Himmler-Biographie : Terror und Bürokratie

Beamter, Ideologe, Machtmensch: Peter Longerich hat eine exzellente Biografie Heinrich Himmlers vorgelegt.

Bernhard Schulz
Himmler
Der Reichsführer SS mit Tochter. Gudrun und Heinrich Himmler im März 1938. -Foto: Ullstein

Nach Jahren einer strukturtheoretischen Analyse des Nationalsozialismus hat sich spätestens mit Ian Kershaws Hitler-Biografie die Einsicht in die Bedeutung persönlicher Elemente in der Beurteilung des NS-Regimes erneut Bahn gebrochen. Unter dieser Perspektive allerdings erscheint Heinrich Himmler, der „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“ – um nur den wichtigsten seiner zahllosen Titel zu nennen –, als umso rätselhafter. „Wie konnte eine so farblose Persönlichkeit eine historisch so einmalige Machtfülle erreichen?“, fragt Peter Longerich, der 53-jährige Historiker und Professor an der Universität London, zu Beginn seiner Biografie des SS-Führers. Und betont zugleich: „Ohne den Mann an ihrer Spitze lässt sich diese heterogene, ständig expandierende und sich radikalisierende Organisation nicht umfassend erschließen.“

Es genügt, sich die alles andere als eindrucksvolle Physiognomie dieses bebrillten Schreibtischtäters vor Augen zu halten, um die Rätselhaftigkeit seiner Wirkungsmacht zu erkennen. Göring war der ebenso barocke wie dumm-brutale Lebemann, Goebbels der hochintelligente Fanatiker, Bormann der verschlagene Verwalter von geradezu stalinistischem Zuschnitt, Speer der gewissenlose Technokrat. Über den Rest herrscht, salopp gesagt, Schweigen. Gerade die Mediokrität der NS-Elite hat Anlass gegeben, im Regime eine bloße Maschinerie zu sehen, die, einmal in Gang gesetzt, quasi von allein funktionierte.

In dieses Bild passte Himmler (1900- 1945) als farbloser Bürokrat des Verbrechens. Doch diese Sicht ist mit Longerichs magistralem Werk überholt. Zwar bleibt letzten Endes weiterhin erstaunlich, was diesem Mann einen bis unmittelbar vor dem Ende 1945 ungebrochenen Aufstieg ermöglichte, bei dem er alle Konkurrenten der NS-Polykratie hinter sich ließ. Aber es wird eindrucksvoll deutlich, dass es nicht allein das bürokratische Funktionieren war oder auch – wie bei seinem Stellvertreter Reinhard Heydrich – blanker Machtwille, sondern eine den Zeitgenossen oft als verschroben erscheinende ideologische Fundierung, die ihm eine Richtschnur inmitten aller taktischen Manöver des Machterwerbs bot.

Es ist dies, so Longerich, „das Leitmotiv des ewigen Kampfes ,germanischer’ Helden gegen ,asiatische’ Untermenschen“. Dieses „Leitmotiv“ war ebenso vage wie flexibel. „Himmlers eigentliche Stärke“, schreibt sein Biograf, „bestand darin, alle zwei bis drei Jahre jeweils neue Konzeptionen für seinen Machtbereich zu entwerfen, die den einzelnen Teilen dieses heterogenen Machtkonglomerates aufeinander bezogene Aufträge zuwiesen, die auf die Gesamtpolitik des Regimes abgestimmt waren und sich sowohl machtpolitisch wie ideologisch begründen ließen.“

Die Kernfrage jeder Beschäftigung mit Himmler bleibt diejenige nach der Verantwortung für den Holocaust. Vollständig kann auch Longerich die Radikalisierung der Judenverfolgung vom Angriff auf die Sowjetunion bis zur Wannseekonferenz Ende Januar 1942 und die fraglose Umsetzung der zuvor nicht als Massenmord gedachten „Endlösung“ nicht aufhellen. Doch der Ansatz, neben dem durchgängig überaus geschickt betriebenen Machterwerb die ideologische Komponente im Blick zu behalten, vermag diese Leerstelle plausibel zu füllen. „Auf dem Höhepunkt der nationalsozialistischen Eroberungspolitik“ – im Herbst 1941, bevor die Offensive der Wehrmacht vor Moskau scheiterte – „ersetzte er die Vorstellung eines ,germanischen’ Reiches durch die Vision eines ,großgermanischen’ Imperiums.“ Dieses Imperium, das Longerich als ein „totalitär regiertes Herrschaftsgebilde, das konsequent auf einer rassischen Hierarchie aufgebaut“ sein sollte, beschreibt, bedingte in letzter Konsequenz die Ausrottung der „jüdischen Rasse“.

Himmlers eigene Radikalisierung folgte derjenigen Hitlers, der den Krieg seit August 1941 zum „Krieg gegen die Juden“ erklärte und die Anti-Hitler-Koalition als „jüdische Weltverschwörung“ brandmarkte. Longerich hätte allerdings deutlicher machen müssen, dass Himmler stets sorgsam auf Hitler bezogen bleibt, der die „Lebensraum“-Politik bereits in der Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 offen ausgesprochen hatte. Die bestimmende Rolle Hitlers, dessen Ziele an Radikalität alles übertrafen, was seine Adepten sich vorzustellen vermochten, rückt bei Longerich allzu stark in den Hintergrund. Hitler war der Dreh- und Angelpunkt der NS-Politik und gerade für Himmler der nie bestrittene „Führer“.

Über eine konkrete Anordnung des Völkermordes gibt es bekanntlich keine Dokumente. Er bedurfte allerdings, weil er Hitlers lange zuvor gebildetem Judenhass entsprach, keines Befehls und schon gar keiner Legitimation in dem Moment, da er den Herrschaftserfordernissen des kriegerisch expandierenden Reiches entsprach. Einmal in Gang gesetzt, genügte jeder Anlass, ihn weiter zu radikalisieren, wie die Rachepolitik nach dem tödlichen Attentat auf Heydrich in Prag 1942 zeigt. Was ohnehin beschlossene Sache war, wurde nunmehr mit rasender Wut exekutiert.

Das Bewusstsein der Ungeheuerlichkeit indessen blieb, jedenfalls bei Himmler. In seiner berüchtigten Posener Rede vom Herbst 1943 ließ er sich über das „niemals geschriebene und niemals zu schreibende Ruhmesblatt unserer Geschichte“ aus: „die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes“. Und, kurz darauf vor Gau- und Parteileitern nochmals: „Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ Wer dieses ominöse „es“ war, darüber allerdings schwieg der „RFSS“.

1936 ernannte Hitler den 36-jährigen studierten Landwirt zum „Reichsführer“. Himmler baute die SS zur Macht- und Terrorzentrale aus, die nur ihm und, über ihn, Hitler ergeben war. Dem Sohn eines Münchner Gymnasiallehrers war eine solche Karriere weder in die Wiege gelegt noch in humanistischer Schulbildung mitgegeben, ja nicht einmal durch seine zeittypische Verstrickung ins völkisch-radikale Milieu nach 1918 vorbestimmt worden. Longerich verweist auf Himmlers früh sich zeigende „Pedanterie und sein megalomanes Kontrollbedürfnis ebenso wie seinen Größenwahn“ – Eigenschaften, die den frustrierten Kriegsheimkehrer für jene eigentümliche Mischung aus Gesetzlosigkeit und Regelhaftigkeit, aus Terror und Bürokratie prädestinierten, die das NS-Regime insgesamt kennzeichnet. Aus dem katholischen Milieu des monarchistischen Vaters weicht der biedere Himmler in einen krude „Weltanschauung“ aus, die nahtlos an die Rassentheorien des 19. Jahrhunderts anschließt. Himmler ist gewissermaßen der ideologische Gegenpol zum „modernen“ Technokraten Albert Speer, mit dem er sich in der Spätphase des Krieges, aufgestiegen zum Chef des zwei Millionen Soldaten umfassenden „Ersatzheeres“, hinsichtlich des „totalen Kriegseinsatzes“ arrangieren muss. Himmlers beispiellosem Aufstieg folgt jäher Absturz. Der SS-Chef versucht seine Haut durch Kontakte zu den Westalliierten zu retten, wird vom wutschäumenden Hitler verstoßen und begeht, auf der Flucht von britischen Soldaten festgenommen, schmählich Selbstmord.

Ohne ihn, dies das Fazit der exzellenten, stilsicher geschriebenen Biografie, hätte die SS ihre beherrschende Stellung unter den konkurrierenden NS-Machtzentren wohl kaum erlangt. „Himmler war alles andere als ein auswechselbarer Funktionär oder gar Bürokrat“, bilanziert Longerich, sondern vielmehr „ein extremes Beispiel nahezu totaler Personalisierung politischer Macht“. Himmler war eine Randexistenz, die unter einmaligen Umständen zum unumschränkten Exekutor des Staatsterrors aufsteigen konnte.

– Peter Longerich:
Heinrich Himmler. Siedler Verlag, München 2008. 1037 Seiten, 39,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar