seine ganz eigene, höchst individuelle Definition haben – und trotzdem finden sich in diesem Buch immer wieder zutreffende Erörterungen darüber, auf welchen Irrwegen sich die Liebes- und Glücksuchenden im 21. Jahrhundert befinden, was Speed-Dating, Swinger-Clubs oder das allgegenwärtige Private, Intime für Auswirkungen auf die Liebe haben. Wie sich „die freien Menschen“ ständig weiterentwickeln und selbstverwirklichen wollen, aber ausgerechnet in einer neuen Partnerschaft einen Ruhe- und Fluchtpunkt suchen. Wie sie dann wieder kaum in der Lage sind, Partnerschaften zu entwickeln, weil sie in den Kontaktbörsen und Eheanbahnungsinstituten bis ins Mark verfeinerte Charakterisierungen ihrer selbst abgeben und sie genau solche studieren – fertiger Fisch trifft auf fertiges Fahrrad sozusagen, weitere Entwicklung ausgeschlossen. Ja, und wer hat sie nicht in seinem Bekannten- und Freundeskreis: die unfreiwilligen Singles, die einen Kinderwunsch haben, die auf die vierzig zugehen, im Fall der auch nicht wenigen Männer auf die fünfzig, aber keinen richtigen Partner finden, um diesen Wunsch zu erfüllen. Und wer kennt nicht die Sehnsucht nach einem anderen Leben beim Anblick eines schönen Unbekannten, einer schönen Unbekannten – und das Wissen darum, dass allein dieser Anblick das Allerschönste ist, diese schön unbestimmt bleibende Sehnsucht, weil die Umsetzung vermutlich nirgendwo anders als ins tiefe Tal der Tränen führt.

Sven Hillenkamp reißt an, denkt, denkt weiter, mit Freud, Adorno, Benjamin, mit Rainald Goetz, mit Botho Strauß. Er belegt, übertreibt, erzählt hie und da Geschichten aus Literatur oder Wirklichkeit und gefällt sich auch in so mancher Sentenz – kalt aber lassen seine Überlegungen nie, der Warn- und Weckruf gelingt ihm. Am Ende weiß man: Locker bleiben geht nicht mehr.

Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.

311 Seiten, 22, 90 €.

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